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Die Saison 2002/03 -
So sah es die "Goslarsche Zeitung":


GZ-Online

An dieser Stelle präsentieren wir Ihnen die Rezensionen aus der "Goslarschen Zeitung" zu den Aufführungen der "Bühne Bad Harzburg" der Saison 2002/03.

So können Sie noch einmal in Erinnerungen schwelgen und die Vorstellungen Revue passieren lassen!

Wenn Sie bestimmte Künstler suchen, hilft Ihnen sicherlich auch unsere Gästeliste.

Artikel Treue Artikel Caruso Artikel Einmal Sonne für Zwei
Artikel Zehn kleine Negerlein Artikel Die Frau vom Meer Artikel Der Kreis

Der Kreis:

Ein großer Bogen als starrer Rahmen

"Der Kreis" beendete am Freitag die Theatersaison

Mit "Der Kreis" hat die Bühne Bad Harzburg am Freitag im Kurhaus zum Abschluss der Saison 2002/03 noch einmal den großen Themen-Bogen geschlagen: Moral, Verrat, Liebe und Treue, Vergeben, Vergessen, Glück und Verzicht - der Bogen war vielleicht etwas groß geraten für eine zweistündige Komödie. Und so wirkte das Stück am Ende weder wirklich komisch, noch wirklich tiefgründig.

Fasziniert von der Liebe

Es ist ein schicksalhaftes Wochenende, das sich Autor Somerset Maugham in den 20-er Jahren für die Familie Champion-Cheney erdacht hat. 30 Jahre nach der Trennung von ihrem Mann Clive (Peter Fricke) kehrt Lady Catherine (Ursula Dirichs) auf den englischen Landsitz zurück. Ihre Schwiegertochter Elizabeth (Silvia Seidel) hatte sie und ihren Lebensgefährten Lord Porteous (Fred Kretzer), mit dem sie damals schlagzeilenträchtig durchgebrannt war, eingeladen.

Elizabeth ist fasziniert von der Frau, die vor 30 Jahren für ihre große Liebe alles aufs Spiel gesetzt hat: ein trautes, finanziell abgesichertes Familienleben, genauso wie die politischen Karrieren von Ehemann und Geliebtem. Diese Faszination kommt nicht von Ungefähr. Elizabeth ist selbst in tiefer Liebe entbrannt, aber nicht für ihren Mann Arnold (Ralf Benson), sondern für Edward Luton (Thomas Weber-Schallauer), einen gut aussehenden Plantagenbesitzer und Freund des Hauses.

Soll sich jetzt alles wiederholen? Soll der Sohn die gleiche Schmach erleiden wie sein Vater? Oder wird sich Elizabeth eines Besseren belehren lassen, weil sie an Lady Catherine und Lord Porteous sehen kann, dass die große Liebe nicht ewiges Glück verheißt und die Romantik von einst sich nicht konservieren lässt? Ein allzu plakatives Handlungsschema lässt den Akteuren kaum Raum, diese innere Ungewissheit auch darstellerisch umzusetzen. Zu viele Leute müssen sich zu viel sagen, um die großen Themen des Stücks abzuarbeiten - dabei bleibt das Schau"spiel" auf der Strecke.

Aus Erfahrungen lernen

Zudem bleibt die Rolle der hilfsbereiten Hausfreundin Anne Shentone (Patrizia Orlando) rätselhaft. Sie wirkt in ihren sporadischen Aktionen bald ebenso erstarrt wie der betrogene Ehemann Arnold, der sich in seinem hölzernen Wesen festgespielt hat, und der Geliebte Edward, dessen Charme schnell verflogen ist. Dennoch entscheidet sich Elizabeth für den smarten Plantagenbesitzer - weil er ihr nicht das große Glück, aber die große Liebe verspricht.

Die Strategie der selbstlosen Aufopferung, die Vater Clive für seinen Sohn Arnold erdacht hat, geht nicht auf. Elizabeth lässt sich weder Angst noch ein schlechtes Gewissen machen. Nicht von Arnold und auch nicht von dessen Mutter Catherine. Auch weil sie weiß, dass die Zeiten sich geändert haben und ihr Schicksal dem der Schwiegermutter vielleicht ähnlich, aber trotzdem ein ganz anderes ist. Und da ist es wieder mal an Lord Porteous - wie so oft in diesem Stück und meist auf entspannend komische Art - eine richtige Feststellung zu treffen: "Kein Mensch kann aus den Erfahrungen anderer lernen, weil die Umstände immer andere sind".

Berit Seeger
GZ von Mo., 28.04.2003
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Die Frau vom Meer:

Vom Ende der Macht des fremden Mannes

Bühne Bad Harzburg zeigte im Kurhaus das Schauspiel von Henrik Ibsen "Die Frau vom Meer" - Emanzipation und kleinbürgerliches Denken

Ibsens Bühnenwerke haben am Ende des 19. Jahrhunderts das europäische Theater stark beeinflusst. Kann er aber auch heute noch mit seinen Problemen und seinen Problemlösungen die Menschen erreichen? Ist Ibsen in unserer Zeit überholt oder noch längst nicht ausgeschöpft? Dass beide scheinbar gegensätzliche Auffassungen zutreffen können, zeigt die Aufführung von "Die Frau vom Meer", die auf der Bühne Bad Harzburg am Freitag präsentiert wurde.

Eigene Entscheidung

Die äußere Welt der Ibsenschen Handlungen gibt es heute nicht mehr. Die Handlungen der Personen erscheinen häufig widersinnig oder fremd. Die in diesem Stück herausgearbeiteten Formen der Frauen-Emanzipation, die heute bereits ein hohes Maß an Verwirklichung gefunden hat, reizt eher zum Lachen als zur Auseinandersetzung. Und dennoch, irgend etwas an diesem Ibsen und seiner Frau vom Meer ist noch da, was anrührt.

Da ist die Sehnsucht nach Freiheit, der Wille, die eigene Entscheidung treffen zu wollen, die Erkenntnis, dass Freiheit auch Verantwortung bedeutet und dass Kompromisse nötig sind um Ziele zu erreichen.

"Die Frau vom Meer" ist Ellida, verheiratet mit einem Mann, der aus der ersten Ehe zwei fast erwachsene Töchter in die neue Verbindung eingebracht hat. Ellidas Liebe gehört dem Meer, dessen Rhythmus sie lebt und dem ihre Träume gehören. In ihr ist eine große Sehnsucht nach der Weite, aber auch die Erinnerung an einen geheimnisvollen Seemann, mit dem sie einst ein starkes emotionales Erlebnis hatte. Er hat sie verhext und geht ihr nicht aus dem Kopf.

Die Ehe mit Dr. Wangel scheint fast daran zu zerbrechen. Als der Seemann nach Jahren plötzlich wieder auftaucht ist Ellida drauf und dran ihm zu folgen. Ehemann Wangel will das autoritär verhindern. Erfolg hat er aber erst, als er die Frau die Entscheidung selbst in völliger Freiheit treffen lässt. Sie entscheidet sich gegen den Fremden mit seiner lockenden Ferne und für den Ehemann. Die Töchter schließen Kompromisse, weil sie so am besten ihre eigenen Vorstellungen vom Leben realisieren können.

In seinem 1888 uraufgeführten Stück treibt Ibsen die Vermengung von Symbolik und Kleinbürgerlichkeit ungewöhnlich weit. Bei der Bad Harzburger Aufführung blieb aber vieles auf der Strecke, was im Stück unterschwellig angelegt ist.

Der "grauenhaft-geheimnisvolle" Fremde (Norbert Braun), ein Erlösung suchender "fliegender Holländer" im Zopfmuster-Norweger-Pullover, blieb lächerlich statisch. Es ist darum auch doppelsinnig verständlich, warum die "Ewig-Sehnsüchtige" Ellida (Eleonore Weisgerber) ihm nicht folgt. Die Darstellerin selbst kam gut ins Spiel, vermied gut allzu hysterische Züge, fand ein gutes Maß, der Figur nachvollziehbares Leben einzuhauchen.

Ohne besondere Akzente

Sie verlieh auch dem Stück nach längerer anfänglicher Zähflüssigkeit einigen Schwung. Holger Petzold war der Ehemann, der Protagonist des Diesseits-Wirklichen, der über seinen Spießbürger-Schatten springt und dadurch letztlich gewinnt. In den weiteren Rollen spielten Mona Perfler (Bollette), Karina Kecsek (Hilde), Michael Kausch (Arnholm) und Christian Gedschold (Lyngstrand). Die darstellerischen Leistungen, vor allem des männlichen Teils, setzten keine besonderen Akzente.

Klaus Röttger
GZ von Mo., 17.03.2003
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Zehn kleine Negerlein:

Ein makabrer Ausflug oder: Wer ist der Mörder?

Bühne Bad Harzburg startete am Donnerstag mit Agatha Christies
"Zehn kleine Negerlein ? Und dann gab´s keines mehr"
in das neue Jahr

Ein Krimi ohne Leiche ist bekanntlich wie Suppe ohne Salz. Das Theaterstück "Zehn kleine Negerlein - Und dann gab's keines mehr" von Agatha Christie ist, so gesehen, äußerst scharf gewürzt. Alle zehn Charaktere müssen im Laufe der Aufführung auf skurrile Weise ihr Leben lassen.

Für Gänsehaut sorgte diese Mordfolge am Donnerstag im fast ausverkauften Kurhaus zwar nicht, aber das unlösbar scheinende Rätsel um den Mörder verlieh dem Theatergeschehen Spannung, die sich bis zum ebenso überraschenden wie bizarren Finale weiter steigerte. Trotz einiger Längen in den Dialogen bekam das Publikum einen kurzweiligen und unterhaltsamen Theaterabend geboten, ein Verdienst des zum großen Teil hochkarätigen Ensembles.

Die Schauspieler schafften das Kunststück, ihre Figuren individuell zu gestalten und ihnen so etwas wie Persönlichkeit zu verleihen. In einem Stück, in dem die Charaktere eher zweitrangig sind, und die Frage: "Wer ist der Mörder?" im Vordergrund steht, kein leichtes Unterfangen. Um so erfreulicher, dass Hauptdarsteller Volker Kraeft als scharfsinniger Sir Wargrave und seine Kollegen diese Aufgabe meisterten.

Das Stück beginnt harmlos. Acht Menschen werden übers Wochenende von einem unbekannten Gastgeber auf eine einsame Insel eingeladen. Als die Gäste in dessen Villa ankommen, werden sie von den Bediensteten Mr. und Mrs. Rogers (Thomas Weber-Schallauer und Ute Schönfelder) in Empfang genommen. Der Gastgeber selber scheint zur Verwunderung der zehn Personen abwesend zu sein. Das hindert ihn jedoch nicht, jeden Einzelnen übers Grammophon des Mordes zu beschuldigen. Doch es soll nicht bei diesem makabren Scherz bleiben. Die Anwesenden müssen feststellen, dass sie für ihre mutmaßliche Schuld mit dem Tod büßen sollen. Flucht ist aussichtslos. Das Telefon ist kaputt, das nächste Boot kommt erst am Montag: Eine perfide Falle.

Die ungleichen Charaktere gehen mit dieser Situation höchst different um. Während der leichtlebige Captain Lombard (großartig: Fritz Bleuler) amüsiert zum Musizieren einlädt, liegen die Nerven beim unauffälligen Mr. Blore (wurde im Laufe des Stücks immer besser: Wolfgang Grindemann), beim aufgedrehtem Doktor Armstrong (Karl-Heinz Barthelmeus), dem knorrigen General Mackenzie (Helmut Kolar) und der betont bibeltreuen Lady Emily (Brigitte Strohbauer) flach.

Als Lombard die Noten eines bekannten Kinderliedes auf dem Klavier entdeckt, ahnt noch niemand, dass dies sozusagen die Anleitung zu einer Mordreihe ist. Fröhlich singt er den Text: "Zehn nackte Negerlein, die tranken ein Glas Wein. Das erste, das verschluckte sich - da waren's nur noch neun."

Erst als der schneidige Anthony Marston (Rüdiger Osterholt) an einem Schluck Wein erstickt, entdecken die Anwesenden den Zusammenhang. Das hilft ihnen aber nicht, weitere Morde zu verhindern. Genau wie im Lied vorgegeben, findet einer nach dem anderen den Tod. Und die fieberhafte Suche nach dem Täter führt zu einem alptraumhaften Szenarium aus Misstrauen und Unterstellungen. Nur das letzte Opfer, die taffe Vera Claythorne (niemand schreit schöner: Claudia Buser) erfährt, wer der scharfsinnige Täter ist. Und am Ende gab's keines mehr...

Katy Schmidt
GZ von Sa., 18.01.2003
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Einmal Sonne für Zwei:

Vom Werden und Sein eines Vaters

"Sonne für Zwei": Volker Lechtenbrink und Jeanette Arndt
plauderten sich mit Witz durch den Theaterabend

Mit "Sonne für Zwei" verabschiedete sich die Bühne Bad Harzburg am Donnerstagabend aus dem Jahr 2002. Flotte Dialoge, eine leichte Geschichte, gute Schauspieler und schließlich ein klassisches Happy-End bescherten dem Publikum im Kurhaus einen kurzweiligen Komödienabend.

Mit einer Erpressung beginnt die Geschichte des französischen Autors Pierre Sauvil. Ein junge Frau (Jeanette Arndt) steigt in das Haus des Klinikchefs Dr. Bertholin (Volker Lechtenbrink) ein und behauptet, er hätte ihr vor einem Jahr Leukämie diagnostiziert und eine Lebenserwartung von sechs Monaten prophezeit. Nun lebe sie immer noch, weil sie nie an Blutkrebs erkrankt war. Stattdessen fehlen ihr Job und Geld und deshalb will sie bei Bertholin wohnen, bis sie einen Job gefunden hat.

Naja, mag man denken, das ist für eine derartige Fehldiagnose vielleicht nur gerecht. Nicht für den Doktor. Der ist eingefleischter Junggeselle, hat sich zeitlebens Frauen, Kinder, Hunde und sonstige Schwierigkeiten vom Hals gehalten, um sich in Ruhe Mozart, Schach, Golf und seinen Liebschaften widmen zu können. Nun das. Ausgerechnet eine Frau, Anfang 20, in ihrer Art ein wenig stürmisch und störrig, will ihm bekennendermaßen "das Leben ein bisschen zur Hölle machen". Er lässt sich trotzdem darauf ein. Vielleicht auch, weil die Frau recht attraktiv ist.

So plätschert das Stück eine Weile dahin. Sie zoffen sich und vertragen sich, reden über sich und das Leben, über seine "Sonnenseite" und ihre "Schattenseite". In diesen Momenten scheint alles offen - verlieben sie sich jetzt in einander, oder er sich in sie, oder sie sich doch in ihn? Es kommt anders: "Ich bin ihre Tochter", eröffnet Josefine dem Klinikchef eines Abends, als sie beschlossen hatte, dass er ihr für die Wahrheit sympathisch genug erscheint. Die angebliche Fehldiagnose war nur ein Vorwand, den Vater zunächst als Menschen kennenzulernen.

Bertholin ist geschockt. Er? Vater? "Normalerweise hat man neun Monate Zeit, sich an den Gedanken zu gewöhnen", rechtfertigt er seine Verwirrung. Ein DNA-Test lässt keine Zweifel zu. Es kommt, wie es kommen muss. Selbst der Luxus-Lebemann kann väterliche Gefühle entwickeln. Josefine entlockt sie ihm in kindlich-charmanter Art. Nach sechs Monaten schlurft der Klinikchef im Bademantel durch die Wohnung, denkt bereits an eine Psychotherapie - so schwer kann Vater-Werden sein. Vor allem in der Midlife-Crisis. Vor allem, wenn man sich jeglichen Familiensinn bislang erspart hat.

Das Happy-End? Die Tochter will nach einem Jahr mit einem Freund zusammenziehen, und der Vater will sie nicht ziehen lassen. Endlich alles normal.

Berit Seeger
GZ von Sa., 23.11.2002
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Caruso:

Der Mann, dessen Aufgabe das Singen war

Musik auf der "Bühne Bad Harzburg": Das Leben der Legende
"Caruso" versöhnte für den misslungenen Auftakt der Saison

Der Vorhang geht auf, und Enrico Caruso stirbt. Nicht sofort, er lässt sich noch gut zweieinhalb Stunden Zeit und in denen erzählt er seinen Gästen - in diesem Fall den Besuchern der "Bühne Bad Harzburg" - sein Leben. Das Leben einer Legende.

Eine außergewöhnliche Theatervorstellung erlebten die Harzburger am Donnerstag, fast schon einen Opernabend. Hier und da vielleicht mit ein paar Längen, und zwei, drei überflüssigen Slapstickeinlage. Aber unterm Strich versöhnte das zweite Stück der Spielzeit für den misslungenen Auftakt einige Wochen zuvor ("Treue oder der Hochzeitstag").

Mit der Handlung verhielt er sich bei "Caruso" ein wenig so, wie bei "Titanic": Man wusste von vornherein was passiert: Kleiner Italiener kann gut singen, sehr gut sogar, Weltklasse, um genau zu sein, erlebt eine rauschende Karriere, liebt die Bühne, liebt die Frauen, liebt sein Publikum und stirbt. Die Frage nun: Wie spielt man das?

Das "Kleine Theater Bad Godesberg" hatte sich dazu diverser dramaturgischen Kniffe bedient, mitunter wohl aus der Not heraus, dass ein Tourneetheater nur schwerlich mehr als 20 Stationen aus dem Leben einer Legende im Gepäck haben kann. Aus einem kleinen Rondell in der Bühnenmitte wurde im Handumdrehen: Die Küche der Familie Caruso, dann die Kneipe, in der Enrico als Straßensänger auftritt, die Gesangsschule, die erste Konzertbühne seiner Karriere, die Garderobe in der er seine Frau Annarella und den berühmten Komponisten Toscanini kennen lernt, das Schiff, auf dem er nach Amerika fährt, um eine Weltkarriere zu starten und den ersten Plattenvertrag der Musikgeschichte abschließt, den Filmraum, in der der Stumm(!)film flimmert, durch den ihn der Rest der Welt kennen lernen soll, die Kirche in der Caruso seine zweite Frau Dorothy heiratet und schließlich die Bühne der Metropolitan Opera, auf der er nach 600 Vorstellungen in New York am Weihnachtsabend das Jahres 1920 zusammenbricht.

An diese Szenenwechsel musste (aber konnte) man sich gewöhnen. Mehr Obacht verlangte jedoch der Umstand, dass 23 Neben-Rollen von vier Schauspielern dargestellt wurden, darunter kräftige Charakterköpfe, bei denen der Verwechslungseffekt schnell mal ins Verwirrende ging.

Caruso selbst wurde ebenfalls von verschiedenen Schauspielern verkörpert, einer (etwas künstlichen) "Jungenversion" (Marc Wilmsen) einer sterbenden "alten Variante", die auch als Erzähler fungierte (sehr stark Werner Hasselmann) und einer das Stück tragenden "Erwachsenenausgabe" (Bernd Könnes). Und die machte den Abend zum Erlebnis: Könnes sang sich die Seele aus dem Leib, erntete permanent Szenenapplaus für seine Arien und Volkslieder. Eine starke Ergänzung hatte er in Christine Gogolin, die (unter anderem) in die Rollen der Operndiva Emilia Gatti und der Ehefrauen Carusos schlüpfte. Sie produzierten italienisches Opernflair am laufenden Band, man wähnte sich in der Mailänder Scala, und nicht im Harzburger Kurhaus - das sich aufgrund des just in der Theaternacht stattfindenden Pächterwechsels in einem erbärmlichen Zustand präsentierte. Aber darüber musste man hinwegsehen und Caruso half nach Leibeskräften. Obwohl 240 Minuten italienische Oper sich ziehen können, war der Applaus lang, herzlich und sehr ehrlich. Und er sorgte für eine Premiere auf der Harzburger Theaterbühne: Eine Zugabe zum Mitklatschen.

Holger Schlegel
GZ von Sa., 02.11.2002
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Treue oder Der Hochzeitstag:

Die spannende Frage des Abends: "Passiert da noch was?"

"Bühne Bad Harzburg" startete mit "Treue oder der Hochzeitstag"
nicht unbedingt fulminant in die neue Theaterspielzeit

Ehemann bucht Killer für Ehefrau. Doch Killer mag Ehefrau und Ehefrau mag Killer. Der Ehemann fliegt raus, Ende, Aus. Durchaus vorhersehbare Züge hatte das Theaterstück "Treue oder der Hochzeitstag", mit dem die "Bühne Bad Harzburg" am Freitag die neue Saison eröffnete. Gottlob waren die Schauspieler gut.

Margaret (Heidelinde Weis) und Jack (Dieter Trayer): Ein Paar, wie es im Buche steht. Seit 20 Jahren verheiratet, eine Firma mit ihrem Geld aufgebaut, die er nutzt, sich im Erfolg zu sonnen und andere Frauen kennen zu lernen. Margaret ist allein zu Haus. Einsam, traurig, trotzdem treu. Mit allem ist bald Schluss. Margarets Retter heißt Tony (Winfried Glatzeder). Er kommt, sie im Auftrag des Ehemannes zu erschießen. Doch es entwickelt sich eine Form von Sympathie zwischen ihnen, die schnurstracks ins Bett führt.

Soweit die Ausgangslage, von der der Theaterbesucher zu recht erwarten durfte, dass nun die eine oder andere Verstrickung mit manch unvorhergesehener Wendung einhergeht, dass eine leichte Geschichte erzählt wird, die, wenn auch vielleicht nicht zwingend spaßig, so doch zumindest interessant mitzuerleben sein sollte. Doch irgendwann war das einzig Spannende die Frage, ob vielleicht noch mal irgendwann etwas passiert. Stattdessen: Ein einstündiger Dialog zwischen Killer und Opfer. Thema: Treue. Können Männer treu sein? Nein, das liegt ihnen in den Genen. Was ist Treue? Kommt darauf an, welchen Geschlechts man ist. Ein Mann bucht einen "blow job" noch als Treue ab, während eine Frau schon beim Essen mit einem Anderen Gewissensbissen bekommt.

Das waren alles durchaus hintergründige Aspekte. Aber irgendwann, so nach einer halben Stunde, ermüdete der ewige treu-oder-nicht-treu-Dialog. Da half es nichts, das Glatzeder den leicht schmierigen, aber schwer sympathischen Tony so verkörperte, dass man ihm am liebsten nach der Vorstellung zu einem Bier hätte einladen wollen. Während die große Heidelinde Weis allerdings etwas zu sehr die große Heidelinde Weis spielte.

In der Pause die Frage: "Erschießt er sie noch, oder erschießt er sie nicht?", wobei irgendwie klar war: Er schießt nicht. Aber vielleicht kam ja noch eine neue Wendung, gar das "Unvorhergesehene", das im Programm angekündigt war?

Auftritt: Ehemann Jack. Natürlich treu sorgend, trotz gewisser Überraschung, dass die Gattin noch da ist. Es kam etwas mehr Feuer in die Handlung, wohlgemerkt: etwas. Nein, nein, er, der Gatte, habe keinen Killer bestellt. Ja, ja er sei selbstverständlich treu... Nein, eigentlich doch nicht. Ja, er habe eine Geliebte. Schuft! Aber wusste das das Publikum nicht schon?

Auf der Zielgeraden letzte Chancen für die Dramaturgie: Vielleicht war der Killer gar nicht vom Ehemann bestellt? Das wäre noch einmal eine Herausforderung gewesen, der sich Autor Chazz Palminteri aber auch nicht stellte. Tony (der seinen Auftraggeber nie persönlich gesehen hatte) und Maggy entlocken Jack: Ja, er wollte die Gattin morden lassen. Jack muss gehen. Vorhang, freundlicher Applaus im ausverkauften Haus, Blumen für die Darsteller, denen in der Tat Dank auszusprechen ist. Sie, gerade Glatzeder, verliehen den nicht gerade facettenreichen Charakteren eine gewisse Farbe und gaben einem Stück mit amerikanisch-flachen Handlungswurzeln noch einen Hauch von Tiefe.

Holger Schlegel
GZ von Mo., 07.10.2002
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