Unsere Veranstaltungen des Jahres 2003 -
So sah es die "Goslarsche Zeitung":


GZ-Online

An dieser Stelle präsentieren wir Ihnen die Rezensionen unserer Veranstaltungen aus der "Goslarschen Zeitung". So können Sie noch einmal in Erinnerungen schwelgen und unser Veranstaltungsjahr 2003 in Ruhe Revue passieren lassen! Wenn Sie bestimmte Künstler suchen, hilft Ihnen sicherlich auch unsere Gästeliste.


Artikel Stephan Bauer Artikel Bo Doerek Artikel Rüdiger Dahlke Jörg Friedrich Artikel Harzbuerger Themenbrueder mit Horst Woick
Artikel Katerina Jacob Artikel Jazz im Schloß Artikel Jess Jochimsen Artikel Junge Bühne Artikel Stefan Klein
Artikel Arnold Krohne Artikel Manfred Krug Artikel Tiki Küstenmacher Artikel Lalelu Artikel Michael Lesch
Artikel Neujahrskonzert Artikel Dieter Nuhr Artikel Open-Air-Summernight Artikel Schumann-Abend Artikel Songnacht
Artikel Klausbernd Vollmar Artikel Rolf Zacher

Bo Doerek:

Bloß gut, ohne Beigeschmack

"Bo Doerek" gastierten am Samstagabend auf Einladung des Kulturklubs im Schloss

Was Alexandra Doerck und Hubertus Borck abliefern ist - kurz gesagt - einfach gute Unterhaltung. Zusammen sind sie das Comedy-Paar "Bo Doerek". Einzeln sind sie gut, zusammen sind sie richtig gut und deshalb hatte der Kulturklub genauso gut daran getan, sie am Samstagabend zum zweiten Mal nach Bad Harzburg einzuladen.

Alltag deutscher Hotels

Bei ihren Touren durch Deutschland erfahren die beiden Kiez-Musiker aus der Weltstadt Hamburg vieles über den Alltag in der deutschen Provinz. Über Design-Hotels ("da braucht man 23 Minuten, bis man weiß, wie der Wasserhahn angeht") und über Furnier-Hotels ("da rettet einen nur die Minibar") oder über die Absonderlichkeiten auf deutschen Frühstückstischen - Scheibletten und Gesichtswurst ("Ich möchte morgens nicht von einer Scheibe Wurst angegrinst werden, denn eine Wurst mit Gesicht hat etwas zu verbergen"). Und natürlich bleibt es nicht aus, das "Bo Doerek" auch die Wirklichkeit der Deutschen Bahn kennen lernen Wenn sie mit ihren riesigen roten Hartschalenkoffern gerade noch rechtzeitig auf dem richtigen Bahnsteig angekommen sind - werden just in diesem Moment 20 Minuten Verspätung für den ICE durchgesagt. So ist das Leben.

Im Programm "Leichte Mädchen" kann sich fast jeder irgendwo wieder finden, mit seinen eigenen Marotten oder mit denen derjenigen, über die man sich mit wachsender Begeisterung aufregen könnte. Beispielsweise über Frauen, die mit riesigen Geländewagen durch die Stadt fahren. Oder über die Damen der High-Society, die sich golfspielend über die Neuigkeiten ihrer tagtäglichen Langeweile austauschen. Oder über Frauen, die Kochen als ihr Hobby angeben aber so aussehen, als würden sie selbst niemals mitessen.

"Bo Doereks" Humor ist sympathisch, auch wenn es die Frauen im neuen Programm zugegebenermaßen härter als die Männer trifft. Die Pointen sind treffsicher - auch im Ton. Über diese Art von Comedy kann man herzhaft lachen, ohne den schalen Beigeschmack, weil es einem doch eigentlich gleich im Halse stecken bleiben müsste. Doerck und Borck sind nicht boshaft und schon gar nicht billig, sondern beweisen einfach ein gutes Gespür für die humorigen Feinheiten des Alltags.

Wie Verelendung begann

Ihre Gesangseinlagen sind ein Teil dessen, was als gute Unterhaltung in Erinnerung bleiben wird. Begleitet vom Gitarristen Hans Ulrich Kringler bringen Alexandra Doerck und Hubertus Borck ihre Stimmen gekonnt zur Geltung. Balladen, Gassenhauser, Deutschrock - "Bo Doerek" beherrschen das Repertoire.

Auch von den angepriesenen Lebensweisheiten gab es einige. So konnten sich die 200 Gäste im Schloss sicher sein, dass "Armut nur für die vorgesehen ist, die auch so aussehen" und "die Verelendung schon begann, als man aufhörte Socken zu stopfen".

Das Pressefoto
Berit Seeger
GZ von Mo., 01.12.2003
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Lalelu:

Große Kunst sind fliegende Bratlinge

Ein fast voller Kurhaussaal: Kulturklub hatte wieder "LaLeLu" zu Gast - Zweieinhalb Stunden A-capella-Comedy

Menschen, die am Sonnabend im Kurhaus zum ersten Mal einen a-capella-Comedy-Abend mit "LaLeLu" erlebten und mit Recht schwer begeistert waren, sei gesagt: Die können sogar noch mehr.

"Große Kunst. Für sehr viel Geld", das neue Programm des Quartetts, ist mehr als zuvor eine Fleißarbeit des Komponisten und Arrangeurs der Gruppe, Sören Sieg. Das zweieinhalbstündige Programm füllte er mit vielen eigenen beziehungsweise wenig bekannten Stücken, inklusive witziger Texte. Bloß: Die große Kunst von "LaLeLu", das, was die Gruppe bei den vorangegangenen Auftritten in Bad Harzburg (auch) so besonders machte, fehlte ein wenig: Die konsequente Verballhornung bekannter Melodien.

Zum Glück schmerzte der Verlust nicht sehr, denn Sieg hat genug Potenzial, auch mit Eigenem und Unbekanntem Spaß zu machen. Zumal er, wie auch seine Mitstreiter Tobias Hanf, Jan Melzer und Sonja Wilts, derart mit Witz und Können bewaffnet ist, dass selbst schlechte Kinderlieder - "Ottokar hat Segelohren", "Du bist ein Volltreffer Gottes", "Ich will Pfannkuchen" - große Kunst werden.

Aber was ist eigentlich große Kunst? "Josef Beuys hat einmal gesagt, jeder ist ein Künstler, was Dieter Bohlen übrigens gründlich missverstanden hat." Große Kunst, so erfuhren die Besucher, ist zum Beispiel, die Frau fürs Leben zu finden. Da hatte sogar Georg Philipp Telemann seine Schwierigkeiten, trotz seiner barocken Kontaktanzeigen-Kantate "Ich bin ein Kuschelbär" (grandios: Tobias Hanf).

Eine Kunst ist auch, Kinder zu erziehen. Das fängt schon bei der Auswahl der Lieder an, die man ihnen singt. "Hänschen klein"? Pädagogischer Müll! " . . . aber Mama weinet sehr, da besinnt sich das Kind, läuft nach Haus geschwind": Hunderte von Männern wohnen noch mit 26 bei Muttern, weil sie diese Zeilen verinnerlicht haben.

Richtig gut sind "LaLeLu" immer dann, wenn der Humor in die absolute Schräglage kommt: Schon mal eine Ode an fliegende Grünkernbratlinge gehört? Und konsequent gut sind LaLeLu, wenn sie ihre Medleys anstimmen und sich die Beatles, Hot Chocolate und DJ-Ötzi Gedanken darüber machen, was Frauen wollen (in letzter Konsequenz übrigens Pfannkuchen). Oder wenn die große Kunst, das richtige Verkehrsmittel zu wählen, mit einem Hin- und Her aus "Nimm mich mit, Kapitän" und "Highway to Hell" interpretiert wird. Das sind die großen Momente der Show, in denen sich "LaLeLu" in knappster Zeit von einer Rolle zur anderen singt, in einem wilden Wechsel aus Klamauk und Klassik, Schwachsinn und Swing - davon hätte man gern mehr gehört.

Die Gruppe beherrscht auch die große Kunst, aus einem riesigen Pool skurriler Ideen zu schöpfen, ohne sie all zu inflationär oder deplatziert in die Musik einzubauen. Wie eben die fliegenden Grünkernbratlinge. Oder wie gregorianische Mönche, die sich im Echo einer Kathedrale schlechte Witze erzählen.

Aber die größte Kunst von "LaLeLu" ist zweifelsohne der punktgenaue Einsatz von Talenten. Sei es die warme Stimme von Tobias Hanf, sei es die "Ich-mach-die-Frauen-schwach"-Ausstrahlung von Jan Melzer, sei es die begabte Schönheit von Sonja Wilts oder der spitzbübische Humor Sören Siegs. Nicht umsonst hatte der Kulturklub die Gruppe wiederholt für einen Auftritt gebucht - der sicherlich nicht der letzte war.

Das Pressefoto
Holger Schlegel
GZ von Di., 18.11.2003
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Jörg Friedrich:

Landschaften ohne Wurzel

Militärhistoriker Jörg Friedrich sprach am Montag über den alliierten Bombenkrieg

Fünf Jahre Bombenkrieg über Deutschland haben eine Dimension, die das Leben seit fast sechs Jahrzehnten überschattet: 600 000 Todesopfer, 161 verbrannte Städte, durch 1,5 Mio. Tonnen Spreng- und Brandbomben ausgelöschte Geschichte. Es falle schwer, dafür Gefühle und Begriffe zu finden, meint Jörg Friedrich und fordert zugleich: "Aber wir haben uns darüber noch etwas zu erzählen".

Jörg Friedrich ist Militärhistoriker und als solcher auch Autor zahlreicher Rundfunk- und Fernsehbeiträge. Er sagt: "Nicht anderes hat die Deutschen derart geprägt wie jene Bombennächte zwischen 1940 und Kriegsende". In seinem aktuellen Buch zeigt er, wie Amerikaner und Briten die deutschen Städte systematisch bombadiert haben. Es heißt: "Der Brand". Am Montagabend stellte Friedrich seine dokumentarischen Arbeiten auf Einladung des Kulturklubs im Bündheimer Schloss vor.

Welchen Ton soll man finden für einen Krieg, der den Deutschen ihr seit dem Mittelalter gewachsenes Wurzelwerk genommen hat und den sie als Erfahrung mit keinem anderen Volk teilen kann? Jörg Friedrich fand einen sachlichen Ton. Nicht sentimental, sondern dokumentarisch erörternd. Der enorme Fundus seiner Kenntnisse erlaubt ihm Rückschlüsse und Zusammenhänge. Friedrich will aufklären und nicht verklären, ohne dabei die historische Basis zu verlassen.

Anhand seines Wissens und mit Hilfe fotografischer Dokumente machte der Historiker Friedrich am Montag für 130 Zuhörer im Schloss die Zusammenhänge des alliierten Bombardements in seinen Grundzügen sichtbar. Die Bomben fielen, um dem Volk den Widerstand gegen ihren Führer aufzuzwingen. Und sie fielen nicht wahllos, sondern systematisch auf mittelgroße und größere Städte. Die waren, so Friedrich, besonders prägend für die deutsche Städtelandschaft und sollten nun dem Bombenhagel zum Opfer fallen. Den Angriff auf ihre Städte hätten die Deutschen als einen Angriff auf ihr Selbstverständnis empfunden.

Gebombt wurde auch noch, als der Krieg schon sinnlos geworden war. Der Krieg als Strafe für ein Tätervolk? Friedrich lehnte sowohl die Theorie vom Begleichen einer Rechnung, als auch den Begriff des Tätervolks ab. Kann man zum Täter werden, weil man einem Volk angehört? Und wofür etwa sollten 72 000 Kinder bestraft werden, die in den Flammen umkamen? Jörg Friedrich greift Fragen auf, die unbequem sind, er zeigt Bilder, die niemand gern sehen mag und stellt Zusammenhänge her, deren Erkenntnisse man lieber nicht hören möchte.

Die Alliierten machten die "Stadt zur Waffe". Erst explodierten die Sprengbomben und zerstörten Dächer und Fenster, dann fielen die Brandbomben in offene Häuser und machten sie zum glühenden Verließ. Das Feuer sprang von Haus zu Haus, fraß sich durch die Stadt. In Pforzheim, sagt Friedrich, kam jeder Dritte im Bombelhagel ums Leben. Anderswo war es jeder Zehnte.

Lodernde Städte und Sirenenalarm haben sich bei Generationen tief ins Gedächtnis gegraben. Viele hatten ihre Heimat als Feuerhölle kennen gelernt und nahmen nun ganz unsentimental Abschied davon. Der Wiederaufbau war Aufgabe genug. Und Fluchtmöglichkeit vor den Orten des Grauens und vor einer Geschichte, der die Bomben ihre Bilder geraubt hatte.

Das Pressefoto
Berit Seeger
GZ von Do., 06.11.2003
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Jazz im Schloss:

Die ganze Leidenschaft einer Mondscheinnacht

Das "Dr. Jazz Trio" spielte am Samstagabend im ausverkauften Bündheimer Schloss und brachte Beethoven, Bach und Mozart zum Swingen

Auf der Brücke zwischen Klassik und Jazz war es eng geworden am Samstag im Bündheimer Schloss. Mehr als 300 Gäste wollten hören, wie das "Dr.-Jazz-Trio" - präsentiert vom Kulturklub und der Commerzbank - Altehrwürdiges einmal mehr neu arrangiert hat, wie es klingt, wenn Beethoven, Mozart und Bach sich die Jeansjacke überziehen - kurz, wenn Klassik und Jazz verschmelzen.

Das Resümee sei vorweg genommen, wenn auch nicht überraschend: Es klang gut. So gut, dass die Brücke zwischen Klassik und Jazz beim nächsten "Jazz im Schloss"-Event wegen Überfüllung zu zerbrechen droht. Denn es scheint sich mittlerweile in ganz Norddeutschland herumgesprochen zu haben, dass "Jazz-meets-Classic" mit Dr. Wolfgang Schömbs, Matthias Weise und Uwe Schmidt im Bündheimer Schloss ein Ohren- und ein Augenschmaus ist.

Flüstern und Grummeln

Diesmal also die "Mondschein-Sonate", Ludwig van Beethoven auf musikalischen Abwegen. Mondschein. Da steckt Romantik drin, vielleicht ist Beethovens Sonate deshalb so beliebt. Am sicheren Ufer der Klassik betraten Schömbs, Weise und Schmidt die Brücke zum Jazz. Im ersten Satz (Adagio) ließ Wolfgang Schömbs den Bösendorfer-Flügel flüstern. Bass und Schlagzeug waren nur ein Klangteppich, mit deren Hilfe das Flüstern der Tasten zum Grummeln oder zum Rauschen anschwoll - die Drums gezügelt, schon in Erwartung einer verzehrenden Vollmondnacht.

Schritt für Schritt tastete sich das "Dr. Jazz Trio" über die Brücke in Richtung Jazz. Im Swinging Allegretto, dem zweiten Satz, waren die Musiker ein gutes Stück vorangekommen. Matthias Weise ließ den Bass vibrieren, zauberte ein dunkles Klangspiel in die bis dahin helle Mondnacht. Ihm folgte Schlagzeuger Uwe Schmidt - das Piano hat sich fast vollständig zurückgenommen - mit einem Solo, das aufhorchen lässt. Zunächst nur wie ein Windhauch, dann durchgreifend, sich aber immer Raum lassend für das Kommende. Ein fulminantes Spiel. Die Zuschauer reckten die Hälse, diese Musik war einfach sehenswert.

Im dritten Satz, dem Walking Presto, war - wie zu erwarten - das Ufer des Jazz erreicht. Klassik bloß noch Versatzstück für ein immer wieder kehrendes Thema, als Basis für groovende Ausflüge an Flügel, Bass und Schlagzeug. Kein Flüstern mehr im Mondschein, nur noch laute Lebenslust. So viel Leidenschaft verlangt nach mehr. Das Publikum wollte sich nicht so schnell verabschieden aus dieser lebenshungrigen Vollmondnacht und bekam schon vor der Pause eine Zugabe.

Die Evergreens der Klassik bestimmten auch den zweiten Teil des Programms. Jetzt war Mozart an der Reihe, oder vielmehr seine "Pariser Sonate A plus Variationen". Das ist doch die Melodie, als Meryl Streep und Robert Redford in "Jenseits von Afrika" abends im Zelt. Wie romantisch. Wolfgang Schömbs, Matthias Weise und Uwe Schmidt lösten auch von der "Pariser Sonate" ganz behutsam den Schleier der Romantik, legten ihn vorsichtig bei Seite, zeigten im spannenden Zusammenspiel und in rauschhaften Soli welches Feuer darunter lodert und stellten damit einmal mehr ihre musikalische Klasse unter Beweis.

Mit neuen Bausteinen

Gleiches ließe sich von "Elvira Madigan", dem Andante aus dem Klavierkonzert C KV467 von Wolfgang Amadeus Mozart, sagen. Ebenfalls zu Filmehren gekommen, aber nicht nur deshalb ein Ohrwurm der Klassik, bot sich "Elvira Madigan" geradezu für einen Hörgenuss der verjazzten Art an. Sich befreien aus dem Klassischen, nennt Dr. Wolfgang Schömbs sein Rezept. Bei Bachs "Toccata und Fuge D" beispielsweise, habe er "einfach ein paar musikalische Bausteine entfernt und neue hinzugefügt". Das klingt dann tatsächlich wie Johann Sebastian in Jeans. Zusammen mit Ludwig und Amadeus bringt der Johann tanzend die Brücke ins Schwingen, dazu spielen Schömbs, Weise und Schmidt den Türkischen Marsch. So könnte es aussehen, wenn Jazz und Klassik sich treffen.

Das Pressefoto
Berit Seeger
GZ von Mo., 27.10.2003
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Katerina Jacob:

Wie es wohl Frauen ohne Männer erginge?

Katerina Jacob witzelte über "Die Mysterien der Liebe"

"Liebe ist ... wenn Treue anfängt Spaß zu machen". Ein geradezu romantischer Schlusssatz für ein, sagen wir mal, nicht gerade grundsätzlich romantisches Programm rund um "Die Mysterien der Liebe oder das unheimliche Phänomen des Testosterons". Schauspielerin Katerina Jacob und Musiker Albrecht Schmidt-Reinthaler, kurz "Spielmann Albi", waren auf Einladung des Kulturklubs am Freitagabend im Bündheimer Schloss zu Gast und boten den fast 170 Gästen im Saal mehr als zwei Stunden Unterhaltung in einer Melange aus Romantik und Realsatire.

Ist das Frauenkabarett?

Die Richtung war klar und so fragte sich ein Herr im Publikum denn auch schon nach zehn Minuten etwas irritiert: "Ist das hier Frauenkabarett?". Männer, die in den ersten 30 Minuten die Nerven behielten und die Zähne zusammenbissen, hatten anschließend den für sie "härtesten" Teil überstanden und konnten allem Folgenden gelockert entgegentreten. Die Lachmuskelanschläge auf ihre Kosten ließen im Verlauf des Abends deutlich nach. Zuvor aber mussten sie sich von Katerina Jacob denn doch noch fragen lassen, welche Daseinsberechtigung Männer überhaupt haben. Auf die Gegenfrage, was Frauen ohne Männer machen würden, gab es eine klare Antwort: "Wir wären glücklich und fett".

Männer geben nichts ab

Überhaupt. All den Legenden über das Männliche als solches mochte Katerina Jacob keinen Glauben schenken. Eva soll aus Adams Rippe entstanden sein? "Männer würden nie etwas abgeben, und schon gar nicht, wenn es auch noch weh tut". Und wie ist das mit dem Instinkt der Jäger und Sammler, mit dem zielgerichteten Aufspüren der Beute? "Das einzige, was Männer ohne zu suchen finden, sind die Fernbedienung und die Bierkiste."

Wenn das so ist ... ist gegen die Liebe und das Sich-Verlieben dennoch kein Kraut gewachsen. Problemlos wechselte Schauspielerin Katerina Jacob vom gouvernantenhaften Keine-Widerrede-Männer-machen-mir-nichts-mehr-vor-Ton in den der liebenden Frau. Zärtliche Gedichte aus alten Zeiten, Moritatengesänge und Lieder zählten auch zu den "Mysterien der Liebe".

Durch Spielmann Albi erhielten die Zuschauer obendrein einen Einblick in die Instrumentenkunde. Eine alte Schlüsselfidel aus Schweden, eine Leier, eine Gitarre, eine Flöte und Rasseln hatte der Schwabe mitgebracht. Aber nicht nur Wissen und Witz gaben Jacob und Schmidt-Reinthaler an ihr Publikum weiter, sondern auch ganz praktische Dinge: Kondome. Für jede richtig beantwortete Frage gab es ein Kondom. Beispiel: Welcher Politiker nennt seine Frau "Muschi"? Stoiber. Und wie nennt sie ihn? Edelmann. Pro Antwort ein Kondom. Für manchen hatte sich der Abend gelohnt.

Happy-Home für alle

Zwischen der Langeweile des Tantrasex, den Absonderlichkeiten von Happy-Home-Videos, Gedichten aus Kambodscha und Afghanistan, Moritaten und eigenen Erinnerungen nahmen die "Mysterien der Liebe" ihren Lauf. Nun konnten auch die Männer entspannt lachen - über die Frauen. Als Zugabe gab es einen kanadischen Witz und ein plattdeutsches Lied. Ganz zum Schluss sang das Publikum im Saal und auf der Bühne "Marmor, Stein und Eisen bricht". Wenn das nicht mystisch ist.

Das Pressefoto
Berit Seeger
GZ von Mo., 20.10.2003
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Schumann-Abend:

Gut aufgelegtes Künstlertrio brillierte

Herma Völker, Ralph Beims und Martin Bujara boten im Bündheimer Schloß Schumann-Abend mit Liederzyklen und Klavier

Mit Vorfreude konnten die Freunde gesanglicher Darbietungen dem großartigen Programm, das ausschließlich dem Komponisten Robert Schumann gewidmet war, entgegensehen. Ins Bündheimer Schloss eingeladen hatte der Kulturklub und die Goethegesellschaft, deren Vorsitzender Dr. Eberhard Völker das Publikum begrüßte. Längst haben die Solisten sich in die Herzen der Konzertbesucher gesungen: Herma Völker, Sopran aus Bad Harzburg und Ralph Beims, Bariton aus Goslar. Dritter im Bunde als ausgezeichneter Begleiter am Klavier und als Solist: Martin Bujara, Direktor der Kreismusikschule in Wolfenbüttel.

Es ist selten, das zwei vollständige Liederzyklen in einem Konzert geboten werden. Herma Völker sang Schumanns "Frauenliebe und -leben" und Ralph Beims bot die "Dichterliebe" dar. Ergänzt wurde das Programm mit Klavierbeiträgen und Duetten, in denen die Gesangs-solisten gemeinsam auftraten.

Ganz im Empfinden des biedermeierlichen frühen 19. Jahrhunderts steht das Bild von Frauenliebe und - leben. Sehr wandlungsfähig, mit Charme und klarem Sopran sang Herma Völker die Lieder einer Liebe, die über das Grab hinaus andauert. Adalbert Chamisso hat eine stark verkürzte Biographie der Frau in einzelnen Gedichten dargestellt: das junge Mädchen, "Seit ich ihn gesehen"; die überglückliche Braut, "Er ist der Herrlichste von allen" ;die liebevolle junge Frau, die Mutter der Kinder, die trauernde Witwe. Die innigen Beiträge lagen Herma Völker besonders, wie "Ich kann's nicht fassen, es hat ein Traum mich berührt!" Ergreifend dann der Schluß des Liederzyklus: "Nun hast du mir den ersten Schmerz getan".

Es gab viel Applaus für eine runde Leistung. Leider versuchten Jugendliche das Konzert zu stören, so dass dem nachgegangen werden musste.

Hatte sich der Pianist Martin Bujara bereits als versierter Begleiter gezeigt, so ging er in den Fantasien aus Kreisleriana, op. 16, virtuos zur Sache. In wilder Ausführung, drängend oder akzentuiert perlend im Auf und Ab der Gefühle.

Sehr gesammelt gestaltete der Bariton Ralph Beims seinen Liederzyklus: "Dichterliebe", Op.48, nach Gedichten von Heinrich Heine. Wie kaum ein Werk ist das Bittersüße der Liebe, in deren Wonne die Angst vor der Einsamkeit eingewoben ist, derart vollkommen und betörend in Töne gesetzt worden. Die 16 Gedichte durch Musik in höhere Formen gebracht, kamen wie aus einem Guss. Romantisch die Rose, dramatisch der Rhein - der Solist machte jedes Gedicht zum Erlebnis, rang ein Schmunzeln ab, ließ in schönster Romantik schwelgen, oder ergriff zusammen mit Martin Bujara am Flügel mit "Ich hab im Traum geweinet", in unglaublich interessanter Ausführung.

Vom Publikum gefeiert für eine souveräne Leistung, konnte Ralph Beims strahlen. Der eindrucksvolle Abend endete mit rührenden Duetten, die nicht immer harmonisch kamen, aber dankbar angenommen wurden.

Das Pressefoto
Christel Wollenzien-Müller
GZ von D0., 02.10.2003
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Manfred Krug:

Kindertage aus einem "schönen Leben"

Schauspieler und Autor Manfred Krug gastierte am Freitagabend auf Einladung des Kulturklubs im Kurhaus

Große Namen haben ihren Preis. Und große Namen können es sich leisten, auf sich warten zu lassen. Manfred Krug gehört zu jenen großen Namen, die genügend Zugkraft besitzen, um den großen Kurhaussaal bei einer Autorenlesung fast bis auf den letzten Platz zu füllen. Von überall her waren sie am Freitagabend ins Kurhaus gekommen, um den Schauspieler auf Einladung des Kulturklubs als Präsentator seiner Bücher zu erleben.

Die einen hatten ihn einst als "Liebling Kreuzberg" ins Herz geschlossen, die anderen mochten ihn als Tatort-Kommissar Paul Stoever, und viele mögen ihn um seiner selbst Willen - ihren "Manne" Krug. Bevor Krug im Pullover und mit Umhängetasche auf die Bühne kam, servierten "Bossa Cabassa" den musikalischen "Aperitif" zum literarischen "Festmahl". Bossanova und Samba sollten die Sinne lockern für die Lesung mit einem (auch mal) singenden Schauspieler. Und Krug? Sang nicht. So war die halbstündige "Bossa Cabossa"-Show zwar nett, aber irgendwie zusammenhanglos.

Manfred Krug war gekommen, sich seinem Fernsehpublikum als Autor zu empfehlen. Wohl wissend um die Affinität von Schauspielern zur Schriftstellerei habe er über etwas schreiben wollen, von dem er was versteht - "über mich selbst". Damit ist Krug in guter Gesellschaft, wenngleich seine Ost-West-Biograhie - im Vergleich zu manch schriftstellerndem Star - allemal mehr Inhalt und Spannung verspricht.

1937 in Duisburg geboren, bei der Oma dort und bei der Mutter in Hennigsdorf aufgewachsen, siedelte Manfred Krug mit seinem aus dem Krieg zurückgekehrten Vater Ende der 40-er Jahre in die russische Zone über. Seine Eltern trennten sich, er blieb beim Vater. Als Stahlbauingeneur fand der Vater zunächst in Leipzig, später in Brandenburg Arbeit. Auch Sohn Manfred trat eine Schmelzerlehre an: "Es war wohl der Traum meines Vaters, eine Dynastie von Stahlköchen aufzubauen".

Die Zuhörer im Kurhaus erfuhren viel über Kindheit und Jugend des Manfred Krug. Sein Verhältnis zur Großmutter, die Trennung der Eltern und erste Erfahrungen mit Mädchen - allesamt gelesen aus "Mein schönes Leben". Die Auswahl der Szenen habe nicht er selbst, sondern ein Redakteur der Sendung "Spiegel-TV" getroffen, betonte Krug. Für eine Reportage über den lesenden Schauspieler war das Fernsehteam den ganzen Tag an seiner Seite und auch auf der Bühne allgegenwärtig.

Von den schwierigen Phasen aus Krugs "schönem Leben" war am Freitag nicht die Rede. Nicht von der Entscheidung Schauspieler zu werden, nicht von seinen Problemen mit der DDR, nicht von seinem Umzug nach Westberlin und seinem Start im anderen Deutschland. Dafür aber hatte Krug noch ein zweites Buch im Gepäck: "Jurek Beckers Neuigkeiten an Manfred Krug und Ottilie". Sein Busenfreund und Lieblingsautor hatte Krug und dessen Frau über viele Jahre amüsante Postkarten aus aller Welt geschickt. Kurzgeschichten besonderer Art, die belegen, dass in den von Krug verkörperten Figuren ganz viel Jurek Becker steckt.

Das Pressefoto
Berit Seeger
GZ von Mo., 15.09.2003
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Junge Bühne:

Headbanging und Pogo-Tanz

Lichterfest: Hunderte feierten vor der "Jungen Bühne" bis spät in die Nacht

Die Voraussetzungen hätten besser nicht sein können: Nach den vergangenen Regen-Jahren hielt das Wetter beim Lichterfest in Bad Harzburg endlich mal wieder bis in die Nacht stand. Das bewegte mehrere hundert Harzer dazu, an der "Jungen Bühne" im Casinopark so richtig abzufeiern.

Als "Silent Radio" die Bühne betrat, war das Jubeln groß. Viele Fans - besonders weibliche - sangen und tanzten zu den Balladen mit. Die ruhigen Töne der Musiker Lars (Louie) Bottmer und Rainer Tacke passten perfekt zu den Lichterinstallationen des Casinoparks.

Weiter ging´s mit Hip-Hop: Fans hatten schon den ganzen Nachmittag auf die Kopfnicker "Spielplatz" gewartet. Dr. Rollo und Co. gaben Freestyle-Versionen und einige Stücke wie "Der Ungar" von ihrer CD zum Besten. Mit gen Himmel zeigenden Händen wippten die Fans mit. Die Rapper hatten soviel Enthusiasmus, dass sie selbst nach einer Zugabe die Bühne nicht verlassen wollten. Nur zögerlich gaben sie die Mikros ab.

"Hippie Flying Saucer" waren eindeutig die besten Entertainer dieses Abends. Die schräg verkleideten "Wesen" bekämpften sich mit Lichtschwertern, was die Massen nach dem missglückten Abgang von "Spielplatz" wieder in Stimmung brachte. Die acht Bandmitglieder zeigten, warum sie nicht zu dieser Erde gehören: Sie beeindruckten mit einer ausgezeichneten Bühnenshow, stimmlich waren sie ebenfalls stark. Bei Stücken wie "Wild Thing" oder "Born to be wild" gab´s bei den Fans kein Halten mehr: Einige brachten sich mit wildem Headbanging und Pogo in Trance, andere versuchten sich im Stage-Diving, wieder andere gaben ihre (meist alkoholischen) Getränke bei Frontmann Oliver ab, der nach wilden Kletteraktionen bis auf das Bühnendach auch damit gern mal seinen Durst löschte. Die rasante Show dauerte anderthalb Stunden - für die Fans hätte es noch endlos so weitergehen können.

Patricia Oswald
GZ von Di., 26.08.2003
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Open Air Summernight:

"Ready for Party"

Salz- und Lichterfest gestern mit Open Air eröffnet

Mit einem außergewöhnlichen Programm und (letztlich doch noch) vielen Zuschauern wurde gestern in der "Open Air Summernight" das Salz- und Lichterfest eröffnet.

Spät, aber dann doch noch in stattlicher Zahl kamen die Besucher in den Badepark, und sie erlebten eine Seltenheit: Mit "Silent Radio" hatten die Veranstalter (Kulturklub, VWH und die Agentur Maik Herrmann) eine "Vorband" im Programm, die Eindruck machte. Mit angenehm eigentümlicher Musik überzeugte die Gruppe schnell. Gewohntes klang irgendwie verfremdet, Verfremdetes irgendwie gewohnt - aber hörenswert.

"Ready for Party", alles klar für die Party hieß es dann und es ließen sich Kermit, Elvis und Mooshammer auf die Bühne bitten - verkörpert von den "SkyDogs". Mit Rock von gestern und Pop von heute plus einer satten Portion Comedy-Theater hatte die Hauptband das Publikum ganz schnell im Griff.

Holger Schlegel
GZ von Sa., 23.08.2003
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Dieter Nuhr:

Wo war denn der liebe Gott, als der Sahnebecher platzte?

Dieter Nuhr war Gast des Kulturklubs und begeisterte im ausverkauften Kurhaus mit intelligentem Humor

"Herr Nuhr, kann man in diesen Zeiten eigentlich witzig sein?", habe ihn nach den großen Terroranschlägen ein Journalist gefragt. "Ja!", habe er geantwortet. Eigentlich müsse man sogar. Der Humor unterscheide uns doch von den Extrem-Islamisten, die glauben nämlich, erst im nächsten Leben fange die Spaßgesellschaft an. Ups! Hart. Aber schlau. Wer, wenn nicht Dieter Nuhr kann beides kombinieren. Am Freitag war der Kabarettist auf Einladung des Kulturklubs im Kurhaus - eine Veranstaltung die seit Wochen ausverkauft war.

Dieter Nuhr ist der Frontmann der bundesdeutschen Comedy-Garde, zumindest was den Intellekt seines Programms (aktuell "www.nuhr.de") betrifft und die Art, es vorzutragen. Da steht der Mann ganz mutterseelenallein auf der riesigen kargen Kurhausbühne ("...das Bühnenbild soll das Nichts einer zeitlosen Gegenwärtigkeit charakterisieren") und plaudert einfach drauflos.

Über Gott: Wo war er, als Nuhr jüngst der Sahnebecher in der Einkaufstüte aufgeplatzt ist? Und die Welt: Wo sind die Menschen am glücklichsten? Laut einer Statistik (bei der man Nuhr abnimmt, dass es sie gibt und er sie gelesen hat) in Mali, Nigeria und anderen Dritt-Welt-Ländern. Deutschland ist irgendwo hinten bei den Jammerlappen.

Über das Leben: Das ist wie Weitsprung. Man läuft und läuft und läuft und hupft in die Grube. Nur das man beim Weitsprung aufsteht, wieder läuft und in die Grube hupft. Wieder und wieder. Deshalb habe dieser Sport etwas hinduistisches.

Gern und lange spricht Nuhr über Eltern (". . .irgendwie trauen sie einem nicht zu, dass man das mit dem Leben selber schafft") die Kinder in die Tanzschule schicken: Standardtanz ist für Männer ein albernes Brunft-Ritual. Auf dem Bronzenen Tanzabzeichen jedenfalls kann ruhig stehen: "Warum will keiner Sex mit mir?".

Männer und Frauen - Nuhrs Lieblingsding: Nur Männer kaufen Telefonzeitschriften, Frauen allerdings welche, wo Frisuren drin sind, "damit sind wir doch quitt". Und warum fahren beim Autorennen nur Männer mit? "Wenn Frauen fahren, wollen die irgendwo hin".

Nuhr wandert kreuz und quer durchs Leben, bedient sich in allen Ecken des menschlichen Wesens und der modernen Gesellschaft, seine Fans lieben ihn dafür. Thema Technik und Fortschritt: Nicht mehr lange und man kann mit seinem Fön Aktien bestellen. Aber Vorsicht: Drückt man auf den falschen Knopf sind die Haare trocken, aber sie gehören einem nicht mehr. . .

Man hätte Nuhr im Kurhaus stundenlang zuhören können, immerhin zweieinhalb waren vergönnt. Das Angenehme an ihm: Auch bei heftigen Themen bleibt eine Nuhr-Pointe lachbar. Krieg? Im Irak habe man gesehen, dass es nicht leicht ist, jemandem Demokratie beizubringen, indem man ihm Bomben auf den Kopf wirft. Das hat nur bei uns Deutschen geklappt. Tod? Bei uns gibt es dreimal so viel nierenkranke Rentner wie in England, weil wir so ein gutes Gesundheitssystem haben. In England nämlich erreicht man mit einem Nierenleiden erst gar nicht das Rentenalter.

Dieter Nuhrs Humor ist intelligent, seine Witze schlau, seine Pointen Weisheiten die man fürs tägliche Leben parat halten sollte (". . . wenn man keine Ahnung hat, einfach mal Fresse halten"). Dieter Nuhr benutzt seinen Kopf und gehört damit schon einer Minderheit an: "In der Antike hieß es ,ich denke, also bin ich'. Heute weiß man: Es geht auch so".

Holger Schlegel
GZ von Di., 10.06.2003
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IX. Harzburger Songnacht:

Musikalische Handarbeit

IX. Harzburger Songnacht mit Rolf Köhlert, Frank Bode und Kodac Harrison

"Schön, dass wir "Simply Red", die in Goslar auftreten, ein wenig Konkurrenz machen können", sagt Rolf Köhlert zur Begrüßung, grinst zufrieden, und beginnt an den Saiten seiner Gitarre zu zupfen. Wenn Köhlert und der Kulturklub zur Harzburger Songnacht laden, dann scheinen die Leute zu kommen, egal wie groß die Konkurrenz auch ist. Gut 100 waren es in diesem Jahr, die im Schloss die "handgemachte Musik" von Rolf Köhlert und seinen Freunden erleben wollten.

Den Auftakt gestaltete der "Altmeister" in bewährter Manier selbst. Zunächst solo, mit einer anfangs etwas holperigen Abfolge der "Findhorn Lovesongs", später gemeinsam mit seinen "Friends" Carsten Eberts, Traute Wethkamp, Bernd "Ringo" Bachmann und Sarah Preiss. Es sei spannend, mit diesen Menschen Musik zu machen, sagt Rolf Köhlert, und deutet speziell auf Sarah Preiss, die am Freitag, wie auch Carsten Eberts, eine gelungene "Songnachtpremiere" feierte. Ihre Begleitung auf dem Vibraphon sei für alle Beteiligten eine tolle Erfahrung gewesen. Das Programm von "Köhlert & Friends" war sanft bis rockig und sauber gespielt ohne pompös zu wirken, ganz "Songnacht-typisch" eben.

Mit eigenen deutschsprachigen Songs gestaltete der Herzberger Frank Bode anschließend den Solo-Part des Abends im Bündheimer Schloss. Die Songs klangen nachdenklich, waren voller textlicher Höhen und Tiefen. Mit seiner ausdrucksstarken Stimme hat Frank Bode etwas von einem Chansonnier. Ein Stil, der ganz anders kling als "Köhlert & Friends", aber gerade im direkten Kontrast sehr reizvoll wirkte und beim Publikum ankam.

Amerikanisch wurde die IX. Songnacht schließlich beschlossen: Kodac Harrison, begleitet von George Bishop am Tenorsaxophon, gilt in den USA als einer der kreativsten Köpfe im Blues- und Spoken-Word-Bereich. Und diese Kreativität lebte Harrison am Freitag aus. Er betrat die Bühne, begann seine "Poetry" ins Mikro nölen, lief hin und her und gestikulierte wild. Dann setzte das Saxophon ein und die gesprochenen Passagen gingen in gesungene über. Harrisons Stimme klingt kratzig und whiskeygetränkt. Seine Erscheinung ist imposant doch irgendwie auch ein bisschen irre.

Das war kein "Mainstream", sagt Rolf Köhlert hinterher. Kodac Harrisons Auftritt war abschließend so etwas wie ein Inbegriff der Songnacht-Philosophie. Live, ohne große Technik und eben handgemacht. Genau dass, was die Zuschauer sehen wollen.

Eike Zenner
GZ von Mo., 19.05.2003
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Werner "Tiki" Küstenmacher:

Ordnung macht das Leben einfach einfacher

"Simplify your life"-Autor und Karikaturist Werner "Tiki" Küstenmacher sprach und zeichnete im Schloss

Werner "Tiki" Küstenmacher ist nicht einfach nur ein Bestsellerautor. Werner "Tiki" Küstenmacher ist ein zeichnender Bestsellerautor, ein bekannter Karikaturist. Genau genommen ist er auch noch studierter Theologe. Und er ist derjenige, der mit seinem Ratgeber "Simplify your life" seit über einem Jahr in der "Spiegel"-Bestsellerliste vertreten ist. Am Freitag war er auf Einladung des Kulturklubs im Bündheimer Schloss zu Gast - zum Reden und zum Zeichnen.

Millionen Mal hat sich seine Anleitung zum einfacheren und unkomplizierteren Leben seit Oktober 2001 verkauft. Es scheint ein Megatrend zu sein, sein Leben vereinfachen zu wollen, schlussfolgert Küstenmacher daraus. Es scheint auch ein Megatrend zu sein, sich sein Leben anhand von Ratgebern erklären zu lassen. Werner "Tiki" Küstenmacher wundert's nicht: "Viele Menschen leiden unter dem Gefühl, dass alles immer komplizierter wird".

Zu viel im Allgemeinen

Die Überforderung des Einzelnen resultiere aus einem Zuviel im Allgemeinen, sagt Küstenmacher. "Zu viel Zeugs, das sich ansammelt, Schreibtische und Schränke füllt, das bearbeitet und erledigt werden will, das einen immer weiter vom Wesentlichen entfernt". Also muss Ordnung geschaffen werden, muss aufgeräumt werden - auf dem Schreibtisch und im Leben. Oder anders formuliert: "Wenn man das Gefühl hat, nicht mehr zu leben, sondern gelebt zu werden, dann muss man sein Leben Schublade für Schublade strukturieren", um sich Schneisen zurück zum eigenen Ich zu schlagen. Die Stapel mit all den unerledigten Sachen drücken auf die Seele. Wer wüsste das nicht. Ordnen, rät Küstenmacher. Das ist der erste Schritt zum einfacheren Leben. Mag sein, aber dazu müsste man Zeit haben und vor allem den inneren Schweinehund überwinden. "Die größten Blockaden die wir haben, tragen wir in uns selbst", sagt Küstenmacher. Aber zur Not könnte man auch einen professionellen Aufräumer (gibt es in den USA schon) mit der Ordnung der eigenen sieben Sachen beauftragen.

"Visions-Stunden"

Wem das Leben am aufgeräumten Schreibtisch noch nicht wesentlich einfacher erscheint, der sollte weitermachen: Sich morgens einen kleinen Zeitplan machen, sich selbst "Visions-Stunden" einräumen, Prioritäten im Leben setzen, lernen Nein zu sagen, regelmäßige Bewegung in den Alltag einbauen und mit dem Partner reden - das alles nach einem System der Ordnung, der Systematik, aber nicht auf Perfektion drängend.

Es sind die einfachen Weisheiten des Lebens, mit denen Werner "Tiki" Küstenmacher den Nerv der Zeit getroffen hat. Ein hoher Wiedererkennungsfeffekt beim Leser/Zuhörer ist garantiert, weil er genau das beschreibt, was (fast) jeder von sich kennt. Küstenmacher beschreibt das Leben seiner Mitmenschen unterhaltsam, manchmal ironisch, aber nie beleidigend. Da kann sich jeder irgendwie wiederfinden und das Gefühl haben "der kennt mich, der versteht mich". Dazu zeichnet er, zum Teil live, lustige Parabeln. Die lassen alles gleich gar nicht mehr so kompliziert erscheinen. Vielleicht ist das sein Trick: Einfacher leben heißt einfach nur, die Dinge nicht immer so schwer zu nehmen.

Berit Seeger
GZ von Di., 13.05.2003
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Jess Jochimsen:

Ketchup, Ghandi, Krippenspiel

Begeisternd unverbraucht: Kabarettist Jess Jochimsen war Gast beim Kulturklub

Jess Jochimsen war mal ein ganz armes Bürschchen, man muss sich wundern, dass aus ihm kein völlig abgefahrener Vogel geworden ist. Kindheit in Bayern (!), Eltern waschechte 68er, nicht "Mama und Papa", sondern "Renate und Eberhard". Der kleine Jess durfte nicht "als Amerikaner verkleidet und bewaffnet" (also als Cowboy) zum Fasching gehen. Sondern als Ghandi. Das ist witzig. Nicht für das Kind. Aber für die Erwachsenen, die sich heute, respektive am vergangenen Freitag, die Kinderjahren des Jess Jochimsen anhörten.

Der Kabarettist war Gast beim Kulturklub. Er überraschte und überzeugte seine Besucher mit einer frischen Variante des in Comedy-Kreisen fast schon abgestandenen Süppchens nach dem Rezept: "Ich bin über 30 und erinnere mich jetzt mit Euch an die Zeit, in der Twix noch Raider hieß".

Heutzutage mit 30, so Jochimsen, gehöre man ja zu der ersten Generation, die sich von ihren eigenen Eltern anhören muss, sie sei spießig. Mama und Papa Jochimsen, sorry, Renate und Eberhard, waren noch ideologisch straight, hatten zwar lange Haare ("...sah scheiße aus") aber eine Richtung. Grünzeug gab's bei Jochimsens zu essen, ungespritzt natürlich. Salz? Nein, in den Salinen beutet die herrschende Klasse die Arbeiter aus und der Eberhard und die Renate wollten da ein Stückweit schon auch Zeichen setzen. Ketchup? No way, "man tunkt seine Pommes nicht in das But von Vietnam". Jochimsens Kindheit fehlte so doch ein wenig die Würze. Ansonsten durfte und musste er tun was er wollte, so lange er aufaß (es wurde halt doch in die Knüppelkiste teutonischer Pädagogik gegriffen). Und so lange er nicht als Cowboy zum Fasching ging.

Wie froh war er da, als er nach viereinhalb Jahren marxistisch-leninistischer Krabbelgruppe endlich in die Schule kam. Für die Eltern eine ideologisch äußerst bedenkliche Einrichtung, aber für Jess die Erfüllung des Wunsches nach Disziplin. Sogar eine festgelegte Sitzordnung gab es. Egal, ob da eine Wasserader war. Als jedoch auch in diesem Refugium der Strenge und Ordnung begonnen wurde, mit antiautoritären Erziehungsmethoden herumzuexperimentieren, war's vorbei. Das Einüben von Selbstständigkeit, Toleranz und Nächstenliebe anhand eines Theaterstückes stand in der zweiten Klasse auf dem Lehrplan. Oder kurz und erschreckender: Krippenspiel. Die Geburt des Heilands als antiautoritäres aber doch realistisches Bühnenstück muss damals ein prägendes Erlebnis gewesen - jetzt aber, von Jochimsen nachgespielt, wurde es ein kabarettistisches Glanzstück. Wie überhaupt das ganze Programm ("Friss, vögel oder stirb") dem Publikum sehr gefiel, ist es doch ein gleichwohl freches wie intelligentes Stück Comedy mit unverbrauchten Gags, vorgetragen von einem ebenso frechen, wie intelligenten und unverbrauchten Talent. Die erste Kabarettisten-Bundesliga mit Mittermaier, Appelt, Nuhr und Co. kann sich auf einen Aufsteiger gefasst machen.

Holger Schlegel
GZ von Di., 06.05.2003
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Michael Lesch:

In der Hölle hilft es, vom Leben danach zu träumen

TV-Schauspieler Michael Lesch las aus seinem Buch über ein Jahr des Kampfes gegen den Krebs

Der Traum vom Leben. Michael Lesch träumte ihn ein Jahr lang. Ein Jahr, in dem er, der große TV-Schauspieler, gegen den Krebs kämpfte, nicht aufgab und gewann. Nun zieht er durchs Land und macht Menschen Mut. Am Freitag war er in Bad Harzburg, der Kulturklub hatte eingeladen. 130 Gäste kamen, weil sie Lesch, den Schauspieler, bewunderten. Als sie gingen, bewunderten sie den Menschen.

Im Herbst 1999 musste Michael Lesch sterben. Im Fernsehen, als "Der Fahnder", eine seiner großen, seiner liebsten Rollen, aus der er sich schweren Herzens verabschiedete, weil er Differenzen mit der Redaktion bekam. Als der Fahnder vor der Kamera durch eine Kugel stirbt, ahnt niemand im Produktionsteam: Das Leben hat für Michael Lesch schon längst die große Schlusseinstellung geschrieben. Morbus Hodgkin, Krebs in den Lyphknoten, "Tumorstadium drei", relativ weit fortgeschritten. Acht Chemotherapien, Zellgifte, Strahlen, Leiden stehen ihm bevor. Aber er will es packen, denn ohne Komplikationen liegen die Heilungs-, beziehungsweise Überlebenschancen bei 90, vielleicht 95 Prozent. Dennoch: Ein Kampf gegen den Tod. Aber Lesch will leben, für seinen Beruf, für seine Passion (Golf), für seine Träume. Und mit seiner geliebten Christina.

Dass und wie er wieder lebt, sah man am Freitag: Braun gebrannt sitzt Lesch auf der Bühne, kernig, gesund, frisch. Aber auch nachdenklich, leise. Ja, er erlebe das Jahr Hölle im Prinzip an jedem solcher Leseabende wieder. Doch man müsse drüber reden. Um anderen Mut zu machen, aber auch um aufzuklären über Chance, Risiken, Möglichkeiten zur Vorsorge - und den Umstand, dass einen das Schicksal doch gnadenlos und unvorbereitet treffen kann. Darin erschöpft sich aber auch schon der philosophisch-moralische Ansatz in Leschs Buch. In der Regel geht er in pragmatischer, offener, entwaffnend ehrlicher Sprache mit seinem Schicksal um. Er erzählt, wie er nach der ersten Chemotherapie "kotzen" musste. Wie er geflucht hat, als er plötzlich seine "Scheiße" in einem Beutel am Bauch mit sich herumtrug. Denn aufgrund von Komplikationen bekam Lesch mitten in der Chemotherapie einen künstlichen Darmausgang und auch sonst hing sein Leben oft am seidenen Faden. Weder Buch noch Lesung sind schwülstige Krankengeschichte mit Mitleidseffekt und Tränengarantie. Wohl aber kennt Lesch die leisen Momente in seiner Geschichte. Er unterstreicht sie mit dezentem Schauspiel, mit leichter Inszenierung, mit Pausen voll von melancholischem Jazz.

Nur hin und wieder blitzt Kitsch hervor, gottlob nur, wo er je nach Geschmack vertretbar ist. Zum Beispiel die Hochzeit mit Christina, im Dezember 2000, dem Ende des Jahrs in der Hölle: Das Ja-Wort auf einem Golfplatz in der Dominikanischen Republik, vor dem glutroten Licht der untergehenden Sonne - nun ja . . . Aber wer dem Schicksal mit solchem Mut die Stirn geboten hat, wie Michael und Christina Lesch, hat es verdient, sich die Erfüllung von Träumen zu schenken, auch wenn sie noch so klischeehaft sind. Wegen dieser Träume nämlich hat Lesch sein Jahr Hölle überhaupt nur überstanden.

Holger Schlegel
GZ von Mo., 07.04.2003
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Klausbernd Vollmar:

Spuren einer traumhaften Nacht

Ein Abend für Ausgeschlafene mit gutem Erinnerungsvermögen: Klausbernd Vollmar sprach über Ausflüge ins Ich

Traum und Traum sind zweierlei Dinge. Denn der Traumurlaub, die Traumwohnung oder die Traumfrau haben mit dem, was uns nächtens durchs Hirn geistert, oft gar nichts zu tun. Viele Menschen glauben sogar, sie würden nachts gar nicht träumen. "Das kann nicht sein", sagt Traumforscher Klausbernd Vollmar.

Träumen tut jeder, nur erinnern können sich viele daran nicht. Dabei sei die Erinnerung an den Traum genauso wichtig wie das Träumen selbst, meint Vollmar und erklärte auf Einladung des Kulturklubs am Dienstagabend vor knapp 70 Zuhörern im Bündheimer Schloss, wie man seinen Träumen auf die Schliche kommen kann.

Vollmar, Diplompsychologe und Heilpraktiker, hatte sein traumhaftes Schlüsselerlebnis bei einer Expedition im Orient. Seitdem weiß er, wahre Entdeckungsreisen kann der Mensch nur noch in sich selbst erleben. Mittlerweile sind auch die seelischen Ausflüge zur Schlafenszeit von der Wissenschaft erforscht worden und so hatte Klausbernd Vollmar einige Fakten parat: Alle 90 Minuten beginnt ein Traum, fünf bis sechs gibt es pro Nacht, die thematisch immer wieder ein Erlebnis umkreisen. Und: Langschläfer haben die längsten Träume, weil die Traumphasen zwischen 7 und 10 Uhr morgens auch am längsten sind.

Weit komplizierter verhält es sich mit der Deutung der Träume, weil die Traumsprache bildhaft und abstrakt ist und verschiedene Ebenen miteinander verbindet. Fest stehe aber, so Vollmar, jeder Traum kann entschlüsselt werden, egal auf welcher Ebene man seinen Code sucht. Wer seine Träume deuten möchte, sei auf dem bestem Wege, sich mit seinem Selbst auseinanderzusetzen, erklärte Vollmar. Und deshalb sei schon der Ansatz gut, egal ob der Traum am Ende völlig entschlüsselt werden kann oder nicht.

Träume verändern die Wahrnehmung, vergrößern die Perspektive und stellen das geschönte Selbstbild in Frage. Und deswegen werden schlechte Träume oft verdrängt. Völlig falsch, findet Klausbernd Vollmar. Denn: "Alles was wir im Traum sehen, ist das, was wir in der Realität nicht sehen wollen", ist ein Teil unseres Selbst. Träume fordern die Beschäftigung mit den Dingen und mit dem eigenen Ich - quasi der kostenlose Therapeut, der jede Nacht wiederkommt.

Nun bereits gespannt auf ihre nächste traumhafte Nacht, mussten die Zuhörer bloß noch erfahren, wie sie sich denn ihre Träume am besten merken könnten. Dies sei tatsächlich für viele Menschen ein Problem, räumte Vollmar ein. Aber keines, dass sich nicht lösen ließe. Generell müsste die Kultur des Einschlafens und Aufwachens intensiver gepflegt werden. Wer beispielsweise vor dem Einschlafen noch ein paar Seiten in einem guten Buch liest, kurbelt die Bilderwelten in seinem Kopf schon einmal kräftig an. Das ist traumfördernd, logisch.

Der eigentlich spannende Moment aber ist das Aufwachen. Ist der Traum noch da, oder ist er schon weg? Vollmars Tipp: Einfach ein bis zwei Minuten liegen bleiben, noch nichts tun und noch nichts denken, nur versuchen, seinen Traum festzuhalten. Bestens gerüstet für den nächsten Schlaf wurden die Gäste in die Nacht entlassen. Zuvor aber trat Klausbernd Vollmar im Bündheimer Schloss noch den Beweis an, dass sich über Träume nicht nur trefflich philosphieren sondern ebenso trefflich diskutieren lässt.

Berit Seeger
GZ von Fr., 04.04.2003
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Arnold Krohne:

Überzeugende Reinkarnation eines Weltstars

Arnold Krohne gastierte mit seinem Programm zu Ehren von Pola Negri im Bündheimer Schloss

Die 200 Besucher im Bündheimer Schloss konnten am Samstagabend das Gefühl haben, einer leibhaftigen Reinkarnation beizuwohnen. Arnold Krohne gastierte mit seinem Programm "polanegril - Die Nacht der Entscheidung" und schlüpfte dabei so überzeugend in die Rolle des Filmstars Pola Negri, dass das begeisterte Publikum ihn erst nach zwei Zugaben entließ.

Pola Negri (1895-1987) wurde in Polen geboren und startete eine Weltkarriere, die sie über Berlin und Paris nach Hollywood führte. Vor allem mit zahlreichen Stummfilmproduktionen machte sie sich international einen Namen. Legendär auch ihr Privatleben: Die begehrtesten Männer ihrer Zeit lagen Pola Negri zu Füßen, so etwa Rudolph Valentino oder Charlie Chaplin.

Krohne sagte zu Beginn: "Wir wollen eine große internationale Mimin und Sängerin ehren. Hören Sie nun die Lieder, die sie - nicht nur für Valentino - gesungen hat." Krohne zeichnete mit viel Humor Stationen aus dem Leben des Stars nach, führte Gespräche mit Liebhabern und Konkurrentinnen und hatte immer das passende Lied parat. Köstlich das "Marlene - eine von uns beiden muss nun gehen", das "Pola Negri" der Deutschen Marlene Dietrich entgegenschleuderte.

Lieder voller Sehnsucht und Gefühl, von Liebe und Schmerz präsentierte der ausgebildete Opernsänger, begleitet von Tilman Ritter am Flügel und Peter Wünnenberg auf der Violine. Äußerlich selbst auf Vamp getrimmt, mit einem puppenhaft geschminkten Gesicht und roten Fingernägeln, brachte Krohne die Stücke mal schmachtend gehaucht, mal kraftvoll geschmettert dar. Die Zuschauer merkten schnell: Hier ist ein positiv Besessener am Werk.

Krohne hat die Rolle der Pola Negri vollkommen verinnerlicht. Schon die Art, mit der er die Ovationen seines Publikums entgegennahm, war einer Diva angemessen: Einen Fuß vorgestellt, die Augen niedergeschlagen, die Hände vor der Brust, verbeugte er sich tief. Mit jeder Faser seines Körpers schien der Sänger auszudrücken: "Ich bin der größte Star der Welt." Während des Gesangs bebte sein Körper wie von wilden Emotionen geschüttelt.

Das gesungene Selbstporträt Pola Negris ist auch eine treffende Darstellung Arnold Krohnes: "Manchmal so hart wie der Beton, manchmal so weich wie das Wachs" - doch auf jeden Fall gut.

Bernhard Mecke
GZ von Mo., 31.03.2003
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Rolf Zacher:

"Genießt das Leben und seid einfach cool"

Rolf Zacher präsentierte dem Kulturklub-Publikum das, was es sehen wollte: Rolf Zacher

Ex-Sträfling, Ex-Drogensüchtiger, Träger des Bundesfilmpreises und des Filmbandes in Gold: Rolf Zacher ist eine der spannendsten Persönlichkeiten der deutschen Schauspielwelt. Und genau diese Rolle kostete er am Freitag aus. Rolf Zacher auf der Kulturklub-Bühne - ein Abend, den man leider nicht alle Tage erlebt.

Zuerst kam der Mann schon mal viel zu spät, war noch irgendwo auf der Autobahn. Acht Uhr, Viertel nach, Zwanzig nach - kein Zacher. Aber das wunderte niemanden. Bei dem Vogel.

Er kam. Halb neun. Zu spät? Nein, "zu spät wäre, wenn Ihr alle nicht mehr da wäret". Er sei höchstens "unpünktlich". Warum eigentlich? "Weil die Alle fahren wie die Irren". Wer denn im Publikum einen Führerschein hätte? Viele. Wer wisse, wie lang der Bremsweg bei 135 ist? Keiner. "Na, die Hälfte, Mensch", das zu sagen sei ein Grund, aus dem er auf der Bühne stehe: "Ihr jedenfalls fahrt mir jetzt nicht mehr hinten auf die Karre drauf".

Da fragte man sich als Besucher der Lesung bestürzt: "Ist der Typ eben etwa selbst mit dem Auto gekommen?" Besoffen wie er ist? Oder hat der einen kräftigen Sprung in der Schüssel? Jedenfalls stand da jetzt doch ein Irrer auf der Bühne . . .

Nein, es stand genau der auf der Bühne, wegen dem die knapp 150 Gäste gekommen waren. Rolf Zacher war Rolf Zacher. "Soll ich lesen, oder was wollt Ihr eigentlich von mir?" Um es vorweg zu nehmen: Gelesen (aus seiner Biografie "Endstation Freiheit") hat er eigentlich so gut wie gar nicht. Nach eineinhalb Stunden war er auf Seite drei, aber auch nur "weil ich Euch so mag", denn üblich sei Seite zwei. Rolf Zacher hat auch nicht erzählt. Jedenfalls nicht erkennbar zusammenhängend. Die zwei pausenlosen Stunden bestanden aus einem erlebenswerten Wust von Gedanken, Geschichtchen, Ideen, Zoten und kleinen Lebensweisheiten der zacherschen Machart: Hemmungen? Kenne er nicht, "die sind bekloppt und nehmen einem so viel vom Leben". Das Leben muss man genießen. "Seid cool".

Zacher stürzte eineinhalb Liter Wasser in sich hinein, kämpfte mit dem ihm zu niedrigen Rednerpult, rutschenden Büchern, die er mit Metern von Klebeband zusammenpopelte, stand irgendwann inmitten der Scherben seines zerborstenen Glases. Er schlurfte, polterte, torkelte, rannte über die Bühne. Er brüllte, flüsterte, plapperte, nuschelte, nörgelte. Inhalt? Alles und nichts: Von Berlin und Bayern, von Fassbinder und Kinksi ( . . wen wundert’s: "Wunderbar!"), von Liebe, Lust und Leidenschaft - und von Zacher. "Habt Ihr so’ner Lesung schon mal beigewohnt?". Nein. Nicht wirklich. Das Publikum war hingerissen. "Ihr seid cool". Ja, wie in einer Familie fühle er sich, "wunderbare Energie hier".

Nein, Rolf Zacher ist nicht irre, geschweige denn hatte er gesoffen. Der Mann ist ein großer Schauspieler und nichts anderes war er am Freitag. Er spielte sich seinem Publikum vor: Den wüsten Chaoten, den charmanten Halbseidenen, den Abgedrehten, den Furcht einflößenden, den Liebenswerten, den Kumpel. Seine "Lesung" war ein famoses Theaterstück, grandios inszeniert, hinunter bis ins Detail. Und so wirkte alles verdammt authentisch. Zartbesaitete oder Menschen, die von einem Bundesfilmpreisträger Feinsinnigeres erwarteten, mag das erschrocken haben, der große Rest war schwer begeistert. Coole Menschen halt . . .

Holger Schlegel
GZ von Mo., 24.03.2003
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Rüdiger Dahlke:

Zurück zur eigenen Natur

Dr. Rüdiger Dahlke sprach im Schloss über Aggressionen
und über das Schweben

Die "Leichtigkeit des Schwebens" aber vielleicht mehr noch die "Aggression als Chance" haben dem Kulturklub am Donnerstagabend im Bündheimer Schloss ein volles Haus beschert. Der Erfolgsgarant hieß Dr. Rüdiger Dahlke. Der 52-Jährige mit dem symphatisch österreichischem Akzent ist Mediziner, Therapeut, Bestsellerautor und nicht zuletzt Geschäftsmann. Er agiert seit vielen Jahren erfolgreich in den Bereichen Psychosomatik, Therapie und Sinnsuche.

Dahlke war schon mehrfach in Bad Harzburg zu Gast. Dieses Mal war er gekommen, um sein neustes Buch "Aggression als Chance" vorzustellen. Und die "Leichtigkeit des Schwebens" gab es am Donnerstag als Doppelpack gleich hinterher - ein neues Kulturklub-Angebot, dass die meisten Gäste an diesem Abend nutzten. Drei Stunden Vortrag pur, unterbrochen von einer knapp 30-minütigen Pause, nach einem solchen Dahlke-Marathon dürfte mancher mit der gebündelten Lebenserkenntnis im Kopf den Heimweg angetreten haben.

Von vielen Erfahrungen

Dass der lange Vortragsabend dennoch nicht zur Tortur wurde, war vor allem dem guten Rhetoriker Dahlke zuzuschreiben. Gewitzt und mit vielen unterhaltsamen Beispielen aus seiner Praxis, seinen Seminaren und seinen Selbsterfahrungen an allen Orten der Welt gewürzt, sprach der Autor zunächst über Mars- und Pluto-Energien und später darüber, warum es sich die Deutschen so schwer mit dem Leichtsein machen.

Der Mann ist Profi, seit Jahren mit seinen Vorträgen in Deutschland, Österreich und der Schweiz unterwegs. Seine Botschaften sind nicht neuste medizinische Erkenntnisse, sondern: Rückbesinnung auf die natürlichen Zusammenhänge und deren bewußte Wahrnehmung - kurz: auf den gesunden Menschenverstand. Dieser nämlich scheint der westlichen Gesellschaft in den vergangenen Jahrzehnten allmählich aber systematisch entglitten zu sein. Dahlke: "Wenn wir Eigenverantwortung und Mut völlig rauslassen, feiert der Schwachsinn Triumphe".

Die Forderung im Sinne "Mut zum eigenen Ich" war der rote Faden. Mut brauche es, sich mit seinen Aggressionen auseinanderzusetzen, aber auch beim Überwinden innerer Widerstände. Während Dahlke die Auseinandersetzung mit Aggressionen als mentalen Prozess betrachtet, in deren Verlauf der Mensch die Umwandlung von negativen in positive Energie lernen sollte, würde er zum Erlangen des glückseligen Schwebezustandes das Benutzen von Hilfsmitteln durchaus zulassen.

Die Seele im Körper

Grundsätzlich unterscheidet der Therapeut Aggressionen nach Mars und Pluto. Mars ist direkt, spitz und explosiv. Pluto hingegen unsichtbar, verschlingend, implosiv. Aggressionen wegzudrängen sei keine Lösung, betonte Dahlke. Dies hätte die Geschichte oft genug bewiesen. Es nütze nichts: "Man muss sich dem Thema stellen", nur dann könne man sich negative Energien zu Nutze machen. Und: Die Welt und ihre Spielregeln besser verstehen lernen.

Die Sache mit dem Schweben ist anders gelagert. Auch dafür braucht man natürlich Mut, Selbstvertrauen und ein geerdetes Dasein. Das allein kann schon manch inneren Widerstand überwinden helfen. Um Glückshormone freizusetzen, könne aber getrost nachgeholfen werden, redete Dahlke den Gästen zu. Etwa mit einer Wiege, mit warmem Thermalwasser, mit Reiten, Skifahren, Radeln, Laufen - das alles, um wieder zu spüren "das wir nicht ein Körper, sondern eine Seele sind, die in einem Körper lebt."

Berit Seeger
GZ von Mo., 03.03.2003
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Stephan Bauer:

Kuscheln und Katastrophenmanagement

Zwischen köstlichem Klamauk und Kabarett: Mit Stephan Bauer ging nachts mehr im Bündheimer Schloß

Nachts geht, wenn man Stephan Bauer glaubt, mehr. Mehr wovon? Von wunderbar plattem Klamauk, von fürchterlichem Unsinn, von urkabarettistischem Tiefsinn? Stephan Bauer versteht es, mit seinem "Comedykabarett" all dies zu bedienen. Manches mehr, manches weniger. Aber, und das steht außer Frage, seine Mischung kommt an.

Da steht er, ein Mann, der keine Lebensversicherung hat, weil "meine Frau doch traurig sein soll, wenn ich tot bin". Ein Schatzi, nach neun Jahren "Kuscheln, Klammern und Katastrophenmanagement" verlassen wegen eines Investmentbankers, einer der Zigaretten holen geht und wiederkommt. Über 200 Zuschauer erlebten auf Einladung des Kulturklubs im Schloß Bauers Gefühlschaos. Mal herb, mal hintergründig zieht er die Beziehungskisten der heutigen Zeit durch den Kakao.

Welche Chancen hat ein Mann "ohne Waschbrettbauch und Knackpo" auf dem freien Markt - keine. Disko (auch mit Hüfthose), bringt nichts, Internet und Heiratsanzeige ebenso wenig. Dates, keine Chance. "Da kommt dann um halb elf die Frage, welches Sternzeichen hast du?". Bauer ist Schütze, "der Supergau der Astrowelt". Wie tief sinkt ein Mann, der kochen lernt, um sich interessanter zu machen und dessen Fertiggerichte auf der Packung aussehen wie eine Verabredung mit Jennifer Lopez, auf dem Teller aber an Inge Meysel erinnern?

Aber Bauer wäre nicht Bauer, wenn er dem neuen Leben nicht auch positives abgewinnen könnte. "Es gibt doch auch Gründe froh zu sein". Passt die Ehe überhaupt noch in die heutige Zeit, wo es sogar schon "verstellbare Verlobungsringe" gibt? Auch der lästige "Dauerkonfliktbereich Hygiene" - einfach abgeschafft.

Der Grundstein für dieses Wirrwarr liegt, wie so oft bei Kabarettisten, in der Kindheit. Maßlos enttäuscht vom Vater, der nicht gegen Hitler kämpfen wollte. Erst 1946 geboren - "flaue Ausrede". Eine Mutter, die ihren "mütterlichen Versorgungseifer" nicht abgelegt hat und weitere traumatische Erlebnisse, von der "Vorhölle Tanzschule", der "Vorstufe des Wehrdienstes", bis hin zur Kröten transportierenden Umweltgruppe "Laichfreunde e.V."

Und dann: Statt "Ober- Unterhaltung". Stephan Bauer "etwas primitiver", immer noch urkomisch. Die Gürtellinie wurde tief angesetzt, trotzdem kann man dem Schwaben ein gewisses Niveau auch hier nicht absprechen. Er ist nicht erst mit "Nachts geht mehr" in der Königsklasse des deutschen Kabaretts angekommen. Mit seinem Mix aus viel Comedy und (etwas) altehrwürdigem Kabarett ist er sicher nicht einzigartig in seinem Genre, aber einer der es versteht, sich und seine Pointen in Szene zu setzen.

Eike Zenner
GZ von Mo., 24.02.2003
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Stefan Klein:

Ein kleiner Wegweiser zum großen Glück

Stefan Klein enträtselte am Freitag "Die Glücksformel"

Gibt es so etwas wie ein Glücksrezept? Oder einen Glücksschalter im Gehirn? Wenigstens eine Gebrauchsanweisung zum Glücklichsein - wenn es geht mit Erfolgsgarantie? Auf diese Fragen gibt es keine wirklich befriedigenden Antworten. Oder vielleicht doch? Stefan Klein hat ein Buch geschrieben, das heißt "Die Glücksformel". Er also müsste wissen, wie das geht, mit dem Glücklichsein. Theoretisch. Zumindest enträtseln wollte er das Phänomen "Glück". Am Freitagabend stellte der Autor seine Ergebnisse auf Einladung des Kulturklubs im Bündheimer Schloss vor.

Wie so oft im Leben ist des Rätsels Lösung am Ende ganz banal. "Glück ist mehr als die Abwesenheit von Unglück", sagt Stefan Klein. Das ist ja schon mal beruhigend. Was die Menschen glücklich macht, ist individuell verschieden, aber wie sie glücklich werden, ist wissenschaftlich nachweisbar, meint der studierte Naturwissenschaftler und Philosoph. Also doch eine Glücksformel. Und die ist im Grunde ganz einfach: Negative Gefühle schwach halten, positive Gefühle stärken - fertig ist das kleine Glück.

Dieses simple Ergebnis scheint manche Zuhörer am Freitag schon so befriedigt (oder vielleicht so verwirrt) zu haben, dass sie frühzeitig den Saal verließen. Sie haben von Stefan Klein nicht mehr erfahren, mit welchen Mitteln jedermann den positiven Gefühlen, sprich den Glücksmomenten, auf die Sprünge helfen kann. Denn auch das ist - man ahnte es bereits - denkbar simpel: Körperliche Bewegung, Abwechslung im Leben, Aufmerksamkeit und Beobachtungsgabe, ja und schließlich das Tun als solches machen uns Menschen glücklich.

Aber Stefan Klein kennt das Leben und er weiß, dass nicht alle Tage eitel Sonnenschein herrscht. Daher haben Traurigkeit, Ärger, sogar Wut ihre Berechtigung. Nur müsse man den Umgang mit ihnen trainieren. Wer lernt, diese Gefühle zu beherrschen, sei auf dem besten Weg zum Glück. Wer es dann noch schafft, sich auf die positiven Gefühle zu konzentrieren, der hat die Glücksformel geknackt.

Und noch eine Erkenntnis gab Stefan Klein den Zuhörern mit auf den Weg: Geld, Karriere und gesellschaftliches Ansehen beeinflussen das persönliche Glücksempfinden viel weniger als angenommen. Wenn das kein Glück ist?

Berit Seeger
GZ von Mo., 10.02.2003
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Harzbuerger Themenbrueder
feat. Horst Woick:

Mochte Krodo zehn Dosen Bier?

"Harzbuerger Themenbrueder featuring Horst Woick" - so anders kann der Harz sein

"Harzbuerger Themenbrueder featuring Horst Woick" - das klingt irgendwie originell, ein bisschen skurril vielleicht, trotzdem spannend. Aber wie soll das eigentlich aussehen, wenn die Themenbrueder den Ex-Kurdirektor featuren? Wie soll sich das vor allem anhören? Die gut 200 Gäste im Saal des Bündheimer Schlosses, die bei der Premiere am Freitagabend dabei waren, harrten gespannt - manche auch skeptisch - der Dinge, die da erklingen sollten. Und sie waren nicht die Einzigen: "Wir wissen auch nicht so genau, was auf uns zukommt", bekannte Themenbruder Thomas Pietscher auf der Bühne.

Der veranstaltende Kulturklub jedenfalls hatte sich für sein Harzer Experiment richtig ins Zeug gelegt, hatte Fichten herangeschafft, einen Hackklotz auf die Bühne gehievt, Geweihe installiert und mit allerlei zünftigem Utensiel die moderne Tontechnik gekonnt kaschiert. Aus einer Kulisse, die aussah wie Harz, sollten nun Geschichten und Lieder ertönen, die klingen wie Harz.

Wanderführer, Hobbyhistoriker und Harzkenner Horst Woick hatte dem Abend ein Gerüst gegeben: Die Venediger, Heinrich IV., Krodo und der Bergbau sollten mit sagenhaft-mystischen Erzählungen zu neuem Leben erweckt werden. Dazu spielten die Themenbrueder schrummelig-rockige Livemusik - rhythmisch international, textlich regional.

Seine sorgfältig ausgearbeiteten Manuskripte hatte Horst Woick schon nach dem ersten Kapitel beiseite gelegt. Weil auch er, wie sein Pubikum, bald gemerkt hatte, dass der Erzähler Woick tatsächlich in seinem Element ist, während der Vorleser Woick eigentlich gar nicht zu ihm passt. Und so hörten die Gäste im Saal nicht nur Geschichten aus dem Harz, sondern zugleich Geschichten aus dem Leben des Horst Woick. Spannende Geschichten und lehrreich obendrein: Wer hätte gedacht, dass sich das Leben unter Tage mit dem Liebesleben des Borkenkäfers vergleichen lässt?

Trotz zünftiger Klänge, trotz Grubenarbeiter-Blues, Harz-Rap und "Altenauaaa" war der Spannungsbogen des Abends ausgereizt, bevor das Programm zu Ende war. Irgendwann war der Harz nur noch Kulisse für die Geschichten über Liebesnöte und Hochprozentiges. Da konnten selbst "Schmalzbrot" und "10 Dosen Bier" keine Akzente mehr setzen, weil die Mystik verflogen war.

Dennoch bleibt die Gewissheit, dass der Harz auch lustig kann. Dass der Harz nicht langweilig ist und Traditionen nicht zwangsläufig folkloristisch enden müssen. Und es bleibt die Erkenntnis, dass der Harz anders klingen kann. Zum Beispiel als Featuring-Version.

Berit Seeger
GZ von Mo., 27.01.2003
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Neujahrskonzert:

Tenöre ließen süßen Wein im Becher schäumen

Staatsorchester Braunschweig war mit dem 10. Neujahrskonzert zu Gast in Bad Harzburg - Wieder einmal ausverkauftes Haus

Das Staatsorchester Braunschweig und insbesondere dessen Neujahrskonzert hat in Bad Harzburg einen hohen Stellenwert. Zum zehnten Mal fand es in diesem Jahr nach der Braunschweigpremiere im Kurhaus statt, und zum neunten Mal war es vollständig ausverkauft. "Schäumt der süße Wein im Becher" war das Motto des Abends, und süßen Wein in Form von musikalischen Ohrwürmern gab es dann auch gleich literweise.

"Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen, und jeder geht zufrieden aus dem Haus." lässt Goethe den Theaterdirektor im Faustprolog sagen und hat sicherlich damit recht. Ein solches Verfahren birgt aber auch die Gefahr, dem Publikum allzu sehr nach dem "Munde zu reden". Die Programmgestalter dieses Neujahrskonzertes wählten diesen Weg bewusst und hangelte sich an den bekanntesten Paradeliedern und -arien für Tenöre entlang, denn gleich vier Sänger dieser Tonlage schmetterten ihre Lieder ins begeisterte Publikum.

So erklangen im Eingangsteil des Programms Opernarien aus der ersten Reihe des Belcanto: Die Blumenarie aus Carmen, Turridos Trinklied "Schäumt der süße Wein im Becher" aus Cavalleria rusticana, "O Colombina" aus I Pagliacci, die Arie des Prinzen Calaf "Nessun dorma" aus Turandot, zweimal Mozart und natürlich die "trügerische Weiberherzenarie" aus dem Rigoletto, die von allen vier Sängern gesungen wurde und nicht fehlen durfte. Die rechte Stimmung kam dann auch immer wieder bei den Zugaben auf, bei denen sich alle zum gemeinsamen Gesang vereinigten.

Der zweite Teil war den Operetten- und Musicalfreunden gewidmet. Franz Lehar, Johann Strauß, Fred Raymond, Frederik Loewe, Cole Porter und Leonhard Bernstein steuerten dazu ihre exponiertesten Tenorlieder bei.

Sicherlich hat bei dem Vorhaben, vier Sänger der gleichen Tonlage auftreten zu lassen, ein bisschen Pavarotti und Co. Pate gestanden. Der Auftritt der Tenöre ging aber stellenweise durch bemerkenswerte Einzelleistungen über die reine Imitation in Gehabe und Arrangements der großen Leistungsträger des Genre hinaus. Olaf Bjarnason und Seung-Hyun Kim bestachen durch große wohltönende Stimmen auch in den höheren Lagen, Siegfried Poker empfahl sich als Mozartinterpret und Kenneth Bannon hatte seine Zeit bei der Operette.

Über allem aber thronte Jonas Alber, der Dirigent des Staatsorchesters. Er führte nicht nur verbal souverän durch das Programm, sondern präsentierte gleichermaßen ein Orchester, das keine Wünsche offen ließ. Die Musiker begleiteten präzise die Sänger, gestalteten aber auch mit dem Vorspiel zu Carmen, der Carmen-Suite, mit Operetten-Ouvertüren und Musical-Medleys eigene instrumentale Programmpunkte mit besonderer Qualität.

Klaus Röttger
GZ von Fr., 10.01.2003
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