Komiker aus Versehen:

Vorhang halb auf für Ilja Richter

Bühne Bad Harzburg präsentierte eine Hommage an Theo Lingen - zwischen Theater und Revue

Theater ist Magie. Der rote Vorhang geht auf, und die Zuschauer treten ein in die Welt der Imagination. So hätte es auch am Donnerstagabend sein können im Kurhaussaal zu Bad Harzburg. Doch eine magiefeindliche Lautsprecherstimme, zum Handyausschalten auffordernd, störte das erwartungsfrohe Vorgefühl. Und dann ging der Vorhang nicht ganz auf, so dass ein Teil Publikums nur die Hälfte der Bühne sehen konnte. Da war der Zauber dahin. Hauptdarsteller Ilja Richter, durch eine Unruhe in seiner Konzentration gestört, bemerkte das Problem und ließ es während eines Szenewechsels beheben. Danke dafür!

Nun konnte sich das Geschehen vor nahezu ausverkauftem Saal entfalten: "Theo Lingen - Komiker aus Versehen" hieß das Stück, geschrieben von Tilman von Blomberg, auf die Bühne gebracht vom Tournee-Theater Thespiskarren, Hannover. Es ist eine Hommage an den Schauspieler Lingen, seine Biografie, seine Lieder und Rollen. Vier Darsteller verliehen den szenischen Bildern Leben und dies mit viel Liebe zu r Hauptfigur. Daniel Große Boymann spielte die Rolle des Autors, der in der Gegenwart nachts allein im Theater sitzt, und über dem Stück verzweifelt, das er schreiben soll: Ein Stück über Lingen. "Was soll ich da schreiben? Theo Lingen ist ein dramaturgischer Alptraum! Keine Skandale, nichts ." Ratlos beugt er sich über die Tasten des Pianos und stimmt ein Lied an: "In der Nacht ist der Mensch nicht gern alleine ."

Bis plötzlich der Protagonist seiner Schreibbemühungen gleich einem Gespenst aus der Vergangenheit auf seinem Sofa sitzt und fordert: "Stell mir die richtigen Fragen." Ilja Richter brillierte als alter Theo Lingen. Er war einst dessen Filmpartner, und seine Darstellung Lingens war geprägt von Sympathie und Respekt. Was an Theo Lingen kauzig wirkte, wird von Ilja Richter nicht durch den Kakao gezogen, sondern auf liebenswerte Weise als dessen besondere Stärke demonstriert. Schauspielkollege Gideon Rapp stand ihm als junger Theo Lingen in nichts nach. Ebenso wenig Katherina Lange. Die beiden spielten in wechselnden Rollen auch Lingens Wegbegleiter. Bühnenbau und Kostüme fügten sich der damaligen Zeit. Erzählt wird aus der Kindheit Lingens, von seinen ersten Engagements als Theaterschauspieler, von seinen Erfolgen, die er seiner eher unfreiwilligen Komik verdankt. Dieser Erfolg verdammt und verleitet ihn dazu, damit weiterzumachen, bis aus Kauzigkeit Stil wird und Lingen ein Publikumsliebling, der die Exfrau von Bertolt Brecht heiratet und dank seiner Popularität die Nazizeit unbeschadet übersteht. Gleich einer Revue wurden immer wieder Lingens Lieder gesungen, begleitet von Daniel Große Boymann am Piano, neu getextet von Ilja Richter.

Doch der Satz des Bühnenautors, dass Theo Lingen ein dramaturgischer Alptraum sei, hat auch außerhalb des Stückes im Stück seine Wahrheit. Es gab für Regisseur Ulf Dietrich auf der Bühne wenig Aufregendes über Lingen zu berichten. Er galt als ruhiger Mensch, der ein ruhiges Leben führte. So passierte im Stück an Handlung so gut wie nichts - keine Brüche in der Biografie, keine Irritationen. Eine Komödie, wie angekündigt, war es auch nicht. So blieb es beim Bilderbogen - eine schöne Erinnerung an einen Schauspieler, den heute nur noch die Älteren kennen, sehr gut gespielt von einem ambitionierten Schauspielerteam.

Ilja Richter ; Foto: Anke Reimann

Gelungene Verwandlung auf der Bühne Bad Harzburg: Ilja Richter als Theo Lingen, mit dem er in vielen Spielfilmen in den 70er Jahren selbst vor der Kamera gestanden hat.

Foto und Artikel: Anke Reimann, Goslarsche Zeitung von Sa., 28.01.2012

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