Schachnovelle:

Den drohenden Irrsinn mehrfach spürbar machen

Kulturklub Bad Harzburg lädt das Studio Landgraf ein: Schauspiel "Die Schachnovelle" bringt stehenden Beifall

Nochmal und nochmal und nochmal geht er ab, kommt wieder, holt "die anderen". Stehend applaudiert das Kursaal-Publikum. Gerd Silberbauer hat es sich so was von verdient. Die Gefühlsleiter rauf und runter - er begeht sie. Was dem Charakter des Dr. Bertram gut tut, den er ja verkörpert. Das Ruhige, das Gesetzte, wird von Verzweiflung, vom Beginn des Irrsinns verfolgt, kehrt zurück und gelangt zum aufgeräumten Inneren. Zu erleben am Freitagabend im Kursaal. Das Studio Landgraf war vom Kulturklub Bad Harzburg eingeladen worden. Gezeigt wurde "Die Schachnovelle" von Stefan Zweig, in Bühnenfassung gebracht von Helmut Peschina.

Eher mit Geplänkel beginnt das Schauspiel: Feine Gesellschaft auf Ozeandampfer widmet sich Schach, fordert Schachweltmeister heraus - gegen Bezahlung. Ehrgeiz, Macht, Snobismus, Schadenfreude, Süffisanz versammeln sich ums Schachbrett. Dem schnöseligen Meister des Geistessportes wollen sie es zeigen. Selbst schaffen sie es nicht.

Dr. Bertram soll's richten. Er bringt sich eher zufällig in den Wettkampf ein, hat die Fähigkeit, mehrere Züge vorauszudenken - die eigenen und die des Gegners. Beeindruckend für "die anderen".

Das Geplänkel in den ersten Szenen des Stückes scheint nicht nötig. Doch lässt es die folgenden Monologe des Dr. Bertram intensiver wirken. Es kontrastiert: Da ist das oberflächliche und dort ist das bedrohte Leben. Denn Dr. Bertram bringt seine Vergangenheit mit, vertraut sie Dr. Friedrich Hartl (Jörg Walter) an - vor der Partie mit Schachweltmeister Mirko Czentovic (Daniel Pietzuch).

Bertram steigt ein in eine grausame Zeit seines Daseins, Hartl ist der Zuschauer. Bertram wird von der SS in Isolationshaft gesteckt. Sein einziger Rettungsanker ist ein Schachbuch mit 150 Meisterpartien. Das kann der Häftling in sein Zimmer schmuggeln, dessen Inhalt lernt er auswendig, eignet sich die Technik des Vorausdenkens an, gibt sich bei Verhören keine Blöße mehr, hat eine Überlebensstrategie gefunden. Doch wird das Buch gefunden.

Gerd Silberbauer geht wiederholt während des Erzählens, des Nach-Erlebens in Hochgeschwindigkeits-Staccato-Sätze über, eine meisterliche Leistung. So schnell, dass der anklopfende Irrsinn des Bertram spürbar wird. "Etwas wissen und gleichzeitig etwas nicht wissen" - wie ist seine Methode des Schachspielens zu verkraften? Es kommt zum Nervenzusammenbruch, Gehirnfieber, Krankenhausaufenthalt, dadurch zur Rettung aus der Haft.

Später auf dem Dampfer wartet die Partie gegen den Schach-Weltmeister. Bertram will ein letztes Mal spielen - trotz ärztlichen Abratens. Bertram gegen Czentovic, Langeweile gegen Irritiertheit, Sieger gegen Aufgeber. Sieger? Noch eine Partie. Czentovic will Bertram fertig machen, wie "die anderen" vermuten, lässt sich Zeit bei seinen Zügen. Bertram bebt vor Nervosität. Er zappelt, fingert herum, brabbelt - eine weitere meisterliche Leistung Gerd Silberbauers. Wieder wird nahender Irrsinn spürbar. Das Bühnenbild verstärkt den Eindruck: Zwei hintereinander gelegte Projektionen von Schachbrettern mit sich immer schneller bewegenden Figuren. Das Bühnenbild überhaupt ist absolut gelungen: ein Stück Ozeandampfer. Dahinein der Salon des Schiffes, das Hotelzimmer aus der Vergangenheit des Dr. Bertram. Seinem Darsteller und "den anderen" gilt die Anerkennung der annähernd 270 Kursaal-Gäste, der spezielle Beifall ganz klar Gerd Silberbauer - der eine derart geistig und physisch anspruchsvolle Rolle verinnerlicht und nach außen trägt. Das Ende des Stückes: Hartl hilft Bertram, der geht - und kommt nicht nochmal ans Schachbrett zurück.

Foto: Angela Potthast

Geistig und physisch höchst anspruchsvoll ist die Rolle des Dr. Bertram, gespielt von Gerd Silberbauer (Mitte). Er bekommt den speziellen Applaus. Das Publikum für seine Begeisterung den der Darsteller.

Foto und Artikel: Angela Potthast, Goslarsche Zeitung von Mo., 17.01.2011

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