Sebastian Krämer & Marco Tschirpke:

Das Kätzchen im Aktenvernichter

Marco Tschirpke und Sebastian Krämer mit überbordender Poesie im Bündheimer Schloss

Sie fügen Worte zu Schönheit und Aberwitz zusammen, Klaviertasten können der Geschwindigkeit ihrer Finger kaum folgen - dies haben Sebastian Krämer und Marco Tschirpke gemeinsam. Was sie unterscheidet: Der eine mag es lang, der andere kurz. Mit ihrem Programm "Ich 'n Lied - Du 'n Lied" hatte der Kulturklub Samstag ins Bündheimer Schloss nach Bad Harzburg eingeladen, wo sie ihr Publikum restlos begeisterten.

Aus Berlin kommen die schrägen Barden, haben sich beide in der Welt des Poetry Slam nach oben gewortwerkt. Schon zu Beginn des Programms ließ Krämers Ausdruckskraft aufhorchen bei seinem Lied übers Lied, das einem eine Sehnsucht andreht und nicht alleine lässt, "so unverschämt perfid …"

Die Finger jagten über die Tasten. Das Publikum applaudierte. Dann verschwand Krämer von der Bühne und Marco Tschirpke tauchte auf, grüßte freundlich, griff in die Tasten und sang: "Wenn ich auf dem Bauche liege, und du oben drauf. Träum' ich, du wärst nicht so schwer oder stündest auf."

Arpeggio und Schluss. Tschirpke ging nach 60 Sekunden wieder, Krämer kam und sang wieder ein langes Lied. "Für mich ist das ok", kommentierte er, "das Blöde ist, wir teilen uns die Gage fünfzig zu fünfzig."

Treffsicher waren ihre Moderationen, lustig und unverkrampft. Sie standen bald auch gemeinsam auf der Bühne, sangen zweistimmig in schönem Satzgesang oder wechselten sich am Piano ab. "Lapsus-Lieder" nennt Marco Tschirpke seine Werke. Lieder mit "Ausrutschern", kleine Geschichten mit herzerfrischenden Pointen, mal böse, mal verblüffend anders: Immer gab es am Ende der Ein-Minuten-Lieder eine Überraschung, wofür ihn seine Zuhörer liebten. Auch er ist ein Virtuose am Klavier. Einen Boogie-Woogie wirbelten die Tasten, eine Klaviersaite riss, und Tschirpke sang von der Jugend, die dabei ist, "ihren Leib zu individualisieren".

Dann wieder Krämer mit einem Lied über die Schwimm-und Sprunghalle, "die weder schwimmt noch springt, es sei denn, es bebte erd…". Seine Kunst ist es, mit Worten eine zauberhafte Atmosphäre zu schaffen, Poesie und Komödie miteinander zu verbinden, etwa in "Die Gespräche der Krähen". Da kommen Sätze vor wie: "Den menschlichen Stimmklang herbeizusehnen, ist eine Option, die sie meistens verschmähen" (die Krähen).

Beide Künstler spielten mit Sprache auf geradezu berauschende Weise und stimmten im gleichen Atemzug die ultimative Deutschlehrerbeschimpfung an, sangen von Kätzchen im Aktenvernichter, Wölfen als Schafereißfachkräften in der Lausitz, Standby-Dioden, Augen- und Zwiebelringen, dem Nachtgeist Zackebuh und anderen Dingen, die nicht immer sind, was sie zu sein scheinen. "Seit ich heute unten war mit dem Besen," sang Tschirpke, "liegt der Hof ganz in sich gekehrt."

Die 250 Leute im Saal wurden von Krämer und Tschirpke mit einem großen Reichtum an Sprache, intelligentem Wortwitz und furiosem Klavierspiel bedacht und erlebten den Abend als ungewöhnlich und wertvoll.

Sebastian Krämer & Marco Tschirpke ; Foto: Anke Reimann

Auch als Gastmusiker füreinander aktiv: Marco Tschirpke am Piano und Sebastian Krämer.

Foto und Artikel: Anke Reimann, Goslarsche Zeitung von Mo., 11.04.2011

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