Hans-Ulrich Grimm:

Zu Gast im Reich der Trockenhühner

Der kritische Nahrungsmittelexperte Hans-Ulrich Grimm erzählt den Harzburgern, was in ihrem Essen ist

Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt. Das ist nicht schlimm, wenn man weiß, wo es herkommt. Echte Lebensmittel zum Beispiel - Brokkoli, Schnitzel, Kartoffeln - sind in den Augen des Ernährungsexperten Hans-Ulrich Grimm erst einmal nicht bedenklich, beziehungsweise hat er sie nicht so sehr im Fokus. Anders sieht es mit Dingen aus, die aus der "Parallelwelt" der Lebensmittel kommen, aus dem Reich von Pizza, Industriejoghurt und Instandsuppen. Dorthin entführte der Journalist und Buchautor am Freitag 200 Gäste des Kulturklubs.

Die Rolle der Industrie

Diese Parallelwelt hat ihre eigenen Gesetze und der Konsument braucht sich gar nicht einzureden, da irgendein Wörtchen mitreden zu dürfen. Meint jedenfalls Grimm. Er berichtete von internationalen Konferenzen, auf denen festgelegt wird, wie viel von welchem Zusatzstoff in ein Produkt darf. Und wer sitzt in diesen Konferenzen? Vertreter der Zusatzmittelindustrie. Und dreimal darf man raten, wen Grimm als Finanzier für Gutachten oder Richtlinien ausgemacht hat, in denen die Harmlosigkeit von Zusatzstoffen bescheinigt wird….

Nun, ehrlich gesagt wundert das irgendwie keinen. Was eigentlich schon wieder ein Zeichen dafür ist, wie leichtfertig Otto Normalverbrauchen sich mit Dingen vollstopft, von denen er weiß, das sie nicht ganz koscher sind. Wobei: Grimm geißelte nicht die Nahrungsmittel, von denen man es erwarten würde, also beispielsweise die üblichen Verdächtigen aus den Fast-Food-Restaurants.

Wer hätte aber gedacht, das ausgerechnet Fruchtjoghurt nicht das Gelbe vom Ei ist? Warum? Weil gar keine Frucht drin ist. Oder nur ganz wenig, der Rest sind Ersatz- und Aromastoffe. Morgens eine Erdbeere ins selbst gemachte Joghurt und abends ist sie Matsch. Wie soll die Industrie da mit natürlichen Mitteln ein Produkt herstellen, das wochenlang hält UND frisch ausschaut?

Es geht nicht um das Wohl der Konsumenten, sondern ums Aussehen der Produkte. Warum sind Schokolinsen so schön bunt? Weil im Farbstoff Aluminium ist. In Konzentrationen, die einem eine Gänsehaut bereiten, von böseren körperlichen Auswirkungen einmal ganz zu schweigen. 320 Milligramm pro Kilo - ein Kind dürfte fünf Linsen pro Tag essen. Tut es das…?

Die Instandsuppen

Auch die Produktion von Lebensmitteln hat in der Parallelwelt ihre eigenen Gesetze. Hühner-Instandsuppe ist nur in de Fantasie der Verbraucher getrocknete Hühnersuppe. In Wirklichkeit wird sie mit Stoffen angemischt, die "eine mit Huhn vergleichbare Lösung ergeben". Inhalt unter anderem "zwei Gramm Trockenhuhn und sieben Gramm Nasshuhn". Was auch immer das für Tiere sein sollen.

Die Parallelwelt ist spannend, interessant, erschreckend. Allerdings ist Hans-Ulrich Grimm nicht der beste Reiseleiter. Er kennt sich aus, keine Frage, aber ein guter Autor (Grimms Bücher verkaufen sich wie geschnitten Brot) ist noch lange kein guter Referent. Schon gar nicht, wenn er aus dem Baden-württembergischen kommt und auch so spricht. Man musste schon ein wenig anstrengt zuhören, wollte man Schritt halten. Aber vielleicht ist es auch manchmal ganz gut, wenn man nicht alles so richtig mitbekommt…

Hans-Ulrich Grimm ; Foto: Holger Schlegel

Viele, viele bunte Schokolinsen - sie sind nur so bunt, weil in der Farbe ordentlich Aluminium beigemischt ist, sagt Hans-Ulrich Grimm. Auf seiner Internetseite www.food-detektive.de hat er diese und andere Zusatzstoffe aufgelistet.

Foto und Artikel: Holger Schlegel, Goslarsche Zeitung von Mo., 24.01.2011

zurück zur Übersicht

Startseite  |  Sitemap  |  Kontakt  |  Impressum
© 2011, Kulturklub Bad Harzburg