Tilman Birr:

Der liebe Gott heißt Manphred

Tilman Birrs Alltagsgeschichten begeistern

Sie sind in den Großstädten so etwas wie die Popstars der Literatur: Lesebühnen-Autoren und Poetry Slamer schreiben Zweiminutenliteratur für ein Livepublikum, meist Alltagsgeschichten voller schräger Situationen und ausgeprägtem Sinn für Humor. Einige von ihnen waren schon im Bündheimer Schloss zu Gast: Jess Jochimsen, Marco Tschirpke, Sebastian Krämer, Philipp Scharri. Am Samstagabend kam der Wahlberliner Tilman Birr ins Schloss, um diese illustre Reihe zu ergänzen.

Etwa 150 Zuschauer waren gekommen, um seinen Geschichten zu lauschen. Mit Gitarre, Loop-Maschine und Textkladde entführte er in seine Welt voller Berlin und Berlinern, in die er als gebürtiger Hesse geraten ist, sowie eine Welt voller Leute, die seinen Namen falsch schreiben. Und er sprach von seinen Erlebnissen als Stadtbilderklärer und Gummibärchenwerfer auf einem Spree-Ausflugsdampfer.

Die "Früher-Sätze"

Ob Reinhard Mey, ob motzende Berliner oder trunkene Spanier - Tilman Birr schlüpfte mühelos in unzählige Rollen und parodierte munter und in allen Dialekten so lebendig, als sei dies alles tatsächlich und erst gestern geschehen. In einer langen Ballade besang er die grausen Folgen der Falschschreibung seines Vornamens: "Der Name Tilman (nicht Till und nicht -mann) mit einem "l" und einem "n" ist sein Schicksal und treibt ihn durch Leben und untot bis in den Himmel hinein, wo er einen Gott trifft, der Manphred heißt. Das Ganze im Johnny Cash-Countrystil unterhaltsam präsentiert.

"Früher war hier alles Feld", so hieß das Programm. "Das sind so Sätze", sagte Tilman Birr, "an denen man erkennt, wie alt jemand ist." "Früher, als es noch kein Internet gab …", ist auch so einer. Doch es ging in seinem Programm nicht um Sätze an sich, immer sind es mehr die Geschichten und Personen, die ihn interessieren.

In Stories wie "Südhessen sucht den Metal-Star" oder "Call Center" und "On the left side you see the Siegessäule" tummelten sich schräge Gestalten aus dem Hier und Heute - störrische Berliner Postbeamte, Türsteher mit heimlichem Abitur, mutierende (Reise-)Führer, gelangweilte Schulklassen, Nackte in der Sauna, Opas, die beim Versandhandel anrufen: "Ich hab so viel vom Internet gehört. Ich wollt gern eins bestellen!

"Weiter gab es eine Neuvertonung und -vertextung des Filmanfangs von "Die fabelhafte Welt der Amelie" in einer hessischen Version. Und es war genau das, was die Lesebühnen ausmacht: der skurrile Charme, die Lebendigkeit des Vortrages, der beim Publikum so gut ankam und immer wieder für Lacher sorgte.

Berlin ohne Berliner

"Berlin ohne Berliner, das wäre schön", sang Tilman Birr zum Schluss - …was schade wäre, denn dann hätte er weniger Stoff für seine Berliner-Parodien. Aber er sang es ja auch eigentlich gar nicht selbst, sondern mit Stimme und Klang von Reinhard Mey.

Tilman Birr ; Foto: Anke Reimann

"Südhessen sucht den Metal-Star" - allerdings ist es nicht Tilman Birr. Der ist zwar Hesse, aber musikalisch wesentlich vielseitiger.

Foto und Artikel: Anke Reimann, Goslarsche Zeitung von Di., 08.11.2011

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