Mark Benecke:

Auch das Leben nach dem Tod ist bunt

Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke spricht beim Kulturklub vor ausverkauftem Haus über Farben und Gerüche von Leichen

Das Leben ist bunt - über den Tod hinaus. Bakterien sind dann die Farbgeber. Und sie lassen Leichen riechen. Wie, das hat am Freitagabend Dr. Mark Benecke erklärt, der Stammgast des Bad Harzburger Kulturklubs. Der Kriminalbiologe und Spezialist für forensische Entomologie zeigte im Bündheimer Schloss viele bunte Bilder.

Auf drei Leinwände, damit auch die hinter den Säulen was von den Fotografien haben, werden sie projeziert. Richtig groß, richtig eindringlich. Aber Mark Benecke sagt ja immer: "Man muss vergrößern." Die Mark-Vorträge-Verfolger wissen das längst - im Schloss sind etliche von ihnen. Die können das auch ab, was sie sehen und was sie hören.

Tot auf dem Klosett

Zu riechen gibt es nichts. Ist vielleicht besser so. Wenn auch nicht allzu wissenschaftlich. Gerüche gehören zum Geschäft von Mark Benecke. An die hat er sich gewöhnt. Die kann er unterscheiden wie so ein Weinkenner. "Pseudomonas riecht muffig bouillonartig im Abgang." Gut zu wissen. Und noch eine Eigenschaft hat das Bakterium Pseudomonas. Es macht Leichen grün, "E coli", Escherichia coli, ist für Rot zuständig, weil es rötlich ist. "Eigentlich hübsch", wie der Kriminalbiologe findet.

Er zeigt ein Leiche-im-Badezimmer-Foto, rötlich-braun der Körper. Es ist der eines Mannes. Viele alleinstehende Männer, klärt Mark Benecke auf, würden tot im Sanitärbereich aufgefunden. Alleinstehende Männer hätten nun mal oft Herz-Kreislauf-Probleme. Ein Klogang strenge eben stark an und könne den Tod bedeuten. Was für ein Lebensende.

Für die Bakterien die Zeit, sich gütlich zu tun. Sie zersetzen das Gewebe. Und wenn sie so dabei sind, kommen die Schmeißfliegen. Deren Maden "lieben bakteriell zersetztes Gewebe". Das ist gut. Denn auch für Menschen, die leben, können sie nützlich sein: "Offene Wunde, Maden drauf, infiziertes Gewebe wird gefressen, die Wunde heilt."

Wieder bunte Bilder, diesmal von einem offenen Bein in verschiedenen Stadien bis hin zur Genesung. Ein Tipp von Mark Benecke: "Heute können sie Maden in der Apotheke kaufen." War während des Zweiten Weltkrieges nicht möglich. Dennoch haben sich verletzte Soldaten damals mit den Tierchen zu helfen gewusst, starben daher nicht an Wundbrand.

Mark Benecke braucht all diese Bakterien, Fliegen, deren Larven, die Farben und Gerüche, die Fäulnisgase an, in und auf den Leichen. Sie sind Anzeiger dafür, wie lange jemand tot ist, ob er beispielsweise zuvor in der Pflege vernachlässigt worden ist, woran er gestorben ist und so weiter. Mark Benecke kann das alles ertragen, hat sich an die Gerüche, an den Anblick gewöhnt. Ekel kommt bei ihm nicht hoch. Das ist am Freitagabend das Stichwort für Ehefrau Lydia, die Psychologin. Sie sagt "Man kann sich abgewöhnen, sich zu ekeln." Dass der Mensch auf Verschimmeltes, Verwestes, Scharfriechendes angewidert reagiere, liege in der Evolution begründet. Der Verzehr von so was, könne zu einer Infektion führen, womöglich zum Tod.

Stechender Geruch

Dr. Mark Benecke hat mit dem Verzehr von Leichen nun wieder nichts zu tun - als Vegetarier schon mal gleich gar nicht. Mit dem Geruch kommt er klar dank der Gewöhnung. Die ist wohl schon so stark und so stark wissenschaftlich verfestigt, dass er sich ein wenig wundert über andere. Ammoniak-"Duft" aus Leichen ist eher Igitt für die Menschen. Ammoniak-"Duft" im Bad ist o.k., da steht es ja für Sauberkeit. Stechendes für die Nase gibt es in beiden Fällen ab.

Das heißt doch: Leichen riechen nicht süßlich, wie so oft kolportiert. Genau. Aha. Wieder was Wissenswertes von Dr. Mark Benecke erfahren. Und beim nächsten Besuch des Kriminalbiologen in Bad Harzburg ist der Ekel vor manch Dargestelltem bestimmt kleiner - der Gewöhnung wegen.

Mark Benecke ; Foto: Angela Potthast

Das Begleiter-Kaninchen: Hermine gehört zur Benecke-Familie, hat die Ruhe weg. Sie sitzt während der ganzen Vortragsveranstaltung artig neben Herrchen Mark auf einem Stuhl.

Foto und Artikel: Angela Potthast, Goslarsche Zeitung von Di., 10.05.2011

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