Zweifel:

"Es ist nicht unsere Bestimmung, gut schlafen zu können"

Durchdachte Theateraufführung, große Schauspielkunst: "Bühne Bad Harzburg" präsentiert eine Parabel von erschreckender Aktualität

Mit der Bühnenparabel "Zweifel" von John Patrick Shanley präsentierte die Bühne Bad Harzburg am Donnerstagabend im Kursaal ein meisterhaftes Theaterstück von verblüffender Aktualität: Es ging um eine katholische Schule in New York. Deren Leiterin, Schwester Aloysius, wirft dem ebenfalls lehrenden Pater Flynn Kindesmissbrauch vor.

Im Stück gibt es dafür keine Beweise. Nur Indizien, die auf die Möglichkeit hindeuten. Die derzeitigen Schlagzeilen in den Medien lassen die Waagschale gerade zuungunsten des Paters kippen. Doch im Theatertext wird das Gleichgewicht gewahrt: Hat Schwester Aloysius Recht oder verfolgt sie den Pater zu Unrecht mit Argwohn und Anschuldigungen? Das wurde bis zum Ende nicht aufgeklärt. Doch was auf der Bühne gezeigt wurde, ist eine Haltung, ist der einsame Kampf einer Frau, die eine Entscheidung getroffen hat, geradlinig, ohne Wenn und Aber.

Kongeniales Spiel

Dieses Stück steht und fällt mit seiner Hauptdarstellerin. Renan Demirkan zeigte sich mit einer brillanten Darstellung der bärbeißigen Schwester Aloysius dieser Herausforderung absolut gewachsen. Sie zeigte eine strenge Frau, auf Einhaltung der Regeln bedacht, Kontrolle über die Schule ausübend, die Sprache fast militant zackig, unnahbar. Und doch berührte sie und weckte Sympathien.

Sie hatte eine Anmut und eine Art von Aufmerksamkeit für ihre Schüler und die junge Lehrerin Schwester James, die zeigten, wie sehr diese ihr am Herzen liegen. Es waren kleine Facetten des Humors, der Zuneigung, die Renan Demirkan aufblitzen ließ ohne die geradlinige, äußerlich strenge Haltung ihrer Figur aufzuweichen. Das war große Schauspielkunst.

Kongenial agierte Wolfgang Seidenberg als ihr Gegenspieler Pater Flynn. Sehr viel zugänglicher erschien dieser, ein Freund der Kinder, sportlich, drahtig, jugendlich, immer ein offenes Ohr für die Sorgen der Kinder, auch mal eine Regel umgehend für ein Lachen, eine Freude. Doch mit den Vorwürfen konfrontiert, begann er ambivalente Verhaltensweisen zu zeigen. Wehrte er sich, weil die Vorwürfe unhaltbar waren, oder hatte er tatsächlich etwas zu verbergen? Auch dies war eine Gratwanderung. Es gab einen Moment auf der Bühne, der wie ein Schauder unter die Haut fuhr, als Seidenbergs Pater Flynn die Maske der Freundlichkeit für den Bruchteil einer Sekunde ablegte und sein wahres Gesicht zeigte. Ein Blick, der ins Herz stach, im wahrsten Sinne, und er kam völlig überraschend.

Es bleiben Zweifel

Ebenfalls für intensive, starke Szenen sorgten Katalyn Bohn in der Rolle der jungen Lehrerin Schwester James und Karin Boyd als Mutter des angeblich misshandelten Jungen.

"Ich wünschte, ich könnte so sicher sein, wie Sie", sagt Schwester James. "Aber ich kann es nicht, ich kann nachts nicht mehr schlafen deswegen."

"Es ist nicht unsere Bestimmung, gut schlafen zu können", antwortet Schwester Aloysius. Der Pater ist inzwischen aus der Schule hinausbefördert worden an eine andere Schule. Aloysius ist erschöpft vom Kampf, bei dem sie alle Register gezogen hat. "Ich habe Zweifel", gibt sie zu, als alles vorbei ist.

Regisseur Harald Demmer ist eine starke und berührende Inszenierung gelungen. Geradlinig und schnörkellos wie die Hauptfigur. So ist auch Manfred Schneiders Bühnenbild - ein sakraler, veränderbarer weißer Holzrahmen auf schwarzem Grund. Damit schuf er mit einfachen Mitteln verblüffende Effekte. So war alles in dieser Aufführung rundum durchdacht und es gelang ihr, das Publikum mit auf die Reise zu nehmen.

Dessen Begeisterung war beim Schlussapplaus deutlich zu hören. Und aus der strengen Schwester Aloysius wurde eine strahlende Renan Demirkan.

Foto: Anke Reimann

Das Bühnenbild unterstreicht die Handlung: Es teilte den Raum in verschiedene Parzellen, in denen (v.li.) Renan Demirkan, Wolfgang Seidenberg und Katalyn Bohn die Standpunkte ihrer Figuren spielen können.

Foto und Artikel: Anke Reimann, Goslarsche Zeitung von Mo., 22.03.2010

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