"Zeitfenster":

Wortlawine überrollt die Figuren des Stückes

Die Bühne Bad Harzburg präsentiert David Hares "Zeitfenster" auf der Kurhausbühne

Der Worte sind genug gewechselt, lasst mich auch endlich Taten sehen!" Ach nein, das ist das falsche Theaterstück. Nicht Goethes "Faust", sondern David Hares "Zeitfenster" präsentierte die Bühne Bad Harzburg am Freitagabend im spärlich besuchten Kurhaussaal. Leider. Etwas weniger Worte und dafür mehr Taten hätten dem Abend vielleicht gut getan. Das Ganze nennt sich "Konversationstheater", aber muss es darum langatmig sein?

Die ganze Inszenierung (Regie: Ulrike Maack) hatte den Charme einer dieser Polit-Talk-Runden à la Maybrit Illner. Was der Text eventuell noch an Humor und menschlichen Regungen zu bieten hatte, ging unter im Dauerton des Dozierens. Humor braucht Timing, Gespür für die Situation. Die Ankündigung des Stückes ließ beides erwarten, doch es funktionierte nicht.

Das Thema: Kriege

Die Handlung ist, dass eine amerikanische Dozentin für Politikwissenschaft dem englischen Vater ihres Liebsten vorgestellt wird und mit ihm in leidenschaftliche Diskussionen um das Für und Wider des Irakkrieges und anderer Kriege gerät. Darüber entsteht eine persönliche Verbindung zwischen der jungen Frau und dem Vater, die den Sohn eifersüchtig macht, alte Probleme auf den Tisch bringt und das Paar am Ende entzweit.

Peter Striebeck spielte den Vater Oliver mit Würde und meist in einem Korbsessel sitzend. Er wirkte nicht sonderlich gefährlich für die Beziehung des Paares und war wegen konstant gedämpfter Lautstärke in den hinteren Reihen nicht immer zu verstehen. Daher war die im Drama vorgesehene und von Benjamin Kernen auch gespielte Wut und Eifersucht des Sohnes Philip auf seinen Vater kaum nachvollziehbar. Sein: "Komm Nadia, wir fahren sofort nach Hause", wirkte beinahe albern und kindisch, was so sicher nicht sein sollte. Irene Christ spielte eine selbstsichere Dozentin Nadia, der das Umschalten auf Gefühl und Nervenzusammenbruch nicht leicht fiel. Auch ihre Wut über die Ungerechtigkeit der Welt und insbesondere über die Egomanie der westlichen Welt wirkte eher wie ein Kraftakt, denn wie ein Ausbruch. Und die beiden Studenten, gespielt von Leander Modersohn und Dominique Siassia, konnten nicht wirklich den Nerv der Nadia-Figur treffen.

Zu wenig kraftvoll

Für die leisen Töne war kein Raum im himmelhohen Wortgebäude dieser Inszenierung. Es waren Sätze, die alle gut klangen und wichtige Themen wie Demokratie und unser Eingreifen oder Nicht-eingreifen in die Belange der ganzen Welt zur Sprache brachten. Aber sie erreichten nicht das Herz der Zuschauenden, weil die Charaktere weitgehend hinter den Worten verborgen blieben, zu wenig kraftvoll waren, um daraus hervorzutreten.

Der Begriff "Zeitfenster" bezeichnet in der Notfallmedizin jenen Moment nach dem Unglück, in dem noch eine Chance auf Rettung besteht. Es ist ein Augenblick in dem es um Leben und Tod geht. Diese Spanne vermochte die Aufführung nicht auszufüllen.

Zeitfenster ; Foto: Anke Reimann

Hatten allesamt viel und anspruchsvollen Text zu lernen (v. li.): Leander Modersohn (als Dennis Dutton), Irene Christ (als Nadia Blye), Peter Striebeck (als Oliver Lucas), Benjamin Kernen (als Philip Lucas) und Dominique Siassia (als Terri Scholes).

Foto und Artikel: Anke Reimann, Goslarsche Zeitung von Mo., 22.11.2010

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