Jess Jochimsen:

"Und wo soll ich hin mit dem Rindenmulch?"

Jess Jochimsen zu Gast im Bündheimer Schloß

Jess Jochimsen webt mit Worten. Er legt die Fäden seiner tragikomischen Geschichten lose in den Rahmen seines Bühnenprogramms. Doch keiner geht verloren, immer wieder nimmt er seine Motive auf und verwebt sie zu einem schillernden Teppich aus Schwermut, Komik, Leichtsinn und Tiefsinn.

So geschehen auch am Samstagabend im Bündheimer Schloß vor vollem Saal. "Durst ist schlimmer als Heimweh" heißt Jochimsens aktuelles Programm. Ein Satz von Erich Kästner, den jemand an die Klotür einer Freiburger Kneipe gekritzelt hat. "Das hat mich berührt", sagte der Autor, Musiker und Weltbeobachter mit der ganz besonderen Sicht auf Menschen und Dinge, die in der Hatz der heutigen Zeit gerne übersehen werden.

Leise Traurigkeit

"Ich werde meinen persönlichen depressiven Jahresrückblick vorlesen, ein Lied mit Todesfolge singen und Dias zeigen. Der Rest ist Schwermut", kündigte Jess Jochimsen an und so war es auch, wobei sich seine Zuschauer dabei herzlich amüsierten. Er zog Hochzeiten und Essen bei Freunden durch den Kakao, mit bösem Schalk und dennoch nicht überheblich, sondern mittendrin, mit einer leisen Traurigkeit hinter all der Komik des Alltags und umgekehrt.

Seit Jahren sammelt er Sätze: "Ich will kennengelernt werden", ist einer, oder "Und wo soll ich jetzt hin mit dem Rindenmulch?" Und er stellt Fragen: "Wenn beim Synchronschwimmen einer ertrinkt, was machen dann die anderen?" Ja, "Komasaufen, das wäre so sinnvoll, günstig und klug …"

Frech und warmherzig

Dann zeigte Jess Jochimsen Dias von Tristesse und Verfall, und auf jedem Bild findet sich ein Witz, oder auch eine kleine Hoffnung, ein Hauch von Liebe… "Großartige Trostlosigkeit", nennt er es mit den Worten von Buzz Aldrin, dem zweiten Mann, der den Mond betrat, dem "Schutzheiligen aller Depressiven". Schilder wie "Trauergemeinden kreuzen die Fahrbahn" sorgten für Heiterkeit im Saal.

"Der geht mit offenen Augen durchs Leben", sagte eine Zuschauerin über Jochimsen. Dieser nahm derweil die Quetschkommode zur Hand und sang ein Lied von dünnen, alleinerziehenden Müttern dicker Kinder, deren dicke Väter einst davongerollt sind. Und weil das zu fröhlich war, sang er danach von Kurt aus der Kneipe, der mit dem Fahrrad ein Reh totfuhr, eine wunderschöne Frau ohne Beine liebte und nun im Grab liegt. Frech und warmherzig zugleich. Und mit großer Ehrerbietung für Leute am Rand der Gesellschaft.

Noch ein Dia: "Steh auf, das Leben ist schön" prangt mit roten Lettern an einer grauen Hauswand. "Walking on the moon", singen Police, eine Frau irrt umher und fragt: "Wo soll ich jetzt hin mit dem Rindenmulch?" Jess Jochimsen wob die letzten Farben seiner Geschichten in die meisterliche Inszenierung dieses Abends ein. Und schaffte einen stimmungsvollen Abgang mit einem Willy-Nelson-Song zur Quetschkommode. Das Publikum applaudierte begeistert, einige standen auf, riefen "Bravo!". Schon oft war Jess Jochimsen zu Gast im Schloss und jedes Mal mit Substanz - musikalisch, sprachlich, inhaltlich ein wahrhaftiges Erlebnis.

Jess Jochimsen ; Foto: Anke Reimann

Kabarettist Jess Jochimsen sammelt Sätze und Dias, die von Verfall, Witz, Hoffnung und einem Hauch von Liebe zugleich geprägt sind.

Foto und Artikel: Anke Reimann, Goslarsche Zeitung von Di., 27.04.2010

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