Gerald Hüther:

Begeisterung ist Dünger fürs Hirn

Hirnforscher Prof. Hüther im ausverkauften Bündheimer Schloß - Menschen einladen, ihr Potenzial zu entfalten

Ganz Deutschland bildet eine Ressourcen-Ausnutzungs-Gesellschaft. Ganz Deutschland? Nein. Eine verschworene Gemeinschaft in Bad Harzburg macht sich auf, Potenzial-Entfalter zu werden. Im ausverkauften Bündheimer Schloß hob Gehirnforscher Prof. Dr. Gerald Hüther eine neue Begeisterungs-Kultur aus der Taufe und forderte dazu auf, Potenzial zu wecken, Menschen dazu einzuladen, zu ermutigen und zu inspirieren.

Mehr als Philosoph denn als trockener Wissenschaftler gewinnt Hüther aus den Erkenntnissen der Gehirnforschung Impulse für ein neues Miteinander. Deutschland stecke nicht in der Krise. Das Land stecke stattdessen im Dilemma der Ressourcen-Ausnutzungsgesellschaft. "Potenzialentfaltung heißt die Lösung", erklärte er. In jedem stecke unglaublich mehr, als schließlich herauskomme, das lehre die Neurobiologie.

Hüther räumte mit dem Bild des alternden Gehirns und absterbender Zellen auf. "Zehntausend Zellen Verlust sind Peanuts im Vergleich zu den Milliarden, die ich schon verloren habe, bevor ich auf die Welt kam." Kinder kämen mit der Fülle zur Welt - mit einem Viertel mehr Potenzial als nötig sei. Je nach Kultur, Land und Familie würden Vernetzungen entstehen. Zum Beispiel am Amazonas ein Bereich im Gehirn, der 120 verschiedene Grüntöne unterscheide. Wichtig sei, dass Kinder möglichst viele Erfahrungen erlebten. Es sei zeitlebens ein Vorteil, wenn Kinder komplexe Netzwerke stabilisiert hätten.

"Wenn Menschen anfangen, ihr Hirn zu nutzen, verändert es sich." Ob Instrumente spielen oder jonglieren lernen, nach einem halben Jahr sei das Gehirn nachweislich anders. Jedoch nutze es nichts, Telefonbücher auswendig zu lernen. "Ohne Begeisterung funktioniert es nicht, es muss für Sie bedeutsam sein und unter die Haut gehen." Kleine Kinder würden so schnell lernen, weil sie täglich 50-mal von Kopf bis Fuß begeistert seien. Dabei würden im Hirn emotionale Zentren aktiviert, sie schütten neuroplastische Botenstoffe aus und aktivieren weitere Zellen - "wie Dünger fürs Hirn" würden die Stoffe über die Netzwerke gegossen. "Wenn die Gießkanne angeht, wird alles möglich."

Zwei Ur-Erfahrungen würden das Leben dominieren: Die Sehnsucht nach Verbundenheit und das Bedürfnis, über sich hinaus wachsen zu können. "Deswegen sind Kinder so neugierig." Zwei Formen von Nähe zählte Hüther auf: die personelle Beziehung und die Fähigkeit, sich gemeinsam in etwas Drittem zu finden, beim Bilderbuch angucken, gemeinsam singen oder musizieren, sich gleichzeitig verbunden und frei zu fühlen. Hüther stellte "supportive leadership" als Führungsmodell der Zukunft im Gegensatz zur autoritären Führung vor: der Chef, der seine Mitarbeiter inspiriert, ihre Möglichkeiten zu entfalten.

Er halte seit vielen Jahren Vorträge und wolle sich nicht mehr als "Befruchter" oder "Krankenpfleger" betrachten lassen, erklärte Hüther. "Ich bin Geburtshelfer", sagte er und gab die Aufgabe der Koordination einer neuen Begeisterungskultur in Bad Harzburg an den überraschten und erfreuten Detlev Lisson ab, der als Stadtbüchereileiter gemeinsam mit dem Kulturklub zu der Veranstaltung eingeladen hatte.

G. Hüther ; Foto: Ina Seltmann

"Machen Sie Lehrer zu Komplizen", rät Prof. Hüther (li.) auf die Frage Peter Waslowskis, wie er Schule in Deutschland verändern könne. In der Kinder-Uni zuvor in der Stadtbücherei hatte Hüther mit Drittklässlern über Schule gesprochen.

Foto und Artikel: Ina Seltmann, Goslarsche Zeitung von Fr., 30.04.2010

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