Die Frau von Früher:

Die Liebe in den Zeiten der Ernüchterung

Die "Frau von früher" zeigt sich auf der Bühne Bad Harzburg als irrational und radikal liebende Utopistin

Wahrlich keine leichte Kost servierte der Kulturklub seinen Gästen zum Ausklang eines sonnigen Frühlingstages am Freitag auf der Bühne Bad Harzburg. "Die Frau von früher" gerierte sich als zäher Brocken, als irrationale Tragödie und groteske Parabel auf die Vergänglichkeit der Liebe.

Im aufreizend roten Mäntelchen betritt Romy, die "Frau von früher", (Leslie Malton) die Szenerie. Just an jenem Abend, an dem ihre Jugendliebe Frank (Felix von Manteuffel), dessen Frau Claudia (Julia Jaschke) und deren gemeinsamer Sohn Andi (Alexander Wipprecht) ihr bisheriges Leben in Kisten verpacken und auf dem Absprung nach Übersee sind. Romy fordert ein Versprechen ein, das Frank ihr vor 29 Jahren gegeben hatte: "Ich werde dich für immer lieben". Die "Frau von früher" ist zurückgekommen, um den Schwur einzulösen. Sofort und ohne Kompromisse.

Mit ihren Vor- und Rückblenden wirken die Geschehnisse dieser "Nacht der Entscheidung" wie eine theatralische Dokumentation. Das konzentrierte Spiel der Akteure, der enge Handlungsrahmen, die ausgefeilten Dialoge erfordern gut 75 Minuten lang die volle Aufmerksamkeit der Zuschauer. Es ist kein rasantes Stück, das Roland Schimmelpfennig für die Theatergastspiele Kempf inszeniert hat. Vielmehr ist es getragen von einer bedrückenden Langsamkeit, von der allmählich zur Gewissheit werdenden Unausweichlichkeit der Geschehnisse.

Dabei sind die Dialoge nicht ohne Witz. Und Autor Schimmelpfennig räumt selbst ein, dass sich aus der Grundsituation gut auch eine Komödie hätte entwickeln lassen. Aber genau das lässt "die Frau von früher nicht zu". Sie stellt die Frage, was am Ende mehr zählt: Sich kennen oder sich lieben? 19 Jahre Ehe oder der Liebesschwur einer Jugendromanze? "Die 19 Jahre Ehe kleben fest. Die kriegst du nicht runter, das wird dir nicht gelingen, die kleben fester als der eine Sommer", beschwört Claudia ihren Ehemann Frank.

Doch die Frau im roten Mantel fordert noch viel mehr: "Es reicht nicht, wenn du nur die Frau aufgibst, dasselbe gilt für deinen Sohn". Diesen Sohn, der sich in der selben Nacht von seiner Freundin Tina (Gundula Niemeyer) hat verabschieden müssen, überführt Romy selbst der Treulosigkeit und bestraft ihn für den Verrat an seiner Liebe zu Tina. In Romys Utopie darf es Franks Leben "dazwischen" nicht geben, und weil sie diese 29 Jahre nicht aus seinem Kopf löschen kann, löscht sie deren Personen aus. Genauso radikal, wie sie ihre Liebe einfordert.

Die Frau von Früher ; Foto: Berit Nachtweyh

Felix von Manteuffel, Leslie Malton, Gundula Niemeyer, Julia Jaschke und Alexander Wipprecht (v. re.) zeigen auf der Bühne Bad Harzburg konzentrierte Theaterkost.

Foto und Artikel: Berit Nachtweyh, Goslarsche Zeitung von Sa., 24.04.2010

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