Mark Benecke:

Bizarres aus der Biotonne

Kriminalbiologe Dr. Benecke berichtet vor mehr als 300 Gästen im Schloß über einen Fall der besonderen Art

Die Biotonne war's diesmal, war das Thema von Dr. Mark Benecke. Die Publikums-Mehrheit hat's ausgewählt. Knapp mehr als 300 Gäste waren am Freitagabend im Bündheimer Schloß, auch Wiederholungstäter. Denn der Kriminalbiologe war schon zum dritten Mal auf Einladung des Kulturklubs nach Bad Harzburg gekommen.

Mark kotzt beim Fliegen - "oh, Mark" -, aber nicht bei Fliegen. Nicht bei Fliegen-Larven auf toten Menschen. Obwohl: Leichen riechen. Die im Zustand "flüssig" nach "Ammoniak, Kot und stinkendem Käse". Aber: Leichen sind nicht giftig. "Sonst könnten Sie sie ja auch nicht essen." Dr. Benecke zählt auf: Leiche in Würfeln gleich Gulasch, Leiche in Scheiben gleich Schnitzel. "Uäh", kommt's aus dem Publikum. Mark ist Vegetarier, wie im Internet zu lesen. Er prokelt ja beruflich ständig an totem Fleisch herum.

Vor einiger Zeit hatte er die Überreste eines älteren Mannes zu untersuchen. "Machen Sie sich gefasst auf ziemlich viel Fäulnis." Das bedeutet in Beneckes Vortrag: Bilder von einem Menschen, der als solcher kaum noch zu erkennen ist. Und der alte Mann aus der Biotonne schon gleich gar nicht. "Die Leiche ist merkwürdig verfault", sagen ihm die Kriminalpolizisten, die den Biologen zu Rate ziehen. Das stimmt: Drei verschiedene Fäulniszustände sind am Körper auszumachen.

Nichtgeschlüpfte Insektenpuppen findet der Doc an Stellen, wo sie normalerweise nicht sind. Stubenfliegenlarven sind da. Übrigens: Stubenfliegen, "die Damen unter den Fliegen", setzen sich drinnen auf Leichen, Schmeißfliegen, "die Fighter", draußen.

Schlussfolgerung: Die Leiche muss in der Wohnung gewesen sein. Sonst hätte sie keine Stubenfliegenlarven an sich. Mark Benecke untersucht und untersucht, will wie ein Kind gucken, geht näher und näher an die menschlichen Überreste heran, entdeckt in Teilen von ihr dies, das und jenes. Hilfreich dabei: seine Taschenlampe, die heller als Sonnenlicht ist.

Hilfreich auch: Die Experimente mit Schweinen. Studenten unterstützen ihn, machen Vorschläge. Ein Schwein wird in eine Biotonne verfrachtet, eins, das namens Babe, draußen aufgehängt, ein drittes halb begraben.

Was mit den dreien passiert, beobachten sie. Das, was sie beobachten, ist wiederum hilfreich für den Biotonnen-Fall. Nicht unbedingt alles. Macht nichts. Das kann nämlich auch für den einen oder anderen nachfolgenden nützlich sein. "Dann sind wir froh, Experimente vorher gemacht zu haben." Denn: Bizarre Fälle haben eine bestimmte Systematik laut Doc Mark - der nächste kommt bestimmt.

Bizarr trifft's: Die Biotonne stand auf der Terrasse. Dort, wo sie vom Wohnzimmerfenster aus zu sehen war. Wie kann das sein, dass Menschen eine Leiche entsorgen und sie dann so dicht in ihrer Nähe ertragen können?

Des Doktors Gattin Lydia, die Knast-Psychologin und Co-Referentin, zeigt eine Möglichkeit auf: Das sind Menschen, die weniger Gefühle haben, weniger ängstlich, weniger traurig sind, die sich nicht so gut in andere hinein versetzen können. Wenn man also das Gefühl "schlechtes Gewissen" nicht habe, könne man sich normal verhalten. So muss es beim Biotonnen-Fall gewesen sein. Leben mit einer Leiche vorm Fenster als Normales.

Und was ist vorher passiert? Vater muss gepflegt werden, wird jedoch vernachlässigt - nur einmal am Tag die Matratze seines Bettes gedreht, weiß Benecke -, Vater kommt zu Tode - vielleicht durch Schütteln -, Vater wird in einer Truhe im Keller untergebracht, dann in der Biotonne. Weil die Leiche stinkt, wird Pflanzenmaterial oben drauf gelegt. Das Pflanzenmaterial, genau das erklärt die nicht geschlüpften Insektenpuppen an den Leichenstellen, an denen sie normalerweise nicht sind. Die Zweige haben sie nach unten gedrückt auf den verwesenden Körper. Und weswegen so ein Verhalten der Angehörigen? Habgier. Die Rente des Vaters.

Eine Geschichte aus dem wahren Leben, die Dr. Benecke da auftischt. Im nächsten Jahr auch? Die Kulturklub-Leute haben ihm am Wochenende jedenfalls einen Vertrag für 2011 mitgegeben. Falls er wieder nach Bad Harzburg reisen sollte, könnte sich Antje Kane aus Braunlage das vierte Benecke-Buch vom Verfasser signieren lassen. Und der 14-jährige Derek könnte wieder kluge Fragen stellen und sich eine Benecke-Bemerkung abholen, wie "Aus Dir wird mal was.".

Mark Benecke ; Foto: Angela Potthast

Immer wieder Gespräche - vor dem Vortrag, während der Pause und am Ende: Dr. Mark Benecke (der mit den Tattoos) und Gattin Lydia (die mit dem roten Haar).

Foto und Artikel: Angela Potthast, Goslarsche Zeitung von Mo., 10.05.2010

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