Ohne Rolf:

Sie flüstern kursiv und schreien fett

Die Blattländer "Ohne Rolf" spielen lautlos beim Kulturklub im Bündheimer Schloß

Es gibt doch eine andere Spezies Mensch auf unserem Planeten: Die Blattländer. Zwei von ihnen haben sich am Freitagabend über den Blattrand gewagt und sind der Einladung des Kulturklubs ins Bündheimer Schloß gefolgt. Verwirrt musterten sie das Publikum. Dann hob der eine ein großes Plakat hinter seiner Ständerwand hervor und hängte es gut lesbar vor sich auf: "Jonas?" stand darauf. "Hm?" - erschien neben ihm das Antwortplakat. Darauf folgte: "Man sagt, sie verstecken ihre Sätze im Kopf." Ein kicherndes Publikum und das nächste Plakat: "Es kommt tatsächlich Schall aus ihrem Mund." Lange Blicke, dann schwarz auf weiß: "Suspekt!"

Mit Witz und Wonne

Sie nennen sich "Ohne Rolf", was ja auch stimmt, denn der eine heißt Jonas Anderhub, der andere Christof Wolfisberg. Sie kommen aus Luzern in der Schweiz, waren Lehrerstudenten und Zauberer als sie sich kennenlernten. Gemeinsam entwickelten sie vor zehn Jahren die Idee des schriftlichen Entertainments. "Blattrand" heißt ihr erstes abendfüllendes Programm. Mit Witz und Wonne schöpfen sie die Möglichkeiten ihres wunderlichen Mediums aus, ohne einen Laut von sich zu geben.

"Christof" "Ja?" "Wir führen ein ausgesprochen vorgedrucktes Leben." "Ja, bei uns ist alles vorgeschrieben." Doch die beiden blättern nicht nur, sie erleben Krisen, machen Schreibfehler, kämpfen gegen quasselnde Kassettenrekorder. Sie saufen Druckerschwärze, damit ihre Sprache nicht verblasst, sie flüstern in winzigen kursiven Buchstaben und schreien in fetten Riesenlettern. Und wenn einer behauptet, auf seinem nächsten Plakat stünde nichts, dann steht da tatsächlich "nichts". Sie geraten in Streit, weil der eine dem anderen die Umlaut-Pünktchen gemopst hat, sie weinen Papierschnipsel und präsentieren mit "Frère Jacques" erstmalig einen gedruckt vorgetragenen Kanon.

Nach der Pause werden sie plötzlich laut, haben sich Tonbänder an die Köpfe gebunden, sie trommeln und singen. Dann schlafen sie mit "zzzzz zzzz" Schildern über den Köpfen. Da war das mit dem Singen leider nur ein Traum, weil sie doch auch gern "Stimmberechtigte" wären. "Lass uns die Stimmbänder fressen", schlägt der eine vor. Sie nehmen die Tonbandkassetten aus den Rekordern und kochen Bandsalat, doch ohne Erfolg. Sie versuchen Kontakt, zu einem Zuschauer aufzunehmen, der kann wohl auch blättern, aber er kann ihnen nicht das Sprechen beibringen, denn auch seine Worte sind vorgeschrieben.

Die Gedankenleser

Dass die beiden mal Zauberkünstler waren, ist zu spüren an vielen versteckten Tricks und Gags, die wie beiläufig in das Programm einfließen und welche die Zuschauer immer wieder verblüffen: Das Gedankenlesen zum Beispiel, wobei aus dem Nichts dicke Papierballen auftauchen, auf denen die Gedanken des Publikums aufgedruckt stehen: "Bier!" oder "Woher wusste der Zuschauer vorhin, wann er blättern muss?" Gewitzte Aktionen sorgen für Dynamik und Spannung. So nehmen zwei Kassettenrekorder eigenständig Kontakt zum Publikum auf und versuchen, sich vor den Blattländern in Sicherheit zu bringen. Rekorder: "Bitte reichen Sie mich an die Sitzreihe hinter Ihnen weiter."

Dies zu erleben war ein großer Genuss und begeisterte das Publikum. Der Grundgedanke eines solchen Programmes - Plakate zeigen - mag vielleicht einfach sein, doch in der Ausführung sind die beiden Schweizer wahre Meister. In ihrem Packen von etwa tausend Plakaten steckt mehr als nur schwarze Tinte, da ist Magie verborgen und Gaukelei, Wortspiel und Kabarett, Pantomime, und Hintersinn. Wenn einer großgedruckt droht: "Ich reiße dich in Stücke!", dann reißt er "dich" in Stücke. So sind sie halt, die Blattländer, lautlos aber nachdrücklich.

Ohne Rolf; Foto: Anke Reimann

Jonas Anderhub (links) und Christof Wolfisberg sprechen gedruckt. Einen ganzen Abend lang können sie das Publikum nur mit dem Blättern in Plakaten unterhalten. Und sogar Fragen aus dem Publikum (Foto) werden gestellt und beantwortet.

Foto und Artikel: Anke Reimann, Goslarsche Zeitung von Di., 28.04.2009

zurück zur Übersicht

Startseite  |  Sitemap  |  Kontakt  |  Impressum
© 2009, Kulturklub Bad Harzburg