Oskar und die Dame in Rosa:

Verstand benutzen, um das Leben zu schätzen

Theatersaison mit grandioser Dame in Rosa beendet

Ein leeres Bett. Ein grüner Teddybär. Eine weiße Wand. Jemand malt ein Haus, ein Fisch und eine Katze an die Wand. Dies ist der Anfang und das Ende. Still betritt Doris Kunstmann die Szenerie. Die Schauspielerin wird an diesem Theaterabend im Kurhaus Großes leisten. Sie spielt "Oskar und die Dame in Rosa", ein Stück des französischen Autoren Eric-Emmanuel Schmitt.

Mit Weisheit und Humor erzählt Schmitt die Geschichte des zehnjährigen Oskar der nur noch zwölf Tage zu leben hat. Oskar selbst erzählt - über sich und die Dame in Rosa - in Briefen an Gott. Auf dem Bett liegen diese Briefe, denn das Bett war doch nicht leer, genauso wenig wie die weiße Wand weiß war. Die Frau im rosa Kittel liest die Briefe und erinnert sich an Oskar.

Menschlicher Engel

"Lieber Gott, ich habe das Gefühl, dass die Ärzte mich nicht mögen. Meine Transplantation hat sie enttäuscht." Nur Oma Rosa, die ehemalige Catcherin mit den Kraftausdrücken, die Würgerin des Languedoc, die von 165 Kämpfen 160 gewonnen hat, stellt sich seinen Fragen. Mit diesem kraftvollen, lustigen und liebevollen menschlichen Engel an seiner Seite, gelingt es Oskar, sich jeden einzelnen Tag wie zehn Jahre seines Lebens vorzustellen und jede Stunde, jede Freude, jeden Schmerz so tief und intensiv zu erleben, dass die äußere Zeit keine Rolle mehr spielt. Denn hier, am Ende aller Dinge geschieht für Oskar etwas, das normalerweise nicht möglich wäre: Magie.

Ein Kunstwerk

Auf behutsame Weise gewinnt die weiße Welt der Bühne Farben und Bilder: Bäume und Vögel, Sonne, Mond und Sterne, Blumen und Häuser. Die ganze Ausstattung und Optik dieser Aufführung ist ein Kunstwerk (Kostüme und Raum: Sylvia Wanke). Halb Darstellerin, halb Vision, als Krankenschwester und Engel verkörpert Sabine Effmert wortlos die lebendige Kraft dieser Bilder.

Regisseurin Petra Dannenhöfer ist mit diesem visuellen Konzept und mit ihrer Hauptdarstellerin Doris Kunstmann eine harmonische und ergreifende Inszenierung gelungen. Doris Kunstmann wechselt mühelos die Rollen, ihre Stimme ist ihr meisterhaft gespieltes Instrument. Sie spielt die Kinder, den Arzt, die Eltern. Den ganzen Saal zieht sie in ihren Bann mit ihrem klaren Ausdruck für alles, was wertvoll ist zwischen Anfang und Ende.

Große Geschichten weiß Oma Rosa zu erzählen. Wie die Würgerin von Languedoc die schweren Kämpfe gegen Sara Flutschiflutsch gewinnt, so wirbt nun Oskar unverdrossen um Peggy Blue, dem Mädchen ein paar Zimmer weiter. Er sagt ihr, dass er sie und ihre blaue Haut liebt, und er heiratet sie als er dreißig ist. Mit vierzig adoptiert das Paar den grünen Teddybären sowie Oma Rosa. Mit fünfzig überwindet Oskar die Midlifecrisis, rettet seine Ehe und schreibt an Gott: "Es ist toll das Leben, besonders wenn man über 50 ist und schon einiges durchgemacht hat." Dass er an Kraft verliert, wundert ihn nicht Applaus für die "Dame in Rosa": mit 70. Später schreibt er: "Um das Leben zu schätzen mit 100, muss man seinen Verstand benutzen."

Mit 110 Jahren stirbt Oskar. Aus der Catcherin Oma Rosa wird wieder die Helferin im rosa Kittel, deren Namen wir nicht erfahren. "Lieber Gott, ich danke Dir, dass ich Oskar kennenlernen durfte", schreibt sie, "Er hat mir geholfen, wieder an dich zu glauben."

Der Schlussapplaus löste den Bann. Stehend dankte das Publikum Doris Kunstmann für diesen Abend.

Doris Kunstmann; Foto: Anke Reimann

Applaus für die "Dame in Rosa": Eine grandiose Doris Kunstmann (mit Bühnenpartnerin Sabine Effmert, rechts) beendet die aktuelle Spielzeit der Bühne Bad Harzburg.

Foto und Artikel: Anke Reimann, Goslarsche Zeitung von Sa., 25.04.2009

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