Ole Lehmann:

Im Bett mit Jean Pütz

Ole Lehmann und Rainer Bielfeldt plaudern und singen auf der Schloßbühne

Rotzfrech, frisch, charmant und damit in einer für Kabarettbühnen seltenen Kombination präsentierte sich am Samstag Ole Lehmann mit seinem musikalischen Begleiter Rainer Bielfeldt dem Kulturklubpublikum im Bündheimer Schloß. Sie zerbröselten Tabus zu Kleinholz, ohne damit dem Publikum vor den Kopf zu hauen.

Tabubruch Nummer eins: Sex. Nicht der normale aus dem heimischen Schlafzimmer, sondern "der andere". "Ich bin schwul und sage das Wort heute abend noch ganz oft: schwul, schwul, schwul!" Na und? So, what? Eben.

Lehmann präsentierte das Schwulsein als das, was es ist: auch nichts Besonderes. Vielleicht nur etwas ungewohnt für den einen oder anderen, gerade "hier in Bündheim". "Gibt es hier eigentlich eine Tuntenbar? Für nach der Show?" Nein? Schade. Er nehme ja nach so einem Abend oft gern noch einen Tagesabschlussgefährten mit ins Hotel …

Sex mit Dialekt

Nicht falsch verstehen bitte: Ole Lehmann und Rainer Bielfeldt ("…er ist übrigens auch homosexuell") traten nicht den lieben langen Abend ihre sexuellen Vorlieben breit. Aber wenn sie es taten, dann wesentlich angenehmer und hörenswerter, als das ihre Kollegen aus dem heterosexuellen Lager gemeinhin tun (nur, dass sich bei denen niemand aufregen würde). Sex mit einem Partner, der Dialekt spricht? Kölschen zum Beispiel? Schlimm! Als ob man mit Jean Pütz im Bett wäre. Um sich davor zu gruseln, muss man nicht schwul sein…

Lacht man über Hitler?

Aber wie gesagt, es war kein Abend über Schwule und Sex. Das Thema war halt genauso präsent wie im richtigen Leben - nur dass es da niemand so ausspricht und so charmant rüberbringt wie Ole Lehmann.

Und deshalb konnte er auch irgendwann zu Tabubruch Nummer zwei ansetzen: Witze über Hitler. Huuuiii! Heeey! Darüber darf man sich nicht lustig machen! Oder darf man? "Leute, ich bin nicht blöd, der Mann war ein Monster" - aber aus heutiger Sicht eben auch eine Witzfigur.

Und genau so stellte Lehmann ihn hin: als Wicht, der rumramentert hat wie Louis de Funes. Und der, müsste er heute noch arbeiten, ja womöglich an einem Schalter im Postamt von Berlin Neukölln säße, was nun eine völlig durchgeknallte Vorstellung ist.

Das war durchaus mutiges Kabarett. Es war aber auch großes Kabarett. Lehmann ist nicht umsonst der aufsteigende Stern am deutschen Comedyhimmel. Zumal er sein normales Stand-up-Programm kombiniert mit musikalischen Elementen, bei denen man meint, man sei im anderen Film. Ole Lehmann (übrigens kein Künstlername, "das wäre ja auch blöd") ist ausgebildeter Musicaldarsteller und Bielfeldt ein begnadeter Musiker, Texter und Komponist.

Ihre Lieder, auch die gecoverten, gaben dem Abend die anderen Momente - die sanften, nachdenklichen zum Beispiel: "My Immortal", eine tieftraurige Ballade, die Lehmann in Erinnerung an einen an AIDS gestorbenen Freund jeden Abend singt. Oder das fröhliche, glamourhafte "Babuschka", das zwischen großer Show und Persiflage pendelte. Oder die gesungene Tour durch die Berliner Schwulenkneipen, die es gleich zu Beginn des Abends zeigen sollte, wohin die Reise gehen würde - inklusive eines (Achtung!) "schlimmen Wortes": Schwanz. Uuiuuiuui!

Spaß am Leben?

Das war am Samstag ein schnuckeliges Lehrstück über gute Kunst, schönen Humor, Toleranz und das Leben. Apropos Leben: "Haben Sie Spaß am Leben?" Wer jetzt länger als zwei Sekunden über die Antwort sinniert, sollte sich Gedanken machen. Oder demnächst mal einen Ole-Lehmann-Abend besuchen.

O. Lehmann (r.) und R. Bielfeldt; Foto: Holger Schlegel

Wenn sie Tabus brechen, dann charmant: Ole Lehmann (rechts) und Rainer Bielfeldt.

Foto und Artikel: Holger Schlegel, Goslarsche Zeitung von Mo., 18.05.2009

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