"Martha Jellneck":

Eine alte Dame übt Selbstjustiz

Bühne Bad Harzburg präsentiert "Das Ensemble Jacob-Schwiers" mit "Martha Jellneck"

Sie geht langsam, zieht die Wanduhr auf, stellt den Teekessel auf den Herd, reißt das Tagesblatt vom Kalender, liest die Rückseite, bevor sie es sorgsam in die Tasche ihrer Schürze schiebt. Martha Jellneck ist eine alte Frau. Laut ist das Ticken ihrer Uhr. Still sind ihre Stunden. Es waren einfache, berührende Bilder, die am Donnerstag auf der Kurhausbühne lebendig wurden. Und in ihrer Schlichtheit und Stille waren sie großartig wie es auch das Spiel von Ellen Schwiers war. Die Schauspielerin hatte zusammen mit ihrem Bruder Holger das Stück "Martha Jellneck" von Beate Langmaack inszeniert und spielte die Titelrolle.

Die Geschichte beginnt klein und wird immer größer. Martha lebt einsam in ihrer Dachgeschosswohnung, die sie wegen ihrer Gelenkschmerzen und der vielen Treppen nicht mehr verlassen kann. Zivildienstleistender Thomas - ein freundlicher Junge, sehr gut gespielt von Markus Maria Winkler - bringt ihr jeden Tag das Essen und die neuen Kataloge von "Essen auf Rädern" mit. Hanne, die Nachbarin, kauft für sie ein und geht mit Afra, Marthas geliebtem Hündchen, Gassi. Josefine Merkatz spielte die Hanna trefflich als fröhlichen Trampel, hilfsbereit und unsensibel zugleich.

Hund auf der Bühne

Der kleine Hund auf der Bühne, Mai Tai, bejahrt, phlegmatisch, mit großen Kulleraugen, brachte die Leute zum Lachen. Als Afra hatte er die Rolle, im Sterben zu liegen und Marthas Herz zu brechen. In dieser Stimmung entdeckt Martha im Katalog des Essen-Bringdienstes das Bild eines Mannes, der unter dem Namen ihres im Krieg gefallenen Bruders lebt. Es ist ein ehemaliger SS-Hauptmann, der an der Front ein Kind erschossen hat. Ihr Bruder war Zeuge und hatte ihr in einem Brief davon berichtet. Und jetzt? Die alte Frau gerät in Verzweiflung über die Vergangenheit und das Heute: "Der ist das, der das Kind erschossen hat und jetzt nennt er sich wie mein Bruder. Was soll ich denn davon halten? OGott, ich kann nicht mehr denken, ich kann ja gar nicht mehr denken!" Ellen Schwiers spielte diese Szene so anrührend, dass manchem im Zuschauersaal die Tränen kamen. Die gesamte Aufführung lebte von solchen bewegenden Momenten und gleichzeitig auch von einem leisen und warmherzigen Humor.

Martha stellt sich der Situation, sie wird diesen Mann treffen. Ihr Mut ist unbeschreiblich. In ihrer Wohnung kommt es zur Konfrontation, aber der pensionierte Stadtrat und enttarnte Mörder, verhöhnt sie und geht. Den falschen Bruder im Stück spielte Ellen Schwiers' richtiger Bruder im Leben: Holger Schwiers verlieh dem Ex-Hauptmann unverfrorene Selbstsicherheit und Arroganz.

Großes Theater

Die Uhr tickt. Marthas Hündchen stirbt ohne die Injektion, die Thomas von einer Apothekerfreundin besorgt hat, um Martha in ihrem Kummer zu helfen. Das Mittel landet nun im Essen des Ex-Hauptmanns, der von Thomas jedes Mal nach Martha beliefert wird. Martha hat alles geplant, Thomas zum Kuchenholen geschickt, niemand sieht, wie sie die Spritze durch den Deckel der Aluschale sticht. In der letzten Szene hat sie ihre Koffer gepackt und wartet. Und als die Polizei an ihrer Wohnungstür klingelt, da lächelt sie. Es war großes Theater mit grandioser Hauptdarstellerin in einer ausgefeilten, bildstarken Inszenierung, die das Publikum begeisterte.

E. u, H. Schwiers; Foto: Anke Reimann

Martha Jellneck und der unverfroren arrogante Ex-Hauptmann, an dem sie Selbstjustiz übt: Ellen Schwiers und ihr Bruder Holger berühren die Theaterbesucher im Kursaal mit ihrem Spiel.

Foto und Artikel: Anke Reimann, Goslarsche Zeitung von Mo., 16.11.2009

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