Bettina Eistel:

Keine Arme? Kein Grund, das zu verstecken

Kulturklub hat während der Rennwoche die Contergan-geschädigte Weltklassereiterin Bettina Eistel zu Gast

Die Arme! Die arme, arme Frau. Keine Arme hat sie. Schlimm, schlimm. Da sitzt sie, die Bettina Eistel, vor dem Bündheimer Schloß. Klein auf einem Mäuerchen. Will noch schnell eine Zigarette rauchen, bevor sie vor dem Kulturklubpublikum ihre Lesung hält. Sie kramt in der Tasche, findet Kippen und Feuerzeug, steckt sich flink eine an. Alles mit den Füßen. Ach ja, und sie muss „das Handy ausschalten, nicht dass es gleich laut klingelt, ich kenne das, mir passiert so etwas immer.“ Sie lacht, knippst das Mobiltelefon aus, blinzelt in die Sonne. Die Zigarette zwischen den Zehen, nimmt sie noch einen tiefen Zug. Arme Frau? Arm ist an dieser Frau gar nichts.

Fortschrittliche Eltern

Bettina Eistel (48) ist eine der letzten Betroffenen des Contergan-Skandals. Sie ist ohne Arme geboren worden. Nicht ganz ohne Arme, aus den Schultern schauen ein paar Fingerchen, die sind aber zu nichts nutze. Und die braucht sie auch gar nicht. Damals, kurz nach der Geburt, sah man das anders: Verstümmelte Kinder wie sie, die seien doch eigentlich gar nicht überlebensfähig. Und wenn, dann müssten sie halt Prothesen tragen.

Aber Bettina Eistel hatte Glück. Glück, dass ihre Eltern für damalige Zeiten fortschrittlich zu ihr standen und Glück, im richtigen Moment die richtigen Menschen und die richtigen Entscheidungen zu treffen. Beispielsweise den Amtsarzt, der der Familie in den 60er Jahren mutig davon abriet, die damals fürchterlichen Armprothesen zu verwenden, sondern die Füße die Arbeit der Hände übernehmen zu lassen. Dazu gehört Training – aber es funktioniert, wie man heute sieht.

Oder der Gymnasialdirektor, der Bettina wie selbstverständlich in die normale Schule aufnahm, denn sie sei eine Bereicherung. Normalerweise wurden Behinderte damals auf Behindertenschulen geschickt. Und da war es egal, ob man keine Arme oder keinen Verstand hatte. Doch Bettinas Eltern wussten: „Ein Handwerk lernt die nicht, also muss möglichst viel in die kleine Birne rein …“

Und so wurde aus Bettina Eistel etwas. Eine kluge, selbstbewusste Frau, die Psychologie studierte, im Berufsleben steht, den Führerschein hat und auch sonst ohne Arme bestens durchs Leben kommt. Sie geht offen, sogar mit Humor mit ihrer Behinderung um. „Ich verbrauche keine Energie, um etwas zu verstecken.“

„Andersfunktionelle“

Allein das ist Stoff für einen interessanten Abend, zumal Bettina Eistel eine charmante und witzige Vortragende ist. Oder wie sie es ausdrückt „ich bin supergut im Labern“. Aber der Kulturklub hatte sie ja eingeladen, um der Rennwoche und den Pferdefreunden einen Gefallen zu tun. Denn Eistel ist eine Dressurreiterin von Weltrang. Bei den Paralympics, den olympischen Spielen für Behinderte, bei Europameisterschaften und sogar auf normalen Turnieren ist sie vorn mit dabei. Doch auch der Weg dahin war für die „Andersfunktionelle“, wie Eistel sich nennt, nicht leicht. Am Anfang sogar recht schwer. Aber auch hier traf sie auf Menschen, die sie unterstützen, beziehungsweise in ihr das sahen was sie ist: eine Frau mit Mut, Charakter, Selbstbewusstsein, Humor, Intelligenz und Kraft. Nur, dass sie halt keine Arme hat. Aber wen stört’s? Sie selbst jedenfalls nicht.

Bettina Eistel; Foto: Holger Schlegel

Ein ungewohntes Bild: Autogrammstunde mit den Füßen. Bettina Eistel signiert ihr Buch „Das ganze Leben umarmen“.

Foto und Artikel: Holger Schlegel, Goslarsche Zeitung von Di., 28.07.2009

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