"Wind in den Pappeln":

Zwischen Indochina und Picknick

Erfolgreiches Gastspiel des Renaissance-Theaters Berlin auf der Bühne Bad Harzburg

Sieh, das Ferne ist so nah: Eine Anstalt für Kriegsveteranen auf der Bühne Bad Harzburg, eine Terrasse mit Blick auf Pappeln am Horizont, die sich im Wind bewegen. Drei alte Männer halten hier Stellung, am Ende der Zeit, den Kopf voller wirrer Gedanken, Erinnerungen und verwegener Träume. Ein lebensgroßer Hund aus Bronze leistet ihnen bei Aberwitz und Tee Gesellschaft.

Der Franzose Gérald Sibleyras hat mit "Wind in den Pappeln" ein großartiges und poetisches Theaterstück voller Weisheit und Humor erschaffen. Die Inszenierung von Torsten Fischer entwickelt eine leise Kraft, die uns etwas über das Leben erzählt, das lebendig sein will bis zum Schluss.

Da war Jürgen Thormann als Gustave - "Zimmer, Terrasse, Suppe und ab ins Bett". Seine Angst vor dem "Draußen", vor den Menschen, überspielt er mit Würde, Griesgram und Gehässigkeit: "René - es ist sein größter Fehler, dass er immer so glücklich ist. Er hat ein sonniges Gemüt und wenn er tot ist, wird er eine sonnige Leiche abgeben." Harald Dietl spielte den René - "ich glaube ich bin der einzige, der noch klar denken kann". "Sie können hier nicht raus!", hält er Gustave entgegen. "Ohne Schwester Madeleine, ohne den Hund und die Pappeln sind sie völlig hilflos!" "Von wegen!", ruft Gustave, "Lasst uns aufbrechen nach Französisch Indochina! Hier verrotten wir doch nur!" Aber René will nichts weiter als ein Picknick.

Jörg Pleva war an diesem Abend der immer freundliche Fernand - "wenn dein Geburtstag auf einen freien Termin fällt, dann bleibst du am Leben" - der mit dem Granatsplitter im Kopf, der alle paar Minuten in Ohnmacht fällt. An seiner Seite wartet der unsichtbare Tod auf den rechten Augenblick. "Wir müssen hier weg, so schnell wie möglich", ruft Fernand, "wir gehen hinauf zu den Pappeln, dorthin, wo der Wind weht. Das ist die goldene Mitte zwischen Indochina und Picknick."

Nun planen sie, die Gehbehinderten und Gebrechlichen, eine Wanderung mit Flussüberquerung und Eroberung des fernen Hügels. René besorgt die Decken, Gustave die Landkarte. Dann kommt die Angst, denn da draußen sind Menschen.
Gustave: "Wir gehen nicht ohne den Hund!"
René: "Nein! Ein Hund, der 100 Kilogramm wiegt, ist nicht zu transportieren."
Gustave: "Sie wollen ihn nicht mitnehmen, nur weil er aus Bronze ist."
Fernand: Wenn wir ihn auf Räder stellen wie eine Kanone?
Gustave über René: "Er mag keine Hunde und er mag keine Pappeln. Dem Kerl kann man's nicht Recht machen."
So bleiben sie da und Tod findet den rechten Augenblick.

Mit einem sicheren Gespür für ihre Rollen schafften es die drei hoch angesehenen Schauspieler, ihren Figuren eine Tiefe zu geben die deren unsterbliche Seele ahnen ließ. Ihr Spiel voll schrägem, oft herrlich bösartigem Humor erzeugte immer wieder herzhafte Lachsalven im nahezu ausverkauften Zuschauerraum. Die Tragik vom Ende des Lebens wandelte leichtfüßig auf den Pfaden der Skurrilität.

Jörg Pleva; Foto: Anke Reimann

Nach einem großen Theaterabend schenkt Jörg Pleva einer Zuschauerin seinen Blumenstrauß.

Foto und Artikel: Anke Reimann, Goslarsche Zeitung von Mo., 01.12.2008

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