Ferdinand Schlingensiepen:

Warner, Mahner, Märtyrer - und Heiliger?

Dr. Ferdinand Schlingensiepen stellte den Bad Harzburgern seine neue Bonhoeffer-Biographie vor

Die evangelische Kirche ist mit Heiligen naturgemäß nicht reich gesegnet. Aber wäre Dietrich Bonhoeffer ein Kandidat? Wäre er ein "evangelischer Heiliger", wie Pröpstin Katharina Meyer fragte? Bonhoeffer selbst würde sagen "nein" - aber Menschen, die sich mit dem Theologen und NS-Widerständler beschäftigen, finden den Gedanken so abwegig nicht. Und zu diesen Menschen gehören nun auch viele Besucher des Vortrags von Dr. Ferdinand Schlingensiepen. Auf Einladung von Kulturklub und Luthergemeinde stellte er seine aktuelle Bonhoeffer-Biografie vor.

Über Dietrich Bonhoeffer (1906 bis 1945) ist schon viel geschrieben und gesagt und analysiert worden. Er dürfte einer der geachtetsten Deutschen weltweit sein.

Der Tod als Mahnung

Warum? Bonhoeffer gehörte zum Widerstand gegen das NS-Regime, aber warum ist seine Person heute mit wesentlich mehr Popularität behaftet, als andere Widerständler wie beispielsweise Helmuth von Moltke? Bonhoeffer war der erste, der aus Sicht der Kirche die Nazi-Terrorherrschaft geißelte, als die noch an ihren Anfängen stand. Und in seiner Konsequenz war er fortan auch einer der deutlichsten Mahner und Warner.

Natürlich gab es auch Armee-Offiziere, die 1933 schon planten, Hitler zu verhaften, aber der Bonhoeffer, den Schlingensiepen seinem Publikum vorstellte, war noch wesentlich geradliniger, konsequenter, radikaler, bekennender - bis hin zur Bereitschaft, zum Märtyrer zu werden, um seiner Kirche zu zeigen, was sie hätte tun müssen. Als nämlich der Krieg ausbrach, war Bonhoeffer bereit, den Dienst bei der Armee zu verweigern. Damals das sichere Todesurteil. Allerdings entschied er sich dann doch für die Arbeit im Widerstand. Hier kamen ihm seine Intelligenz, seine Weltgewandtheit und seine Kontakte in viele Länder zugute - die ihn letztlich auch weit über die Grenzen Europas hinaus zu einem noch heute hoch geachteten Menschen machten.

Es ist natürlich der Widerstandskämpfer Bonhoeffer, der in Erinnerung ist. Aber Schlingensiepen stellte auch den Menschen Dietrich Bonhoeffer vor. Den Sohn eines gebildeten Mediziners, der schon von Kindheit an offen ist für Gott und die Welt, dessen Urgroßvater mit Goethe befreundet war, der in jungen Jahren ein begnadeter Musiker war, dem Literatur auch im Angesicht des KZ-Todes am Herzen liegt.

Bonhoeffer, ein Mensch der so "hochgestochen" ist, dass ihn seine Mentoren für ein Jahr nach Amerika, nach Harlem schicken. Und dort, wie auch überall auf seinen Lebensstationen, gewinnt er die Menschen aller Schichten für sich. Seien es die Schwarzen in Amerika, die sich noch Jahre später gern an ihn erinnern, seien es aber auch aufmüpfige Konfirmanden in Deutschland, für die im Erwachsenenalter die 40 Jahre zurückliegende Konfirmation durch Bonhoeffer noch immer der Höhepunkt im Leben sein wird. Und seien es die Aufseher im Gefängnis die wie selbstverständlich Briefe schmuggeln und ihm sogar die Flucht ermöglichen würden.

Große Anziehung

Heute ist diese Anziehungskraft Bonhoeffers noch immer groß - beziehungsweise wieder, denn in den 60er Jahren, im Sumpf und Nebel der Nachkriegsjahre waren NS-Widerstandskämpfer irgendwie noch immer Vaterlandsverräter. Heute aber, heute spielt ein Dietrich Bonhoeffer eine "ungeheure Rolle", wie Schlingensiepen zeigte. Die Rolle eines Heiligen? Wenn man so will …

Foto: Holger Schlegel

Dr. Ferdinand Schlingensiepen spricht im Schloß auf Einladung von Kulturklub und Luthergemeinde über den Theologen und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer.

Foto und Artikel: Holger Schlegel, Goslarsche Zeitung von Mi., 09.01.2008

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