Jess Jochimsen:

Sprechende Pullover - komasaufende Rentnerinnen

Sascha Bendiks und Jess Jochimsen zelebrieren vor 200 Kulturklub-Gästen Weihnachtswahnwitz im Bündheimer Schloß

Die Yuppies von heute, die Eventheinzelmänner, die Lattemachiatobesteller: Eine Latte to go zum Mitnehmen - das sind drei Sprachen in einem Satz!" Jess Jochimsen war wieder da. Der gnadenlose Aufspürer und Ausposauner aberwitziger Details aus dem Alltag gab zusammen mit dem Musiker Sascha Bendiks auf Einladung des Kulturklubs eine Weihnachtsvorstellung im Bündheimer Schloß. Ihr "4 Kerzen für ein Halleluja", gespickt mit herrlichen Bosheiten und Momenten schräger Melancholie, hatte über 200 Zuschauer angelockt.

So weihnachtlich

Ein kleiner Weihnachtsmann mit Wackelpo war der dritte Kerl auf der Bühne. Und dann legten sie los: "Lasst uns froh und munter sein", ein Solo mit Blockflöte. "Das ist SO weihnachtlich!" Jochimsens Grinsen ließ Schlimmes vorausahnen. Dann kamen sie auch schon, die harmlos beginnenden Geschichten mit haarsträubenden Steigerungen, aktionsgeladenem Finale und leiser, bissiger Pointe.

Ein Nikolaus, der an der Tür gebeten wird, die Stiefel auszuziehen, ist eine traurige Gestalt. Aus so einem Tief hilft nur die Musik wieder heraus. "Let it groove!" Sascha Bendiks griff in die Klaviertasten und sang - "Hei hei hei, so eine Schneeballschlacht " - einen Froboess-Hit, aus den Tiefen der Kindheit hervorgelupft und geradezu zärtlich verjazzt.

Der nächste Schneeball kam wieder von Jochimsen: "Und nun ist der Moment, wo man sich eingestehen muss, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt, es tut mir leid, Bad Harzburg." Er lieferte dafür den mathematischen Beweis, der mit 822,6 Besuchen pro Sekunde und - wegen der hohen Geschwindigkeit - mit pulverisierten Rentieren endete. "Wenn also der Weihnachtsmann einmal tatsächlich Geschenke gebracht haben sollte, dann hat er das nicht überlebt." Auf diese Offenbarung folgte Leonard Cohens "Halleluja" und alles ward still und stumm im Bann von Bendiks' Herzensbrecherstimme, bis die schöntraurige Besinnlichkeit von komasaufenden Rentnerinnen und sprechenden Pullovern beiseite gefegt wurde.

"Dieser Lärm, dieses Gedudel!", schrie Jochimsen. "Santa Claus is coming to town", schmetterte Bendiks. Das Schlagzeug schepperte und die Stimme der Verzweiflung stöhnte: "Halt die Klappe, Pulli!"

Ja, inzwischen gehört der Wahnsinn zu Weihnachten wie die Klöße zum Gänsebraten. Tante Berta als Werwolf und das Krippenspiel als 68er-antiautoritäres Stück mit realitätsnaher Geburtsszene, einem Esel im Kleber-Rausch und der "Kauf mir was!"-Sprechpuppe als Jesuskind waren nur weitere Anzeichen. Da gab es Lachkrämpfe im Publikum, so sehr, dass die Künstler vorsichtshalber innehielten. "Lass die giggeln, wir spielen Puffjazz, bis sie alle schweigen."

Highway to hell

Es wurden auch wieder Dias gezeigt, eine Zigarette wurde geraucht und "Highway to Hell" als lyrische Ballade gesungen. Ein Wasserglas war von der Trommel gefallen und lieferte die passenden Scherben. Jess Jochimsen thronte über ihnen auf seinem Barhocker und sprach: "Eine Nacht, still, heilig und besonders. Wenn man so eine Nacht einfach passieren lässt, das wärs."

Und mit einem Sascha-Bendiks-Liebeslied voll leiser Sehnsucht fand die furiose Achterbahnfahrt weihnachtlicher Stimmungen ihren sanften Auslauf. Hui, das hat Spaß gemacht!

Sascha Bendiks u. Jess Jochimsen; Foto: Anke Reimann

Weihnachten einmal ganz anders: Musik und Gesang am Klavier von Sascha Bendiks, wilde Geschichten und Stehschlagzeug mit Jess Jochimsen.

Foto und Artikel: Anke Reimann, Goslarsche Zeitung von Di., 09.12.2008

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