Hilmar Thate:

Kinder schauen und scheuen keinen Abgrund

Der Schauspieler Hilmar Thate liest im Bündheimer Schloss aus seinem Buch "Neulich, als ich noch Kind war"

Die Stimme des Schauspielers Hilmar Thate erfüllt den Raum. Ja, solche Stimmen tragen, das sind sie schließlich gewohnt, und sie fesseln die Aufmerksamkeit, weil alles gleich viel bedeutsamer klingt. "Vielleicht ist es der Mephisto in mir, der mich zum Schreiben des Buches herausforderte", sagt Hilmar Thate. Er sieht gut aus mit seinen 75 Jahren, sein Publikum im Bündheimer Schloss könnte neidisch werden.

Lebensbilder gezeichnet

Das Buch "Neulich, als ich noch Kind war" zeichnet Lebensbilder, hält Begegnungen für die Nachwelt fest. "Neulich war gestern", sagt Thate, sein Beruf habe es geschafft, "dass ich mich neugierig und jung fühle bis heute". Er sei Kriegs- und Nachkriegskind, DDR-Kind und weggegangenes Kind.

Den ersten Teil der Lesung widmet er seinem Vater: "Glaubwürdigkeit, dafür stand mein Vater. Er besaß die zartesten Hände der Welt. Er war Maschinenschlosser, er baute Lokomotiven auseinander und wieder zusammen." Familie Thate lebte in Dölau: "Damals war es ein Dorf mit 4000 Einwohnern und mit einer gemütlichen, freundlichen Atmosphäre. Jeder kannte jeden. Das ist heute nicht mehr so. . ." – Pause – "Kälte strahlt es heute aus."

Vom Sterbebett des Vaters geht es mit einem Zeitsprung in die Vergangenheit, in die Kriegsjahre, als Bomberverbände auf dem Weg nach Berlin waren. Berlin? Das musste groß sein und wichtig, Berlin war fortan der Traum des Jugendlichen Hilmar Thate, doch bevor er dort ankommt, gibt es noch einen Zeitsprung zu Martin Luther und einige historisch ausgeschmückte Seitenhiebe auf die SPD – es ist im Lauf des Abends nicht immer leicht, alldem zu folgen, doch die kraftvolle Stimme hält die Zuhörer weiter in Bann und auch die Wärme und Freude, die der charismatische Schauspieler ausstrahlt.

Seine erste und einzige Begegnung mit Bertolt Brecht, Gründer des Berliner Ensembles (BE) in Berlin hat ihn geprägt. Er sah sich Brechts Inszenierung an, und "ich ging in die Knie und zweifelte alles an, was ich gelernt hatte. Ich las alles über episches Theater und bekam wieder Kinderaugen." Vor Ehrfurcht wagte er es nicht, ein zweites Mal vorzusprechen. Einige Jahre später wurde er dann doch noch Mitglied des Berliner Ensembles, das war zwei Jahre nach Brechts Tod. Das BE gehörte zu den Exportartikeln der DDR. "Es war ein Welttheater." Hilmar Thate begegnete in London Peter Brook, und er freundete sich mit George Tabori an. "Es gab zwei Theater, die für mich eine Heimat waren: Das Berliner Ensemble und das Maxim Gorki Theater ... ich habe so eine Situation nicht wieder erlebt."

So wie die Wärme aus Dölau verschwunden ist, kam sie wohl auch dem heutigen Theaterbetrieb abhanden. Thate aber trägt sie in sich, denn er hat sie erlebt, das macht seinen Zauber aus. 1980 verließ er die DDR. Er hatte vier Jahre zuvor gegen Wolf Biermanns Ausbürgerung protestiert, worauf der Staat überreagierte: mit Auftrittsverboten und Behinderungen diese Menschen aus dem Lande trieb, so auch Hilmar Thate und seine Ehefrau Angelica Domröse – die "Paula" aus Plenzdorfs unsterblichem Film "Die Legende von Paul und Paula", der daraufhin nicht mehr gezeigt werden durfte.

Ein Zeitzeuge

Hilmar Thate ist auch im Westen sehr erfolgreich, arbeitete mit Ingmar Bergmann, George Tabori, Dieter Wedel. "Mein Weg ist der Umweg", spricht er am Ende der Lesung. Er beschreibt, wie eine Herde kaukasischer Bergziegen auf der Flucht vor Jägern auf eine Erdspalte zurast, ihrem Leitbock folgend im Zickzack von Wand zu Wand bis zum Grund der tiefen Schlucht springt – und überlebt. "Dieser Bock wurde nie mehr gejagt", sagt der Schauspieler lächelnd und zitiert Einstein: "Meine Kinderaugen schauen und scheuen keinen Abgrund." Zeitzeuge sein möchte Hilmar Thate mit seinem Buch, und das ist er.

Hilmar Thate; Foto: Anke Reimann

In seinem Buch "Neulich, als ich noch Kind war" zeichnet Hilmar Thate Lebensbilder, hält Begegnungen für die Nachwelt fest. Signierte Exemplare des Buches waren begehrt.

Foto und Artikel: Anke Reimann, Goslarsche Zeitung von Di., 30.01.2007

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