Fritz Rau:

Vom Hitlerjungen zur Rocklegende

Legendärer Konzertveranstalter Fritz Rau und Boogie-Baron Alexander von Wangenheim zu Gast beim Bad Harzburger Kulturklub

Die Rolling Stones melden sich noch heute zu seinem Geburtstag. Der Kanarienvogel seiner Tochter verirrte sich in den Haarschopf von Jimi Hendrix. Und Marlene Dietrich rieb ihm nach einem Auftritt die Brust mit Erkältungsbalm ein. Konzertveranstalter Fritz Rau ist der "Gentleman des Rock'n'Roll".

Dieser Mann kennt die Stars wie kein anderer. Nach einem halben Jahrhundert hinter der Bühne zog er sich aus dem Show-Geschäft zurück. Am Freitag war er zu Gast im Bündheimer Schloß, um aus seiner Autobiographie "50 Jahre Backstage" zu lesen. So richtig wohl fühle er sich "auf der anderen Seite" noch nicht, deshalb habe er Verstärkung mitgebracht: "Boogie-Baron" Alexander von Wangenheim.

Nicht ohne Musik

So recht glauben mag man nicht, dass Rau sich als Soloakteur auf der Bühne nicht wohl fühlt. Vielmehr kommt die Vermutung auf, dass er eine zweistündige Lesung ohne Musik gar nicht durchhielte. Kaum klingen die ersten jazzigen Töne aus dem von Wangenheim virtuos gespielten Klavier, schließt Rau die Augen, und der Kopf wiegt sich sanft im Rhythmus der Töne.

Sein Vortrag startet in seiner Kindheit. Es sei die bombastische Musik der Nazis gewesen, die ihn als Hitlerjungen geprägt habe. Swing, Jazz und Blues habe er später für sich entdeckt. Heute kann er gar nicht oft genug betonen, dass die Wurzeln des Rock genau dort liegen: bei Ella Fitzgerald oder Dixie (sic!) Gillespie.

Rau ist einfallsreich und hartnäckig - wie schon das erste von ihm organisierte Konzert zeigt. Mit dem Darlehen eines Kinobesitzers engagierte er 1954 die Jazzmusiker Albert und Emil Mangelsdorf. Als Veranstaltungsort hatte er die Heidelberger Stadthalle mit 1400 Plätzen gebucht. Die Karten an den Vorverkaufsstellen lagen wie Blei in den Regalen. Gleich sein erstes Konzert drohte, ein Riesenflop zu werden. Rau begriff, dass er die Veranstaltung stärker bewerben musste. Er besuchte jedes Geschäft und wollte nicht mehr dort einkaufen, wenn die Ladenbesitzer sich nicht bereit erklärten, seine Plakate aufzuhängen. Im Kino wandte er sich inmitten der Vorstellung an die Besucher rechts und links, um seine Karten und die großartige Musik der Künstler anzupreisen. Als Ruhestörer des Saales verwiesen, wartete er das Filmende ab und verkaufte die Karten an Zuschauer, die das Lichtspielhaus verließen. Am Ende des Werbefeldzugs war die Halle ausverkauft.

Sein späterer Partner Horst Lippmann war es, der dem talentierten aber unbekannten Rau die Chance gab, in die erste Reihe der Konzertveranstalter aufzusteigen - "vorausgesetzt, dieser Irre kommt etwas zur Ruhe", wie sich Rau schmunzelnd erinnert. Es folgte eine Jahrzehnte dauernde sehr erfolgreiche Partnerschaft. Nur zur Ruhe gekommen ist "der Irre" nicht.

Drogen und Alkohol

Bei einem Folk-Blues Festival in Manchester 1962 hatten sich drei junge Herren an den Ordnungskräften und ihm selbst vorbei in den Backstage-Bereich geschlichen. Sie saßen inmitten der Künstler und konsumierten Drogen und Alkohol mit ihnen. Rau fürchtete um den Auftritt seiner Stars und schmiss die Halbstarken hinaus. Jahre später liefen sie sich wieder über den Weg. Auf die zweite Begegnung folgte nicht gleich der Rausschmiss, und die jungen Leute bekamen die Gelegenheit, sich bei ihm vorzustellen: Sie hießen Mick Jagger, Brian Jones und Keith Richards.

Rau könnte ewig weiter erzählen. Nach zwei Stunden brillanter Unterhaltung aber war Schluss. Das kleine Auditorium dankte ihm mit spontanen stehenden Ovationen, wie man sie im Bündheimer Schloß lang nicht erlebt hat.

Fritz Rau; Foto: Axel Hengehold

Rocklegende Fritz Rau fühlt sich offenkundig auch jenseits des gewohnten Backstage-Bereichs wohl.

Artikel und Foto: Axel Hengehold, Goslarsche Zeitung von Mo., 23.04.2007

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