Jess Jochimsen:

Vom Kavalier zum Delikt ist es nicht weit

Kulturklub präsentiert einen ungewöhnlichen Konzert-Lesungs-Kabarett-Abend mit Jess Jochimsen und Sascha Bendiks

Hallo Bad Harzburg, seid ihr gut drauf?" Das Klavier ist aufgelegt zu Schabernack. Jess Jochimsen grinst: "Wir wollen hier heute 'ne richtige Fete feiern…" Pause. "…mit ganz viel rumsitzen." Sascha Bendiks ergänzt, seine Finger kitzeln die Tasten: "Hey, wir singen scheißtriste Lieder und wenn die Stimmung dann knallt, zeigen wir Dias. Yeah! Das ist euer Abend!"

Samstagabend im Bündheimer Schloß. Sehr gut besucht. Schriftsteller Jochimsen und Musiker Bendiks machen Kabarett aus guten und schlechten Sätzen, die sie gesammelt haben, erzählen Renitenzgeschichten in Moll. Singen und rauchen. Ja, endlich mal eine rauchen. Nebel saufen. Renitent sein, all den an Karlheinzhaftigkeit nicht zu überbietenden Nichtraucherbahnsteigsblockwarten ein Wölkchen ins Gesicht pusten - clint-eastwood-like. Davon träumt Jochimsen. "Vom Kavalier zum Delikt ist es nicht weit", antwortet ihm Bendiks Klaviertöne versprühend.

Ein Mix mit Aberwitz

Die beiden entwickeln auf der Bühne einen genialen, einmaligen Mix aus Aberwitz und Melancholie, Musik und Sprache. Sind frech und freundlich. Die mag man gern mit ihrer großen Klappe. Gut, dass sie im Einbahnstraßen-Alcatraz Bad Harzburg letztendlich das Schloß doch noch gefunden haben. Nun zeigen sie Dias: traurige Bilder von Schildern, sie singen überdies den traurigsten Countrysong der Welt. Setzen ein Denkmal allen Querulanten und kündigen die große Rebellion an: "Wenn ich heute Abend ins Hotel komme, . . . den Fernseher . . . den schmeiß ich . . . also zumindest die Fernbedienung . . ." Pause ". . . aus dem Fenster . . . vielleicht …" Ja, man muss sich doch mal wehren!

Das Publikum lacht. Und bekommt noch einige Sätze aus Jochimsens Satzsammlung: "Früher begann der Tag mit einer Schusswunde." oder "Ich komme aus Deutschland, aber die Leute sagen, ich sehe jünger aus." oder "Das sind echt nur Pflanzen, Papa!" oder "Man soll sein Leben in Würde verbringen…also im Konjunktiv."

Sascha Bendiks Lieder passen zu Jess Jochimsens Geschichten wie der Pudding zum Streuselkuchen: So ist er am besten! Ihr Programm ist hochprofessionell und zudem reich an Stimmungen und Überraschungen. Das zeichnet es aus. Eine nie gehörte Softvariante von "Highway to Hell" lässt die Leute fast aus ihren Stühlen kippen: "AC/DC! Yeah!"

Rilke lesen, Nebel saufen

Das macht Laune: Klavier, Gitarren, Trommel mit zwei kleinen und einem winzig kleinen Becken, zwei Stimmen, vier Hände, vier blaue Scheinwerfer, zwei brennende Zigaretten und eine Riesenportion Spielfreude sind wohl recht gute Zutaten für einen solchen Abend an einem solchen Ort.

Programmtitel ist "Das wird jetzt ein bisschen wehtun". Die Leute im Schloß wollen mehr davon und bekommen eine Zugabe, die mit dem (authentischen) Werbespruch eines Vorortschießgewehrklubs endet: "Schießen lernen - Freunde treffen". Hallelujah, würde Leonard Cohen dazu sagen. Dann doch lieber ans Meer trampen, einfach so. Rilke lesen. Und Nebel saufen.

S. Bendiks (li.) und J. Jochimsen; Foto: Anke Reimann

Mal eine rauchen - auch das ist heute doch schon ein Stückchen Rebellion und "gegen den Strom schwimmen": Sascha Bendiks (links) und Jess Jochimsen geben mit der Fluppe in den Fingern die Provokateure zum Liebhaben.

Artikel und Foto: Anke Reimann, Goslarsche Zeitung von Mi., 02.05.2007

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