Silent Radio:

Das Phänomen "Silent Radio"

Braunschweiger Duo begeistert im ausverkauften Schloss seine Fans

So ist das in der Welt: Eben freut man sich noch und tanzt, plötzlich ist alles aus irgendeinem Grund ganz traurig. Aber mit einer halbwegs gesunden Einstellung zum Leben weiß man: Bald gibt's wieder was zum Freuen und Tanzen. So geht es einem auch mit Musik, jedenfalls mit guter Musik. Mit der von "Silent Radio" zum Beispiel. Als die Band am Samstag im Bündheimer Schloss spielte, konnte man sich freuen, man konnte tanzen und man konnte auch mal traurig sein. Aber selbst das war schön.

Im Grunde genommen ließe sich das Konzert der Braunschweiger Formation mit "wunderbar" zusammenfassen. Man müsste der Vollständigkeit halber vielleicht noch hinzufügen, dass Louie Bottmer toll singt und seine Gitarre im Griff hat, dass Rainer Tacke virtuos auf der E-Violine spielt und dass Jens Müller am Bass und Maurizio Saccomanno am Schlagzeug das Duo perfekt ergänzen.

Doch es ist mehr Tiefe angebracht, um das Phänomen "Silent Radio" zu beleuchten. Zum dritten Mal spielte die Band bei Kerzenschein in Bad Harzburg, und der Kulturklub konnte das "Ausverkauft"-Schild ans Schloss hängen. Denn ein "Silent Radio"-Konzert ist ein Asyl für all die vielen, vielen Menschen, die sich an nachgespielter Musik die Ohren wund gehört haben. Menschen, die zwar nichts dagegen haben, wenn man bekannte Titel verändert, denen aber die Fußnägel hochklappen, wenn das sinnlos oder gar gewaltsam geschieht. "Covern" wird das genannt, mitunter sollte es unter Strafe gestellt werden.

Deshalb ist "Coverband" für "Silent Radio" eigentlich ein Schimpfwort. Natürlich spielen Tacke und Bottmer Songs nach. Und zwar welche, die eigentlich unantastbar sind, stehen sie doch in der Regel auf der heiligen Liste der ewigen "Top 100": "Here comes the rain again", "Don't stand so close to me", "Wonderwall", "Sweet Dreams", "Eyes without a face". Dazu kommt das eine oder andere aktuellere Stück, über das der allgemeine Geschmack noch nicht abschließend entschieden hat ("Genie in a bottle"). Aus all dem machen "Silent Radio" ihre Musik. Mal werden ein paar Takte zugelegt (zum Tanzen und Freuen), mal wird auf die Bremse getreten (das sind dann die Sachen, bei denen einem so schön traurig ums Herz wird). Aber mit schneller und langsamer ist's ja nun nicht getan. "Silent Radio" geben mutig jedem guten Song eine neue Interpretation und zwar so, dass ein anderer guter Song entsteht. Wie das gelingt? Zum Beispiel mit der für Rockmusik ungewöhnlichen Instrumentierung: Rainer Tacke setzt seine elektronisch verstärkte und verzerrte Violine konsequent als Führungsinstrument ein. Dazu singt Louie Bottmer mit einer Stimme, die nach verstopfter Nase und Kaugummi zwischen den Zähnen klingt - was sie so einzigartig macht, dass man ihr ruhig das abgegriffene Attribut "charismatisch" anheften darf.

Dazu ein vom Kerzenlicht durchflackerter Schloss-Saal, gefüllt mit Besuchern, die genau wissen, was sie erwarten dürfen und sich über jeden Ton freuen wie kleine Kinder: Das macht das Phänomen "Silent Radio" aus - und wäre mit "wunderbar" letztlich doch untertrieben zusammengefasst.

Silent Radio; Foto: Holger Schlegel

Machen aus guten alten Songs gute neue Songs: "Silent Radio" alias Rainer Tacke (links) und Louie Bottmer.

Foto und Artikel: Holger Schlegel, Goslarsche Zeitung von Mo., 13.02.2006

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