Thomas Reis:

Ein Bobbycar für Post-Erektive, was könnte das sein?

Der Kölner Kabarettist Thomas Reis nimmt im Bündheimer Schloss die über 40jährigen rasant auf die Schippe

"Guido Westerwelle erinnert mich an das Glühwürmchen, das als Berufswunsch Flutlicht angab." Schallendes Gelächter. Kabarettist Thomas Reis, wilde Mähne, brillante Mimik, Zungen- und Stimmakrobat im 44. Lebensjahr, hat in Nullkommanichts Betriebstemperatur erreicht. Mit seinem Programm "Gibt´s ein leben über 40?" hat er 260 Zuschauer ins Bündheimer Schloss gelockt, die er nach langem Blick in die Runde genüsslich begrüßt: "Liebe Zielgruppe - liebe Mitsenioren und Jungsenilen." Da kann kaum einer widersprechen.

Reis braucht nichts als ein kleines Mikrofon und sich selbst, um einen Saal voller Menschen über zwei Stunden lang zu unterhalten. Das Revier der über 40-Jährigen ist groß, die Welt der Politik gehört dazu: neben Guido zum Beispiel auch Edmund, das "verbale Kampfhuhn, ein Bajuware im semantischen Selbstversuch", und bibelkundig stellt Reis fest: "Wenn der liebe Gott es für nötig hält, durch einen Bush zu uns zu sprechen, dann sollte er ihn vorher anzünden."

Doch auch sein eigenes Ich verschont der Künstler nicht: "Ich bin seelisch verkrüppelt, ich besitze inzwischen Besucherpantoffeln!" Entsetztes Gesicht. "Ich könnte mir einen Porsche kaufen, aber ich kann ihn nicht fahren, so schnell kann ich nicht mehr denken!" Denkste. Manche können dem Pointenfeuerwerk kaum folgen, in der Pause fragt eine Zuschauerin, ob man den Herrn nicht bitten könnte, etwas langsamer und deutlicher zu sprechen, man sei halt auch schon über 40, "und da muss er ja auch mal dran denken".

Also werden die Lautsprecher etwas mehr aufgedreht. Weiter geht´s, die Bühne füllt sich mit einer Schar illustrer Gäste zum 40. Geburtstag - alle gespielt von Reis in rasantem Stimm- und Gesichtswandel. Alt werden ist hart. Das "Ich war, also bin ich und das bleib ich jetzt auch". Was ist denn da bitteschön noch eine Harley Davidson? "Ein Bobbycar für Post-Erektive!". Man findet sich in Männerheulgruppen wieder und in Doppelhaushälften - was ist denn das jetzt wieder? Die Hälfte von etwas Doppeltem, also nichts Halbes und nichts Ganzes und überhaupt: "Wozu denken, wo ich doch schon bin?"

Auch sprechende Tretroller und Perlhühnerbleiben nicht verschont: "Ich glaube nicht an Perlhühner. Ich habe schon so viele aufgeschlagen und noch nie eine gefunden." Aber der Kulturklub hat eine gefunden für diesen Abend. Thomas Reis sorgt für Nonsens und Wortwitz am laufenden Band - ganz und gar nicht altersmilde-toleranzig-müffelnd. Ist vielleicht doch nicht so schlimm, über 40 zu sein.

T. Reis; Foto: Anke Reimann

Rasant und brillant: Kabarettist Thomas Reis am Freitagabend im Bündheimer Schloß.

Foto und Artikel: Anke Reimann, Goslarsche Zeitung von Mo., 02.10.2006

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