Neujahrskonzert:

Es muss nicht immer "An der schönen blauen Donau" sein

Von "Ben Hur" bis "Krieg der Sterne": Staatsorchester Braunschweig unter Jonas Alber überzeugt mit Filmmusik-Neujahrskonzert

Eingefleischten Klassikfreunden könnten zunächst die Ohren gebrannt haben angesichts dieses Neujahrskonzertes. Aber halt: Haben wir uns nicht alle etwas fürs neue Jahr vorgenommen? Toleranz zum Beispiel? Offenheit? Neugier? Das Staatsorchester Braunschweig spielte am Donnerstag im stilistischen Grenzbereich: Mozart und Strauß blieben Zuhaus', dafür hatte Generalmusikdirektor Jonas Alber seinem Ensemble Alfred Newman, Max Steiner, Nino Rota und Lalo Schifrin auf die Notenpulte gelegt. Bitte, wen?

Newman, Steiner, Rota, Schifrin, dazu noch John Williams, Henry Mancini, Maurice Jarre - das sind die großen Komponisten eines Genres, das sich "klassische Filmmusik" nennt. Und genau diese spielte das Staatsorchester und siehe da: Es muss nicht immer "An der schönen blauen Donau" sein.

Traditionell ausverkauft

Das Kurhaus war ausverkauft, schon eine Tradition beim Neujahrskonzert des Kulturklubs. Gleich zum Auftakt wurde gezeigt, woher der Wind weht: Die "Twentieth Century Fox"-Fanfare ertönte und spätesten jetzt stellte sich der Aha-Effekt ein: Tausendmal gehört, jeder zweite Filmschinken fängt so an. Genau so ging es weiter, Schlag auf Schlag: "Tara's Theme", der "Inbegriff der Filmmusik" (Alber) aus "Vom Winde verweht" stand an, komponiert von Max Steiner, einem entfernten Verwandten von Richard Strauß (es geht also doch nicht ohne). Wenn man sich den ungewohnten und doch so bekannten Klängen öffnete, wenn man Herz und Kopf frei wusch von der Sehnsucht nach "echter Klassik", dann konnte man sich wunderbar in seinen Kinosessel (pardon, Konzertstuhl) fallen lassen. Um einen herum wurde es dunkel, man sah nur noch eine Leinwand mit Humphrey Bogart, Marlon Brando, Charles Bronson, Audrey Hepburn und Jonas Alber.

Ein Abend der großen Gefühle, die halt in Hollywood nur mit Musik funktionieren. Innerhalb des Genres wurde mutig hin und hergesprungen: "Moon River" aus "Frühstück bei Tiffany's", das Titelthema aus "E.T.", "As time goes by" aus "Casablanca" "Over the rainbow" aus dem "Zauberer von Oz", die Erkennungsmelodie von "Mission: Impossible". Selbst ein Spagetti-Western ("Spiel mir das Lied vom Tod") klingt gut: Das Staatsorchester spielte eine "Suite" aus verschiedenen Filmmusik-Teilen, vom schrägen "Harmonica Man" bis zum recht witzigen "Reiterlied".

Stück für Stück tauchten Bilder vor den Augen der Zuhörer auf, bei der "Parade of the Charioteers", dem Einzugsmarsch aus "Ben Hur", sah man die Streitwagen in den Circus Maximus rollen, sah Charlton Heston mit wehender Toga stolz den Cäsar grüßen. Großes Kino braucht halt große Musik.

Illusion der Symphonie

Sicherlich dürften bei derartigen Stücken ein Jonas Alber und ein Staatsorchester nicht vor all zu hohen Hürden stehen. Um so leichter, fröhlicher und leidenschaftlicher kam die Musik daher. Nach und nach stelte sich die Illusion regelrechter Symphonien ein. Beim "Krieg der Sterne" ( . . . doch, wir sind immer noch beim Neujahrskonzert) beispielsweise: Ein kraftvolles "Main Theme", ein "Princess Leia"-Adagio und ein wuchtiges Finale - siehe da, klassische Filmmusik kann Anspruch haben, auch wenn der Streifen, der dahinter steht, nicht jedermanns Geschmack sein muss.

Ein ganz neues Neujahrskonzert also. Eines, das angenehmer Weise auf Walzerseligkeit verzichtete, die man auch wirklich nicht jedes Jahr haben möchte. Ein Experiment, wenn man so will, das aber als gelungen in die 14-jährigen Geschichte der Harzburger Neujahrskonzerte eingeht.

Foto: Holger Schlegel

Das Braunschweiger Staatsorchester unter Leitung von Jonas Albert sorgte auch in diesem Jahr dafür, dass das Neujahrskonzert des Kulturklubs im ausverkauften Kurhaus stattfand.

Foto und Artikel: Holger Schlegel, Goslarsche Zeitung von Sa., 07.01.2006

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