"Von Mäusen und Menschen":

Kalifornischer Blues von Liebe und Tod auf der Bühne

Ausverkaufte Kulturklub-Veranstaltung im Kurhaus Bad Harzburg: Steinbeck-Stück "Von Mäusen und Menschen" ein großer Erfolg

Hineingerissen werden in die Welt auf der Schaubühne, mitbangen, mitfühlen und zu Tränen gerührt werden - wer erwartet so etwas heutzutage noch von einem Theaterabend? Dass das, was sich da auf einem Holzpodest entfaltet, einem wirklich unter die Haut fährt, nicht mehr nur Spiel ist, sondern Gefühle erzeugt?

Dieses seltene Erlebnis verschaffte am Freitag Abend das Ensemble der "neuen schaubühne münchen" dem Bad Harzburger Publikum mit seinem Gastspiel "Von Mäusen und Menschen" im Kurhaus. Kein Zuschauer sprang am Ende eilig davon, den anderen zuvorzukommen. Die Mäntel in den Garderoben waren vergessen, der ganze Saal würdigte diesen Abend und seine Akteure von Herzen, auch das passiert nicht oft.

Der Amerikaner John Steinbeck schrieb ein bewegendes Theaterstück über die beiden umherziehenden Landarbeiter Georg und Lenny im Kalifornien des Jahres 1930. Die beiden sind einander mangels Alternative zur Familie geworden. Georg kümmert sich um den debilen Lenny, einen bärenstarken Mann mit denm Verstand eines Vierjährigen, der ohne Georg nicht überleben würde.

"Was hast du in der Tasche, Lenny?" "Ist nur ne Maus Georg. Ich hab sie nicht tot gemacht, Georg. Ich hab sie nur gekrault. ... dann war sie tot. Bist du mir jetzt böse, Georg?"

Schon mit den ersten Sätzen wird die Geschichte erzählt, die wieder und wieder passieren wird. Hannes Jaenicke spielt den Lenny mit kindlicher Unbeholfenheit. Selbst die rauen Kerle auf der neuen Farm scheinen ihn zu mögen. "Mein Gott, der ist wie´n kleines Kind, was?", sagt Vorarbeiter Slim (Matthias Kupfer). "Nur dass er soviel Kraft hat", antwortet Georg.

Roman Knizka spielt die Rolle des Georg mit viel Energie, ständig auf dem Sprung, den Lenny vor Schaden zu bewahren, Problememe vorauszusehen, für Notfälle vorzusorgen, ein Junge, der an seiner Verantwortung für den anderen wächst und manchmal an ihr verzweifelt. Auf der neuen Farm gibt es neue Arbeit, sowie den jähzornigen Junior-Chef Curley (Matthias Grundig), dessen laszive junge Frau (Leila-Korel Vallio) und die anderen Landarbeiter - Candy (Horst Stenzel), Slim, Carlson und der schwarze Crooks - mit ihren Kümmernissen und Sehnsüchten.

Ein Dobro, von Carlson-Darstelle Rolf Krieg im Hintergrund gespielt - die Metallgitarre der Blues- und Countrylegenden - leiht ihnen ihre wehmütige Stimme. Und Crooks (Frank Ojidia) singt dazu zart und rau und schön, während sich das genial konzipierte Bühnenbild von Claudia Karpfinger wie in einem Pop-Up-Buch zu den Gebäuden der Farm entfaltet. So auch zur Wohnbaracke der Landarbeiter, hinter der Candys alter Hund aus Carlsons Pistole den Gnadenschuss ins Genick bekommt und Carlsson beteuert: "Das merkt der gar nicht."

Alles passt zusammen in dieser Inszenierung von Gil Mehmert, die Musik, das Ensemblespiel, das Bühnenbild, die Kostüme (Kissi Bauman) ...

Der zweite Teil der Vorführung war ganz und gar geprägt von der Stimmung des Blues. Lenny hat einen Hundewelpen geschenkt bekommen. Er krault ihn, weil er so gern etwas Weiches, Hübsches streichelt. Doch eine falsche Bewegung, und der Welpe ist tot. Wie die Maus. Lenny dreht durch, und als Curleys junge Frau ihn aus Übermut oder Verzweiflung ihr Haar anfassen lässt, zum Trost wegen des Welpen, kommt es zur Katastrophe, ... wie bei der Maus ... Lenny aber begreift gar nicht, dass er gemordet hat. Die Männer sind mit ihren Gewehren hinter ihm her. Es gibt keinen Ort mehr für ihn auf dieser Welt. Der verzweifelte Georg schenkt ihm einen anderen Ort, erzählt Lenny von der Farm seiner Träume mit den vielen hübschen, weichen Kaninchen, die ihm allein gehören, und als er sieht, dass Lenny dort angekommen ist, schießt er ihm mit Carlsons Pistole ins Genick ...

Foto: Anke Reimann

Bekannte Fernsehstars wie Hannes Jaenicke und Roman Knizka (Mitte) boten zusammen mit dem Ensemble auf der Bad Harzburger Kurhaus-Bühne ergreifende, richtig gute Schaupielkunst.

Foto und Artikel: Anke Reimann, Goslarsche Zeitung von Mo., 06.02.2006

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