Stefan Jürgens:

Jim Knopf, Hannibal und das Grundrecht auf Wohlstand

Comedy-Altmeister Stefan Jürgens erklärt auf Einladung des Kulturklubs, warum wir alle Angst haben und es keine Helden mehr gibt

Den Schauspieler Stefan Jürgens kennen die Allermeisten, den Comedian Stefan Jürgens seit "Samstag Nacht" sowieso. Aber den Zyniker Stefan Jürgens? Na ja, wohl eher weniger. Vom Sänger und Songschreiber mal ganz zu schweigen. So viel vorweg: Er beherrscht alles und brachte eine gelungene Melange mit ins rappelvolle Bündheimer Schloss.

Die Botschaft des Abends ist schnell erklärt: "Es gibt keine Helden mehr." Kein Jim Knopf, der mit zwölf schon Eisenbahn fahren konnte, kein Superman, der sich noch stilecht in Telefonzellen umzog. Aber die Helden von früher hätten es heute auch nicht gerade leicht. Beispiel gefällig? Nehmen wir Alexander den Großen, an ihm hat Jürgens einen Narren gefressen. Wenn der heute die Welt erobern würde, stünde er nicht in Asien sondern vor dem Kriegsverbrechertribunal. Hannibals legendäre Alpenüberquerung wäre wohl nur noch eine monotone Verkehrsmeldung wert. Und Kolumbus? Ja bei Kolumbus, findet Stefan Jürgens, kann man in der Tat froh sein, dass der vor 500 Jahren losgesegelt ist. Heute wäre es höchstwahrscheinlich tatsächlich Indien geworden. Die Folge: "Frank Sinatra singt ‚Neu Delhi, Neu Delhi'. Und El-Kaida kann höchstens gegen zwei Reishütten bomben".

Aber wo ist er hin, der heroische Geist? "Aufgefressen", sagt Jürgens, erstickt von Jammerei, Zurückhaltung und Angst. Wir haben Angst. Vor der Zukunft, vor Kindern, davor, dass uns "der Wohlstand als einklagbares Menschenrecht abhanden kommt". Aber wo soll das Heldentum auch herkommen, wenn "die Bundeskanzlerin aussieht, als ob sie sich abends was als Eisenbiegerin dazuverdient?" Risiko ist für Stefan Jürgens das "Unwort des Jahrzehnts". Wer heute das Risiko sucht, "onaniert ohne Gummi" oder setzt sein Kind "ohne Helm aufs Schaukelpferd." Angst haben die Deutschen auch vorm Terrorismus - aber nur, weil dann für den Ägyptenurlaub wieder der volle Preis zu zahlen wäre. Doch was machen die Deutschen eigentlich, wenn das Essen knapp wird oder es kein sauberes Wasser mehr gibt? "Wahrscheinlich setzen wir uns schmollend vor unseren Flatscreen-Bildschirm".

Stefan Jürgens wird fies wenn er anprangert, hochgradig zynisch. Er versteht es, seine Botschaften loszuwerden, aber immer so, dass sich im Endeffekt doch keiner allzu schlecht dabei fühlen muss. Weder der schallend lachende Schloss-Besucher Heinrich aus der ersten Reihe, noch Lutz, der als "Schallplatten-Nass-Abspieler" stellvertretend für den Ursprung allen Übels steht. Jürgens mixt sein Programm: ist ernst, ohne auf platte Gags zu verzichten, regt zum Nachdenken an, ohne allzu philosophisch zu werden. Und wer ihn wirklich noch nicht singen gehört hat, muss konstatieren: Das kann der Typ echt gut.

Stefan Jürgens; Foto: Eike Zenner

Stefan Jürgens: Ein Schauspieler, Comedian, Zyniker und obendrein noch ziemlich guter Sänger.

Foto und Artikel: Eike Zenner, Goslarsche Zeitung von Mo., 20.03.2006

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