Jess Jochimsen:

Meisterhafte Semantik, hoffnungslose Nostalgie

Jess Jochimsen hat das Publikum im Bündheimer Schloss mit seinem "Dosenmilchtrauma" voll im Griff

Wohl noch nie ist im altehrwürdigen Bündheimer Schloss die Sinnfrage innerhalb von zwei Stunden so oft gestellt worden. Und mit Sicherheit noch nie ist sie mit so viel Nonsens beantwortet worden: Kabarettist Jess Jochimsen gastierte am Samstagabend mit seinem Programm "Das Dosenmilchtrauma" im gut gefüllten Saal.

Der gebürtige Münchener, eine Mischung aus Appelt und Mittermeier? Ja, irgendwie, aber nicht so versaut wie der erste und nicht so durchgeknallt wie der zweite. Nach einer Minute hat er das Publikum im Griff: "Setzen Sie sich doch um, wenn Sie dann besser sehen können." Auch im weiteren Verlauf viel Interaktion, mit der Jochimsen ebenso die GZ in den Schwitzkasten nimmt, nachdem er souverän geklärt hat, dass es sich bei ihr nicht um den "Bündheimer Anzeiger" handelt.

Reise in die Kindheit

Das Programm vom Samstag, basierend auf dem 2000 erschienenen gleichnamigen Buch, ist eine Reise in die eigene Kindheit und Jugend, Jochimsen outet sich dabei als hoffnungsloser Nostalgiker. Als Gerüst dient ein Klassentreffen zehn Jahre nach dem Abitur, zu dem nicht nur die Kids von einst und Jugendliebe Katja Berger, sondern auch eine Menge Erinnerungen kommen.

Etwa die, dass der Diercke Weltatlas das meistgeklaute Buch vor der Hotelbibel ist - "die braune Ausgabe, in den Grenzen von 1937". Oder dass der kleine Jess für den Aufsatz "Mein schönstes Ferienerlebnis" Opas Beerdigung auswählte und dafür eine "Sechs" kassierte. Serienweise nimmt Jochimsen dabei Familienrituale auseinander, das erinnert zuweilen an Altmeister Hüsch.

Beeindruckend die spielerische Leichtigkeit, mit der Jochimsen den Stil wechselt. Einfach nur Quatsch, wenn er die ersten Akkorde von "Smoke on the water" auf der Gitarre anspielt und sagt: "Hab' ich gestern komponiert, ich find's ganz gut." Oder wenn er - sicherlich (?) ungewollt - das kurstädtische Wellness Wanderland attackiert: "Nordic walking ist Gehen am Stock, und das sieht Scheiße aus." Voller Nachdenklichkeit, wenn er die Perversion der Werte beschreibt: "Für 'nen Job würden wir heute jederzeit die Stadt verlassen, für die Liebe nicht." Und grenzwertig schwarz bei der Vermutung: "Wenn Hitler Kindergeburtstag gefeiert hätte, wäre wohl bis zur Vergasung die ,Reise nach Jerusalem' gespielt worden."

"Echt nur Pflanzen"

Überhaupt ist Jochimsen ein Meister der Semantik, der mit den Worten spielt wie mit den Gefühlen des Publikums. Aus der Rubrik "Sätze, die nicht funktionieren": "Das sind echt nur Pflanzen, Papa ..." Oder die politische Abteilung: "Wählen konnte man in Bayern nicht. Immer nur die CSU, weiter ging die Kette am Kugelschreiber sowieso nicht."

Dann, nach knapp zwei Stunden, ein musikalisches "Früher waren Cola-Dosen kreativer" sowie endlich die Bärenmarke, Inbegriff kindlicher Traumata. Und irgendwie beschleicht einen später beim Rausgehen das Gefühl: Hätte man Jochimsen in die Politik gelassen, wäre Trittins Debatte um das Dosenpfand anders geführt worden.

Jess Jochimsen; Foto: Heinz-Georg Breuer

Auch Meister des Makabren: Zu fröhlichen Akkordeon-Klängen serviert Jess Jochimsen eine Selbstmord- Geschichte.

Foto und Artikel: Heinz-Georg Breuer, Goslarsche Zeitung von Mo., 06.03.2006

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