Monsieur Ibrahim und die Blumen des Korans:

Stille Geschichte spannend erzählt

Viel Beifall für "Monsieur Ibrahim und die Blumen des Korans" - Ilja Richter zieht Zuschauer in seinen Bann

Moses lebt mit seinem lieblosen Vater in der Pariser Rue Bleue, wo auch Monsieur Ibrahim seinen kleinen Kolonialwarenladen betreibt. Seiner wegen der kostbaren Bücher des Vaters stets abgedunkelten Wohnung entflieht Moses gerne und oft, denn bei dem gütigen Monsieur Ibrahim fühlt er sich wohl.

Ilja Richter verkörpert beide Figuren auf der Bühne des Kurhauses, wo er am Donnerstagabend zusammen mit Antje Mönning und Thomas Henninger von Wallersbrunn auf Einladung der Bühne Bad Harzburg Eric-Emmanuel Schmitts "Monsieur Ibrahim und die Blumen des Korans" interpretiert. Das Fehlen einer Pause, zuvor von einigen Zuschauern mit Skepsis bemerkt, tut der Aufführung gut. Zu dicht ist das Gewebe aus Bildern, die Richter mit seinem Spiel vor dem inneren Auge des Zuschauers heraufbeschwört. Zu prall die Fülle von Weisheiten, die Monsieur Ibrahim für Moses und damit für das Publikum bereithält. Eine Pause würde den Zauber der eher stillen Geschichte zerstören.

Monsieur Ibrahim, von allen "der Araber" genannt, sitzt tagein, tagaus in seinem kleinen Laden, der "auch nachts und am Sonntag geöffnet" ist, und gibt Moses Tipps, wie dieser vom Haushaltsgeld etwas für sich selbst abzweigen kann. Der Junge, der für sich und den Vater kocht, braucht es "für die Nutten", bei denen er erste Erfahrungen mit der körperlichen Liebe sammelt.

Moslem adoptiert Juden

Der Moslem und Sufi Ibrahim wird für den jüdischen Moses schließlich zum Ersatzvater, als der leibliche Vater den Sohn verlässt, um sich in Marseille vor einen Zug zu werfen. Selbst den großen Zorn des Kindes über den Vater vermag Ibrahim zu besänftigen, indem er ihm das Leben des Vaters erklärt: Dieser habe sich Vorwürfe gemacht, den Holocaust überlebt zu haben, während seine Eltern mit einem Zug deportiert worden waren.

Erst während einer Reise an Monsieur Ibrahims "Geburtsmeer" begreift Moses aber, dass es im Leben um mehr geht als das Befolgen von religiösen Gesetzen. Ihm wird klar, dass alle großen Religionen dieser Welt "sich eine Reihe bedeutender Männer geteilt haben, bevor die anfingen, sich die Köpfe einzuschlagen". Und ihm wird bewusst, dass jeder Mensch glücklich sein möchte, ganz egal, ob Jude Christ, oder Moslem. Monsieur Ibrahim, der mit seiner Herzenswärme und Menschenkenntnis dem Jungen die Augen für ein Leben in Liebe geöffnet hat, kann ihm eine wesentliche Erfahrung jedoch nicht ersparen: die des Verlustes und der Trauer. Ibrahim stirbt in seiner Heimat nach einem Autounfall.

Ermutigendes Ende

Dennoch geht der Zuschauer ermutigt nach Hause, denn Monsieur Ibrahim hat in weiser Voraussicht vor der Reise alles geregelt. So kehrt Moses als sein Erbe nach Paris zurück und ist nun seinerseits in dem kleinen Laden in der Rue Bleue "der Araber": "Auch nachts und am Sonntag geöffnet." Im Koran des Monsieur Ibrahim findet Moses zwei gepresste Blumen und den Brief eines Freundes von Ibrahim. Ein Symbol dafür, dass der Sufi den Koran als Buch über das Leben sah und nicht als Gesetzesbuch, dem unbedingt Folge zu leisten ist.

Ilja Richter, der nach langer Tätigkeit beim Fernsehen mit 30 Jahren auf die Theaterbühne zurückkehrte, beeindruckt sein Publikum in Bad Harzburg mit feinsinniger, oft zum Schmunzeln anregender Mimik und Gestik. Seine Sprechweise zieht den Zuschauer in jedem Augenblick in Bann.

Antje Mönning verleiht den Frauenrollen in dem Stück überzeugenden Ausdruck. Am eindringlichsten ist ihre Darstellung der schüchternen Mutter Moses´, der es nicht gelingt, ihren Sohn nach dem Freitod des Vaters zurückzugewinnen. Thomas Henninger von Wallersbrunns Spiel macht sehr gut die Bedrücktheit des Vaters deutlich, dem vor lauter Verzweiflung am Leben nur die Flucht hinter seine Bücher und letztlich in den Tod bleibt. Von den übrigen männlichen Rollen bleibt vor allem der satirisch überzeichnete Autohändler im Gedächtnis.

Am Ende gibt es reichlichen und herzlichen Beifall für die Darsteller von der Landesbühne Rheinland-Pfalz.

I. Richter (M.), A. Mönning u. Th. Henninger von Wallersbrunn; Foto: Christina Borchers

Ilja Richter (Mitte), Antje Mönning und Thomas Henninger von Wallersbrunn ziehen das Publikum mühelos in ihren Bann.

Foto und Artikel: Christina Borchers, Goslarsche Zeitung von Sa., 16.12.2006

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