Mit Engelszungen:

Der harte Mann zeigt seine Zähnchen

Anne Marie Etiennes Komödie "Mit Engelszungen" überzeugt das Theaterpublikum im Kurhaus

"Schutzengel, die wachen aus der Ferne, die sitzen nicht in Designerklamotten auf meiner Couch." Verleger Xavier hat weder Zeit noch Glauben für seinen Schutzengel übrig. Er muss arbeiten, verkniffenes Gesicht, grauer, teurer Anzug, voller Terminkalender, Telefon, Rastlosigkeit, Lieblosigkeit und dann plötzlich, aus heiterem Himmel dieser weiße, ewig grinsende Typ in seinem Wohnzimmer, einer den er so bald nicht wieder los wird. Das Bad Harzburger Theaterpublikum im Kurhaussaal zeigte sich amüsiert.

Gefühlloser Karrieretyp

Die zweite Vorstellung der Saison am Freitagabend war der leichtfüßigen Komödie gewidmet - eine Inszenierung der Theaterproduktion Düsseldorf. Xavier ist das Paradestück des gefühllosen Karrieremenschen. Die Pariser Komödienautorin Anne Marie Etienne lässt den Geschäftsmann zum Gefühlsmenschen werden, dank des Engels.

Sie scheut dabei weder Klischee noch Pathos: Der harte, gemeine und menschenverachtende Xavier sagt Sätze wie: "Mein Verlag ist kein Klimakteriumsclub." Der vom Engel weichgeklopfte Xavier am Ende des Stücks sagt: "Ich werde versuchen zu suchen." Die daraufhin wacker ausgesprochenen Fragen nach den wahren Werten des Menschseins schaffen einige dröge Momente im ansonsten ganz unterhaltsamen Spiel.

Die Schauspieler waren große Klasse. Bernhard Bettermann als Xavier war schon als Stinkstiefel irgendwie sympathisch, und als er dann Engel-animiert sein erstes Lächeln zeigte - oh ja, der Kerl hatte Charisma.

Martin Armknecht als Engel war ganz Komödiant: überzeichnend, karikierend, rotbackig und gut gelaunt mit großen Gesten agierend gab er seiner Rolle etwas clowneskes - ein bisschen wie Data bei "Raumschiff Enterprise" oder das unerschrockene Kasperle im Puppentheater, nur eben in weiß. "Es sieht gut aus, wenn du lächelst", sagt er zu Xavier, "du hast so hübsche Zähnchen".

Julia Biedermann als Xaviers Liebste Muriel stand für die Herzenswärme im zunächst kalten Ambiente. Die Freunde Eva (Yvonne Ruprecht) und Jo (Jens Hajek) spiegelten Xaviers Welt überzeugend wieder. Für gute Laune sorgten die aberwitzigen Szenen, in denen der Engel "das Bild anhält" oder unsichtbar dazwischenplappernd für Aufregung sorgt.

Ein schönes Bühnenbild hat Klaus-Ulrich Jacob entworfen. Es hatte eine Treppe und sechs weiße Türen für Auf- und Abgänge, weiße Wände und eine rote Couch, ein Ort, wo es den Engel überkommt, auch einmal am Cocktail menschlicher Gelüste zu nippen.

Schlabberanzug

Daniela Piechas Kostüme begleiteten Schritt für Schritt Xaviers Wandel zum Gefühligen hin - erst der Karriere-Designeranzug, dann der "Bin-ich-krank?-Schlabberanzug", am Ende Jeans und Pullover. Die Regisseure des Stücks, Helmuth Fuschl und Anatol Preissler, gaben noch zusätzliche Kommentare ab - in Form von Musikeinblendungen zwischen den Szenen: "Angie", "Hallelujah", "Send me an Angel", "What a wonderful world - überflüssig oder unterhaltsam, das ist Ansichtssache.

Das Publikum im Kurhaus zeigte sich am Ende sehr begeistert. Das ist es, was zählt.

B. Bettermann, J. Biedermann u. M. Armknecht (stehend von links) sowie Y. Ruprecht u. J. Hajek; Foto: Anke Reimann

Amüsierten und begeisterten die Theaterbesucher: Bernhard Bettermann, Julia Biedermann und Martin Armknecht (stehend von links) sowie Yvonne Ruprecht und Jens Hajek.

Foto und Artikel: Anke Reimann, Goslarsche Zeitung von Mo., 13.11.2006

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