André Eisermann:

Wie Ludwigs Wahnsinn wirken kann

Eisermann und Vinje begeistern mit der musikalischen Lese-Performance "Es ist der König" im Schloss

Lächeln, Platz nehmen, spielen. Keine Einleitung. André Eisermann ist sofort drin - voll drin im Leben des Bayern-Königs Ludwig II. Und er nimmt die Zuhörer mit, lässt sie an der Gefühlswelt des Regenten und seiner Begleiter unmittelbar teilhaben. Jakob Vinjes Einsätze am Klavier verstärken das Emotionsstrotzende noch und noch. Zu "erleben" im gut besuchten Bündheimer Schloss war "Es ist der König", eine Interpretation als musikalische Lese-Performance, mit Komponist Vinje und Schauspieler Eisermann, organisiert vom Kulturklub Bad Harzburg.

"Wenn das genauso gut wird wie . . .", die Dame im Publikum ist erwartungsfroh, hatte sie Eisermann doch schon in der "spoken word performance" zu Goethes "Die Leiden des jungen Werther" auf sich wirken lassen. "Ich habe ihn noch nicht erlebt", erwidert ihr Gesprächspartner. "Ein kleiner Exzentriker ist er schon", vernimmt sich daraufhin ihr kurzes Urteil.

Tja, exzentrisch . . . Dazu schreibt der Duden: "außerhalb des Mittelpunktes liegend, gehoben für überspannt". Nun eben überspannt. Ist es nicht ein Attribut, das für einen besonders sensiblen, somit gefühlvollen Menschen steht? Mag sein, dass der sich mitunter fern ab der oberflächlichen Norm bewegt. Aber: Um einen gebrochenen Charakter wie den von Ludwig II. zu verinnerlichen, ihn dann zu "transponieren", fürs Publikum, dazu bedarf es doch wohl reichlicher Empfindsamkeit.

Eisermann geht einem an die Seele, wenn er den "Märchenkönig" spricht. Zu sehen ist der Darsteller, zu spüren der Dargestellte. Seine Rollenwechsel vom Regenten hin zum Vorreiter, zurück zum Regenten, hin zum Kammerdiener, zurück

zum "Kini" . . . und so weiter, sie vollziehen sich so, als ob er nicht allein auf der Bühne stünde. Eisermann ist alle - und alle in ihren Eigenarten. Aber vor allem ist er Ludwig II.

Und der ist anders. Ein homoerotischer Monarch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der sich dem Schöngeistigen statt dem Militärischen widmet. Der das Theater liebt, Richard Wagner verehrt, Kriege ablehnt. Er schläft tagsüber, lebt nachts, ist isoliert. Er lässt sich Märchenschlösser bauen: Herrenchiemsee, Linderhof und Neuschwanstein, für viel, viel Geld. Das vorläufige Ende: Seine Minister lassen ihn durch Nervenarzt Bernhard von Gudden für geisteskrank erklären. Er wird entmündigt, verhaftet. Nachfolger auf dem Thron wird Onkel Luitpold. Ein abgekartetes Spiel der Verwandtschaft? Ludwig fristet sein restliches Dasein auf Schloss Berg am Starnberger See - bis zu seinem mysteriösen Tod 1886. Selbstmord oder Mord?

Eisermann zeichnet die Zerrissenheit Ludwigs nach. Seinen Widerstand gegen alles Gesellschaftliche, aber auch gegen die eigenen Schwächen. Zornesausbrüche wegen der ärztlichen Willkür, die in Raserei ausarten: Eisermann mit anschwellenden Adern, hervortretenden Augen, Speichel spuckend, schwitzend. Könnte so der Wahnsinn sein, den Ludwig durchlitten hat? "Der steigert sich richtig 'rein", sagt der Zuschauer, der ihn vorher nicht kannte.

Das Ende: Gequälter Ludwig geht mit verstörtem von Gudden in den Fluten des Sees unter. Das Ende? Eine Interpretation, wie Eisermann sagt und sich bei den "lieben Freunden aus Bad Harzburg und Umgebung" für deren langanhaltenden Applaus und die Bravo-Rufe bedankt.

André Eisermann; Foto: Angela Potthast

Frauen umschwärmen Eisermann: Begeistert von der darstellerischen Leistung und angetan von der persönlichen Art fernab der Schauspielerei, lassen sich diese drei Zuschauerinnen ein Autogramm geben.

Foto und Artikel: Angela Potthast, Goslarsche Zeitung von

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