Sechs Tanzstunden in sechs Wochen:

Zank und Lügen als Basis

Max Tidof gab Heidelinde Weis im Kurhaus "Sechs Tanzstunden in sechs Wochen"

Zwei Menschen können nicht miteinander, schreien ständig, beschimpfen sich mit dem Ziel den anderen möglichst tief zu verletzen und stellen doch sehr schnell fest, dass es ohne einander nicht mehr geht. Eine Geschichte, wie sie sicher schon tausend mal da war. Selten allerdings so hintergründig und interessant verpackt wie in Richard Alfieris Stück "Sechs Tanzstunden in sechs Wochen", dass Heidelinde Weis und Max Tidof am Freitag im Kurhaus auf die Bühne Bad Harzburg brachten.

Ein aufsässiges Scheusal

Die Story erscheint auf den ersten Blick ganz einfach. Ein homosexueller, zynischer und mitunter recht derber Tanzlehrer gibt einer einsamen und offenbar tief verletzten alten Dame Tanzunterricht. Sechs Tänze in sechs Wochen stehen auf dem Lehrplan - Swing, Tango, Wiener Walzer, Foxtrott, Cha-Cha und moderner Tanz. Aufeinander treffen zwei Menschen wie sie (zumindest auf den ersten Blick) unterschiedlicher kaum sein könnten. Lily Harrison (Heidelinde Weis), eingetragenes Mitglied in der "knöchernen Alte-Schachtel-Fraktion", die sich mit Reformhaus-Magarithas über Wasser hält und Michael Minetti (Max Tidof), ein aufsässiges Scheusal mit soziopathischen Tendenzen. Es beginnt ein Wettlauf der Verrückten, ein stetes und für beide Parteien nervenraubendes Wechselspiel von Vertrauen und Misstrauen, vom Willen zu verletzen und der Angst verletzt zu werden.

Mehr als einmal geraten Lily und Michael so heftig aneinander, dass ein Ende der Stunden unabwendbar scheint. Sie als Spaßbremse, er als unverbesserliches Großmaul. Doch je weiter der Unterricht fortschreitet, desto mehr geben beide von ihren gescheiterten Existenzen preis. Michael von seinem enttäuschten und gestörten Verhältnis zu Liebe (Der "Weihnachtsmann für Erwachsene") und Homosexualität, seiner verlorenen Karriere als Revue-Tänzer. Lily von ihrer toten Tochter, ihrem tatsächlichen Alter und ihrer schweren Krebserkrankung. Es entwickelt sich eine Art subtile Romanze, aufgebaut zwar auf einem Fundament aus Zank und Lügenmustern, aber eben auch tiefgründig und zusammenschweißend.

Im Laufe der Tanzstunden erschließen sich peu à peu die zentralen Lebensprobleme der beiden. Lily kann den Tod der geliebten Tochter bis heute nicht verkraften und macht ihren ebenfalls verstorbenen Ehemann - einen erzkonservativen Baptistenprediger - für ihre Misere verantwortlich. Und Michael ist bis heute nicht über den frühen Tod seiner großen Liebe Charlie hinweg gekommen. Klar wird all dies jedoch erst durch die mitunter manischen Streitereien der beiden. Eben auch eine Methode sich näher zu kommen und schließlich zu erkennen, dass der andere genau der Mensch ist, den man Jahre lang vergeblich gesucht hat.

Humorvoll und kritisch

"Sechs Tanzstunden in sechs Wochen" verband auf eindrucksvolle weise Komödie und Tragödie, war humorvoll und in hohem Maß gesellschaftskritisch und verlangte den beiden Schauspielern vieles ab. Weis gab eine hervorragende Lily, ein wenig in die Jahre gekommen, im Herzen aber jung und mitunter gar revolutionär. Tidof musste sich erst warmspielen, versprühte dann allerdings seinen Charme. Gekonnt tanzend, großartig fluchend und mit perfektem Mienenspiel.

M. Tidof u. H. Weis; Foto: Eike Zenner

"Sechs Tanzstunden in sechs Wochen" verlangten Heidelinde Weis (Lily) und Max Tidof (Michael) einiges ab.

Foto und Artikel: Eike Zenner, Goslarsche Zeitung von Mo., 14.03.2005

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