Arno Surminski:

Das Schicksal einer ganzen Generation

"Vaterland ohne Väter" - Der Schriftsteller Arno Surminski liest im Bündheimer Schloss aus seinem Buch

Ganze 24 Jahre ist es inzwischen her, dass der Schriftsteller erstmals bei der Goethe-Gesellschaft in Bad Harzburg zu Gast war. Seine ersten Romane lagen da bereits vor. Sie sicherten ihm auch hier ein treues Lesepublikum, und im Jahr 1985 erhielt er als einer der wenigen Träger den Literaturpreis der Stadt.

Die Rede ist von Arno Surminski. In einer gemeinsamen Veranstaltung des Kulturklubs und der Goethe-Gesellschaft las der Wahlhamburger am Montag im Bündheimer Schloss aus seinem neuen Buch "Vaterland ohne Väter". Auch in seinem zwanzigsten Roman widmet sich der 70-jährige Autor dem Thema seines Lebens: dem untergegangenen Ostpreußen. Dort wurde Surminski 1934 geboren, es ist die Landschaft, in der er aufwuchs. Bis heute ist die Heimat der Ort seiner Sehnsüchte, literarisch bewahrt er ihr Andenken.

Suche nach Identität

Sandige Chaussee-Straßen, weitläufige Güter, Herrenhäuser und Katen, die Seen Masurens so weit das Auge reicht, eine verschwenderisch artenreiche Pflanzen- und Tierwelt in baltischer Sonne, in der Ferne eine Ahnung der Ostsee. Das Gestüt in Trakehnen, Königsberg und das Bernsteinzimmer - all das war einst mehr als ein Mythos. Beschreibungen, die Nachgeborenen klischeehaft und folkloristisch erscheinen mögen, weisen den Autor im Grunde seines Herzens und schriftstellerischen Schaffens auch als einen Romantiker und genauen Beobachter der Landschaft seiner Kindheit aus.

Im Vordergrund seines neuen Buches variiert Surminski das Thema einer ganzen Generation von Kriegswaisen in einer "vaterlosen Gesellschaft".

Wer war Robert Rosen? Rebeka Rosen, geboren am 31. Januar 1943, begibt sich 60 Jahre nach dem Tod ihres Vaters auf Spurensuche. Sie hat ihn nie kennen gelernt, am Tag ihrer Geburt starb er an der Ostfront. Exakt zehn Jahre nach Hitlers Machtübernahme, inmitten der Kriegswende von Stalingrad - das erscheint zwar konstruiert, doch beschreibt es das Schicksal von Hunderttausenden Jungen und Mädchen beiderseits der Fronten. Nie haben sie ihre Väter kennen gelernt, zeitlebens sind sie auf der Suche nach ihrer Herkunft und Identität.

Anhand von Tagebüchern und Briefen lässt der Autor knapp sechs Jahrzehnte nach Kriegsende seine Protagonistin - dem Alter nach eine Vertreterin der "68-er Generation" - erneut den Weg nach Osten gehen. Dabei verschränkt er in den Erzähl-ebenen Gegenwart und Vergangenheit und präsentiert aus der Perspektive des einfachen "Landsers" neben kriegsalltäglicher Gewalt auch kleine Gesten der Menschlichkeit in einem irrsinnigen Krieg. Sie sind es, die Anlass geben zur Hoffnung und die Versöhnung ermöglichen. So formuliert Rebeka schließlich in einer Gedenkanzeige: "Gefallen für nichts und wieder nichts . . . Ich suchte Mörder und fand Menschen."

Menschen, nicht Mörder

Surminski, der als Kind 1941 den Aufmarsch zum "Unternehmen Barbarossa" in Ostpreußen selbst mit erlebte, las mit ruhiger, fast tonloser Stimme Textpassagen aus seinem voluminösen Roman. Konzentriert, den Blick kaum einmal über den Rand der Lesebrille in die gut besetzten Stuhlreihen gewendet, war ihm anzumerken, dass auch der neue Roman zahlreiche autobiografische Elemente enthält. Seine Zuhörer dankten ihm mit Applaus und nutzten die Gelegenheit, sich das Buch vom Autor signieren zu lassen.

Arno Surminski; Foto: Albrecht Weisker

Ein Autor, zahlreiche Bücher und ein anhängliches Lesepublikum: Arno Surminski signiert nach der Lesung sein Werk.

Foto und Artikel: Albrecht Weisker, Goslarsche Zeitung von Do., 28.04.2005

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