Neujahrskonzert:

Wenn das Kurhaus fast wie die Albert Hall summt . . .

Neujahrskonzert:Staatsorchester Braunschweig servierte "sinfonische Leckerbissen" und machte die traditionelle Strauß-Überdosis vergessen

Nicht nur die erste Melodie erkannten alle. Als Titelmusik für Ernst Stankovskys TV-Klassik-Quiz "Erkennen Sie die Melodie" eroberte Rezniceks spielerisch-schwelgende "Donna Diana"-Ouvertüre einst die deutschen Wohnzimmer - und am Freitagabend beim Neujahrskonzert des Kulturklubs nun den Parksaal des Kurhauses. Ein spielfreudiges Staatsorchester Braunschweig unter Leitung von Jonas Alber servierte die versprochenen "sinfonischen Leckerbissen".

Mit einer Schweigeminute gedachten Publikum und Orchester zu Beginn der Flutopfer in Südostasien. Für die Fluthilfe organisiert der Kulturklub am 15. Januar das Rockkonzert "Harzburger hilft" und das Staatsorchester Braunschweig spielte das Programm des Neujahrskonzertes als Benefizveranstaltung in Braunschweig.

So war es denn auch bereits das vierte Mal, dass das Orchester in die Schatztruhe voller Klassik-Pretiosen eintauchte. Von Ermüdung oder gar Abnutzungserscheinungen jedoch keine Spur. Ganz im Gegenteil: Das Ensemble versprühte vielfach sichtbar Spielfreude, gerade Leroy Andersons rasant-originelle Werke "Fiddle Faddle" nd "The Typewriter" sind in Sachen Fröhlichkeit offenkundig ansteckend. Lachende Gesichter vor und auf der Bühne.

Man musste wahrlich kein Klassik-Kenner sein, um stets nach wenigen Tönen den "Kenn ich"-Effekt zu genießen. Da Werbung und Filmindustrie sehr wohl wissen, wie tief große Musik selbst in kleinen Häppchen die Menschen anspricht, gab es in dem Programm kaum ein Werk, dass nicht auch auf diesen Feldern bereits reüssierte. Doch selbst, wenn manch einer beim "Tanz der Stunden" unwillkürlich an eine Tiefkühltorte oder Disney (Fantasia) gedacht haben mag, der Genialität des Ponchielli-Stücks aus "La Gioconda" kann dies nichts anhaben.

Seinen besonderen Reiz zog dieses Neujahrskonzert auch aus dem steten Wechsel zwischen elegisch-schwelgenden und verträumten Werken auf der einen und mitreißend-feurigen bis schmissigen Melodien auf der anderen Seite. Wobei Aram Khatschaturjan mit dem "Spartacus"-Adagio und dem "Säbeltanz" gleich beide Felder bediente. An die traditionelle Neujahrs-Überdosis Wiener Walzerseligkeit verschwendete zu diesem Zeitpunkt schon niemand mehr einen Gedanken, zumal nach Webers "Aufforderung zum Tanz", Schostakowitschs Walzer aus der Jazz-Suite Nr. 2 (Wer ist eigentlich Strauß?) und vor allen Dingen auch Gades Tango "Jalousie" nicht nur Jonas Alber sichtbar in die Beine fuhr. Zu vernachlässigen ist da der kleine Lapsus auf dem Programmzettel, der Jacob Gades Tango dem großen Romantiker Niels Wilhelm Gade zuordnete.

Sei's drum, das Publikum schwelgte zu diesem Zeitpunkt schon lange allein im Genuss. Und zu Elgars "Pomp and Circumstance" summte das Kurhaus doch tatsächlich wie die Albert Hall zur Last Night - ein bisschen schüchtern zwar, aber immerhin. Spätestens mit den Zugaben - "Stars and stripes forever", "The Typewriter" und schließlich (er darf zum neuen Jahr nicht fehlen) dem Radetzky-Marsch - fiel auch diese Zurückhaltung, dirigierte Alber souverän auch gleich den mitklatschenden Saal.

Anhaltender rhythmischer Beifall. Nur schade, dass einmal mehr einige wenige Konzertbesucher die "standing ovations" mit dem Aufbruchsignal zur Garderoben-Stampede verwechselten. Eine respektlose Unsitte und der einzige kleine Missklang in einem schwelgerisch-schönen Konzertabend.

Jonas Alber; Foto: Werner Beckmann

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Foto und Artikel: Werner Beckmann, Goslarsche Zeitung von Mo., 10.01.2005

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