Oskar Lafontaine:

Damit sich in Berlin nicht nur Frisuren ändern

"Demagoge, der dem Volk nach dem Maul redet?": Lesung mit Oskar Lafontaine wurde zur Wahlkampfveranstaltung mit Unterhaltungswert

Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz im Fernsehjournalismus zu geben: Drehst du einen Beitrag über einen berühmten Mann aus der Politik, komme ja nicht ohne Aufnahmen zurück, wie er aus dem Auto steigt. Dank dieser Regel startete eine Kulturklubveranstaltung, die ohnehin schon aus dem Rahmen fiel, mit einem Hauch von großer weiter Welt: Kamerateams hetzten wie angestochen über den Schlosshof, als "er" vorfuhr - Oskar Lafontaine.

Als der Kulturklub vor einigen Monaten den Entschluss fasste, Lafontaine einzuladen, war er nur ein bekannter Ex-Politiker, der Bücher schreibt und auf Lesereise geht. Keiner konnte ahnen, dass auf einmal Bundestagswahlen ins Haus stehen und Lafontaine plötzlich (aber unerwartet?) wieder von links auf die politische Bühne springen würde. Ungewollt machte das aus der Lesung eine Wahlkampfveranstaltung für einen Mann, der im Fokus des Interesses steht, obwohl oder weil er sich offiziell noch gar nicht zur Wahl stellt. Oder doch? Die Frage stand im Raum. Das Publikum, die Fernsehteams (ZDF, "Spiegel-TV") und Politik-Redakteure gierten darauf, dass Lafontaine sich vielleicht im kleinen Bad Harzburg erklären würde. Er erklärte sich nicht, sprach nur von "Bereitschaft mitzuwirken" - aber es müsse Sinn machen und das tue es nur in einer vereinigten Partei der Linken. Würden PDS und "Wahlalternative" separat antreten, drohe beiden das Scheitern bei 4,9 Prozent. Vereint hingegen, mit Gysi und ihm an der Spitze, wäre die Linke in der Lage, drittstärkste Kraft im Bundestag zu werden.

Dennoch (oder deshalb) machte Lafontaine Wahlkampf, und wenn die Sache nicht so ernst wäre, könnte man ihm dabei sogar hohen Unterhaltungswert zusprechen. Oder ist er der "Demagoge, der dem Volk nach dem Maul redet", wie seine Kritiker sagen? Lafontaines Vokabular jedenfalls brachte ihm Szenenapplaus. Egal ob er vom "armen Hansi Eichel" oder "unserem Ede Stoiber" sprach, ob er Politiker als "trübe Tassen" bezeichnete, vom "Tollhaus" redete, aus dem heraus das Land regiert wird, von "Hirnlosigkeit", Lug und Betrug. Auch seine eigentlichen Kerninhalte brachte er so unters Volk: "Wenn Frau Merkel Herrn Schröder ablöst, ändert sich nichts - nur die Frisur". Große Unterschiede gäbe es in ihrer Politik nämlich nicht. Oder wer hat nach dem CDU-Parteiprogramm gefragt? Keiner. Die Frage, wer Kanzlerkandidat(in) wird, war wichtiger.

Schlag auf Schlag ging es so zu bei der Lesung. Lesung? Ach ja, ein Buch lag auch auf dem Tisch, "Politik für alle", das neueste von Lafontaine. Ab und zu griff er es, blätterte, las ein wenig, kannte es aber auswendig - denn es steht sowieso das drin, was ihn am meisten umtreibt: Die Gründe, warum es mit der jetzigen Politik dem Land gar nicht gut gehen kann. Und warum sich deshalb das Volk die Politik wieder aneignen müsse. Und warum es deshalb eine vereinigte Linke geben müsse. Denn schon jetzt "haben die Querulanten Bewegung in die Politik gebracht".

Applaus und noch mal Applaus: Lafontaine hatte im Schloss die 200 Gäste auf seiner Seite - oder waren nur die gekommen, die dort sowieso schon standen? "Ich darf doch noch Oskar sagen?"

In der Diskussion jedenfalls wirkte es nicht so, als ob irgendwer die Thesen des Mannes ernsthaft hinterfragte, auch wenn das einige der Fragenden bestimmt etwas anders sehen: "Haben sie gemerkt, wie er mir ausgewichen ist?" Nein.

Letztlich gewann das Gefühl überhand, einem berühmten Menschen gegenüberzusitzen, der allerdings seinem Grundsatz treu blieb, nahe beim Volk zu sein. Bereitwillig wurden Autogramme gegeben und oberflächlicher Smalltalk gemacht. Natürlich bekamen Journalisten noch kurze Statements, inklusive einem freundlichen "Danke, meine Herren"-Abschlusslächeln. Dann huschte Lafontaine eilig hinaus zum wartenden Auto. Und die Fernsehteams hetzten wieder hinterher, denn das ungeschriebene Gesetz scheint sich konsequenter Weise auch aufs Einsteigen zu beziehen.

Oskar Lafontaine; Foto: Holger Schlegel

Kamera von rechts, Kamera von links, dazwischen Oskar Lafontaine nah am Volk: Eine derart "medienbegleitete" Signierstunde erlebte eine "normale" Kulturklublesung noch nie.

Artikel und Foto: Holger Schlegel, Goslarsche Zeitung von Fr., 10.06.2005

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