Jess Jochimsen:

Irgendwo zwischen halber und ganzer Wahrheit

Kulturklub präsentierte Jess Jochimsen und Sascha Bendiks im Bündheimer Schloss mit ihrem Exkurs über "miese Bräuche"

Die Entstehungsgeschichte Bad Harzburgs muss neu geschrieben werden. Die ersten Siedler, die das "Einbahnstraßen-El-Dorado" erreichten, fanden nicht mehr heraus und ließen sich resigniert nieder. Schon das zweite Gastspiel im Harz genügte Jess Jochimsen, um die Kurstadt-Chronik grundlegend zu revidieren. Das vergleichsweise eher spärliche Publikum im Bündheimer Schloß dagegen dürfte an dem Auftritt länger zu grübeln haben. Was war das eigentlich, was Jochimsen und Sascha Bendiks dort boten?

Kabarett, na klar. Chansonabend - auch. Schräge Diashow? Sicher. Ein bisschen Blues, ein bisschen Rock. Deutlich mehr Lesung. Dann auch noch eine ordentliche Portion Comedy. Passt alles, stimmt aber alles auch nicht so richtig. Und vielleicht war es ja auch wirklich nur der von Jochimsen beschworene alte Heizdeckentrick, der ganze Abend eine einzige Verkaufsschau, denn am Ende konnten CD und Bücher erstanden werden.

"Flaschendrehen und andere miese Bräuche" ist das neue Jochimsen-Programm überschrieben. Wobei diese Bezeichnung im Wortsinn nur die halbe Wahrheit ist, denn neben Jess Jochimsen bestreitet Sascha Bendiks, genannt "Die halbe Wahrheit", einen wesentlichen Teil des Auftritts. Insofern war auch die Ankündigung des Kulturklubs nur die halbe Wahrheit, denn Bendiks als den Musiker des Teams zu bezeichnen, ist auch so ein Zweifelsfall. Klasse Musiker sind offenkundig beide und gute Kabarettisten (oder Liedersänger, oder Diashow-Vorführer, oder Rezitatoren) auch.

Natürlich war es ebenso Kabarett wie Comedy, gewürzt mit einer Prise Philosophie-Erstsemester, wenn die beiden über den Niedergang deutscher Café-Kultur schwadronierten, die "heutige Jugend, die mit ihren tiefergelegten Jeans das Trottoir fegt" beobachteten oder sich daran erinnerten, dass die Pubertät doch jene Zeit gewesen sei, in der "die Eltern so komisch wurden".

Ein ganz und gar seltsamer Brauch verdiente längere Beachtung. Heiraten. Die Antwort auf die Frage, warum auf Hochzeits-Einladungskarten immer solch verschrobene Sätze wie "Wir trauen uns" stehen, nie aber die Rede von Steuervorteilen, Kinderkriegen oder gar Liebe sei, vermochten jedoch auch Jochimsen und Bendiks nicht zu geben. Stattdessen philosophierten sie weiter über den Unterschied zwischen Love-Songs mit und ohne Hochschulabschluss. Einfache Antwort: Ohne-Songs nutzen allein den Vornamen ("Angie"), Mit-Songs dagegen den vollen Namen ("Eleanor Rigby"). Womit ach gleich klar war, in welche Kategorie das Jochimsen-Bendiks-Duett über "Dörte Becker" gehörte.

Und was war das nun eigentlich für ein Abend? Egal, er war gut. Und wer danach zu Hause den Fernseher anschaltete und gleich auf zwei Sendern Retro-Shows auf sich einrieseln lassen konnte, mag sich an Jochimsens Frage erinnern: "Wann gibt es endlich eine 40er-Jahre-Show? - Meinem Opa würde die gefallen".

S. Bendiks u. J. Jochimsen; Foto: Werner Beckmann

Eine zerrissene Hose und "miese Bräuche": Sascha Bendiks und Jess Jochimsen.

Foto und Artikel: Werner Beckmann, Goslarsche Zeitung von Di., 19.04.2005

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