Eva Maria Hagen:

Bedürfnis nach Unabhängigkeit als Leitmotiv

Eva-Maria Hagen las im Bündheimer Schloß aus ihren Lebenserinnerungen "Eva jenseits vom Paradies"

Erschreckendes und Amüsantes, Unerhörtes und Liebenswertes erlebte ein überraschtes Publikum am Sonnabend mit Eva-Maria Hagen im Bündheimer Schloß. Wer ihr nicht schnell verfallen war, suchte den Anschluss vergebens.

Eine Frau, die polarisiert. Vielleicht schon dadurch, dass sie sich so ganz "un-alt" gibt. Mit flatterndem grünen Rock, hautengen Stretchoberteil, Stöckelschuh und fallendem Schal tritt eine Frau Jahrgang 1934 doch nicht auf, oder? Gottseidank doch. Das macht Hoffnung auf das Alter und enthält Vorbild-Charaker. Das Unkonventionelle von Tochter Nina, Enkelin Cosma Shiva und ihr selbst ordnet Eva-Maria Hagen eindeutig den Vorfahrinnen zu. Wobei der Abend deutlich im Weiblichen dominierte. Mutter Agnes, zwar katholisch erzogen, aber früh durch "Fehltritte" gekennzeichnet, und Großmutter Antonie, die selbst keinen strengen Lebenslauf verfolgte: "Das Bedürfnis dieser Weiber nach Unabhängigkeit" - ein Leitmotiv der Hagen-Frauen.

"Eva jenseits vom Paradies" heißt das Buch, das sie im Schloß auf Einladung des Kulturklubs vorstellte und das sie "einfach schreiben musste". Ihr Leben zwischen Weltkrieg, DDR und Erfolgen in Ost und West stellt sie ganz unspektakulär dar. Die Stakkato-Lesung, ein stilistisches Mittel, das nicht jedem gefiel, war vielleicht die einzige Möglichkeit, um so viel Leid doch in Zusammenhang zu stellen mit dem Schönen oder auch Witzig-Derben.

Die erfolglosen Versuche der Mutter, dieses Kind abzutreiben, kann Eva-Maria Hagen ironisch-pointiert darstellen: "Ich war nicht einverstanden mit dem Abbruch unserer Beziehungen." Jeder kehre vor seiner eigenen Tür, kommentiert sie kurz. Kalaschnikovs gerichtet auf Kinder, wochenlange Transporte im Viehwaggon - "wir wuschen uns nur mit Milch - hmm, meine Haut..." - oder auch der Selbstmord-Versuch in der Isolationszelle nach einer Revolte im Mädchenheim, machte betroffen. Auch sie selbst. Erinnerungen wiegen schwer, so dass Eva-Maria Hagen oft stockte, dachte und fortfuhr: "Ich habe vieles verdrängt, beim Aufarbeiten viel seelischen Schmerz erlebt." Doch sie ließ die Betroffenheit nicht so weit zu, dass sie den Raum beherrschte. Die Fähigkeit, sich mit einem Augenzwinkern wieder zu erden, scheint ihr Rezept zum Überleben zu sein. Genau wie die hypothetische Frage, die Gottvater - genannt "der Alte" - in ihrem Buch stellt: "Hast du dein Leben gelebt oder leben lassen?"

"Wo ich ging und stand, habe ich die Möglichkeit zum Singen und Tanzen gesucht." Im Schloß dabei war auch die Gitarre, die sie seit ihrer Jugend spielt. "Es gab kein Kofferradio, ich kannte alle Schlager der Fünfziger." Brecht habe dafür gesorgt, dass sie nicht in die Schlagerrichtung abdrifte, schmunzelte sie. Zu ihrem Buch stellte die Künstlerin Volkslieder, ergreifend vorgetragen, von Heine bis zu russischen Weisen. Die Zugaben entstammten den Federn der revolutionären Freidenker, derb-witzig von den "Jungfrauen, die sich totgeekelt haben" und eindeutigen Vorschlägen über das Drachentöten.

Hier hatten auch die Männer Platz, als Erzeuger oder verehrte Künstler, darunter Brecht, "wie Jesus mit seinen Jüngern kam er mir vor", der so unauffällig gewesen sei, dass sie ihn zunächst für einen Techniker gehalten hatte. Poetisch und sprunghaft schenkte sie ihrer Familie und dem Publikum diese Lebensgeschichte: "Sie wissen schon - oder nicht?"

E.M. Hagen ; Foto: Ina Seltmann

Mit Julian, Sohn des Kulturklub-Vorstandsmitglieds Ina Sattler, verstand sich Eva-Maria Hagen sofort und sprach ihn im Vortrag auch mehrmals direkt an. Er begleitete sie zur Bühne und trug die Gitarre.

Foto und Artikel: Ina Seltmann, Goslarsche Zeitung von Di., 07.06.2005

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