Bo Doerek:

. . . und am Ende dann doch die Mama

Zickige "Kiez-Comedy" mit "Bo Doereck": "Engel von St. Pauli" auf der Suche nach Mitbewohnern

Michael der Zuhälter wäre ein guter Agent, glauben Alexandra Doerk und Hubertus Borck, alias "Bo Doereck". Veranstaltern könnte vermittelt werden, wie wichtig eine pünktliche Gagenzahlung ist und Zeitungsleuten, die eine negative Kritik über das Comedy-Duo schreiben, würde die Hand gebrochen. Ganz, ganz toll war das, was "Bo Doereck" da am Sonnabend im Bündheimer Schloss präsentierten. Superklasse, unheimlich witzig, geistvoll, gekonnt, bestens gemacht, mit Stil und Charme. Prima, prima, prima!

Es braucht keinen Michael und dessen martialische Methoden. Der Kulturklub als Veranstalter dürfte ein zügiger Gagenzahler sein und Grund für schlechte Kritik gibt es nicht. Negatives war nicht zu finden an diesem Abend. Doch: Die Besucherzahl. Vielleicht 60 Gäste wollten lieben Comedy sehen, als Fußball, beziehungsweise zogen das Schloss der heimischen Terrasse vor.

Wobei die Gäste in Wirklichkeit nicht gekommen waren, um Comedy zu sehen. Vielmehr hatten Borck und Doerk in ihrer Reeperbahn-Wohngemeinschaft ein Zimmer ("20 Quadratmeter nicht saniert, aber total charmant - wie Alexandra") zu vergeben. Da sind 60 Bewerber ein Batzen. "Wer will bei uns einziehen", war das Leitmotiv des Programms, und nach einiger Zeit war man als potenzieller Mitbewohner hin und her gerissen zwischen "bloß nicht" und "warum nicht". Denn die "Engel von St. Pauli" stellten sich ihren Gästen als Paar vor, das nichts lieber macht, als sich so derb anzuzicken, dass man schon mal den Fernseher sparen würde. "Paar" - ohnehin das falsche Wort. Hubertus ist schwul (" . . . aber mehr Mann, als die meisten Hetentypen und mehr Frau, als die je bekommen werden") und auf der Suche nach Männern für ein Abenteuer. Alexandra ist Single (und zwar seit so langer Zeit, dass sie schon fast wieder Jungfrau ist) und auf der Suche nach einem Mann fürs Leben. Ach, und dann wäre da noch Uli (Kringler), dritter Bewohner und Gitarrist des Duos. Ein Typ, der ziemlich normal ist - abgesehen von einer gewissen Antipathie gegen Geruch.

Während Uli mit der "Febreeze"-Flasche umherläuft und auch sonst in der WG handwerklich halbwegs für Ordnung sorgt (bei "Retro-Stromleitungen" aus den 50er Jahren nicht immer nur einfach), leben Hubertus und Alexandra ihr schrilles Kiezdasein aus. Schrill? Oder so normal, wie das in Bad Harzburg? Sie zum Beispiel liebt Nordic Walking, was für Hubert ein bemitleidenswerter Sport für Weicherer ist, die zu feige für Freeclimbing sind: "Walking sah schon scheiße aus, warum jetzt auch noch mit Stöcken?" Hubertus hat's nicht so mit gesundem Leben, er raucht auch wieder, was nicht nur Uli stinkt, sondern bei Alexandra Entsetzen wuchern lässt: "Dein Gesicht sieht im nächsten Jahr aus, wie der Hals von Uschi Glas". Wie wäre es mit einer Selbsthilfegruppe zum Abgewöhnen? Solche gibt es doch mittlerweile für jede Sucht, sogar Sexsucht. "Leute die dauerspitz sind, sitzen mit Leuten zusammen, die dauerspitz sind? Als wenn man einen Haschsüchtigen in einer Hanfplantage anbinden würde!"

Will man mit solchen Leuten in einer WG wohnen? Warum nicht? Denn das Trio macht nicht nur wegen seines derben, dreckigen, zickigen und doch feinen Humors Spaß. Es kann auch sehr gut Musik machen - was für eine Wohngemeinschaft von Vorteil ist. Die Gesangseinlagen im Programm waren perfekt und gut gemischt, mal witzig, mal cool, stets mit Stil, immer von bester Qualität. Also war man kurz davor, "hier" zu schreien, als es daran ging, denjenigen auszuwählen, der einziehen darf. Wenn - ja wenn nicht am Ende ein lieber Mensch den Vorzug bekam, den man die ganze Zeit schon als böse Vorahnung auf der Rechnung hatte: Die Mama von Hubertus . . .

A. Doerk u. H. Borck; Foto: Holger Schlegel

Alexandra Doerk und Hubertus Borck stellten ihren potenziellen Mitbewohnern im Schloss das Leben auf St. Pauli vor.

Foto und Artikel: Holger Schlegel, Goslarsche Zeitung von Di., 31.05.2005

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