Rufus Beck:

Nicht zum Mond, sondern in die Welt Christopher Boones

Vom Kulturklub präsentiert: Schauspieler Rufus Beck las Mark Haddons "Supergute Tage" im Bündheimer Schloss

Sonntagabend im Bündheimer Schloss: dreiste Grippeviren sabotierten die geplante "Reise von der Erde zum Mond". Der Schauspieler Rufus Beck hatte ungefähr einhundert Zuschauer in einer Lesung dorthin mitnehmen wollen, doch seine Stimme war zu sehr angegriffen, um zwanzig verschiedene Charaktere zu intonieren. Mit der noch vorhandenen Stimmkraft ging die Tour stattdessen nach Wiltshire/England zu dem 15jährigen autistischen Jungen Christopher Boone.

"Supergute Tage" heißt das Buch von Mark Haddon. Dessen Held Christopher erzählt von seinen Anstrengungen, den Mord an Mrs. Shears Hund aufzuklären. Das ist eine schwere Aufgabe für ihn, denn sie führt ihn aus seiner sicheren Welt der Ordnungszahlen, Uhrzeiten, Fakten und Rituale in die beängstigend chaotische Welt seiner Mitmenschen, ihrer Gesichter, die er nicht zu deuten weiß.

"Ich heiße Christopher. Ich bin 15 Jahre, drei Monate und zwei Tage alt. Ich kenne sämtliche Primzahlen bis 7507." Ein Beamer projiziert Primzahlen an die Schlosswand Rufus Becks Stimme verwandelt sich in die Stimme des Jungen. "Es war ein Uhr zwölf, als mein Vater bei der Polizeiwache erschien. Gesehen habe ich ihn erst um ein Uhr einundzwanzig".

Christopher hat den Hund nicht getötet, doch er will nun herausfinden, wer es war. Ein Bild von den Häusergrundrissen in Christophers Straße erscheint, Pfeile, später ein mathematisches Problem, eine Liste: "ich bin verhaltensauffällig weil . . .", atomare Strukturen, wieder Pfeile, dazu die Klänge eines afrikanischen Daumenklaviers (Sanza) - Christopher muss weit über seine Grenzen hinausgehen.

Der tote Hund gerät in den Hintergrund als der Junge bei seiner Suche entdeckt, dass seine Mutter gar nicht seit zwei Jahren tot ist, sondern in London lebt und sein Vater ihre Briefe versteckt hält. "Vater konnte ich nicht mehr trauen", eine Feststellung ohne Trauer, nur logische Schlussfolgerung. "Ich beschloss, herauszufinden, wie man zum Bahnhof kommt". Christopher schafft es, bis nach London zu kommen. Rufus Beck lässt ihn voller Angst stöhnend und tagträumend in einer Londoner U-Bahn-Station zurück. Die Menschen, die seine Geschichte hören, fühlen mit Christopher, obwohl er selber kein Mitgefühl empfinden kann, sie lächeln über seine Schlussfolgerungen, obwohl er deren Komik selber nicht begreift. Würde er es irgendwann schaffen, in einen der Waggons zu steigen und zu seiner Mutter zu fahren?

Hier verstummte die Stimme, und das Publikum fand sich im Bündheimer Schloss wieder. Rufus Beck hatte es verstanden, die Leute in Christophers Bann zu ziehen: "Ein Buch ist wie ein Orchester, meine Stimme bringt es zum Klingen." So war es. Es gab Autogramme vom Meister auch für die jungen Harry-Potter-Hörbuch-Fans und einen Verkaufstisch mit zahlreichen weiteren Hörbüchern der Edition Rufus Beck. Die Reise zum Mond war vergessen. Die Grippeviren verröchelten im Taschentuch.

Rufus Beck; Foto: Anke Reimann

Rufus Beck gibt seinem Publikum Autogramme und auch Antworten auf alle Fragen.

Artikel und Foto: Anke Reimann, Goslarsche Zeitung von Mi., 26.10.2005

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