Charles M. Huber:

Weihrauch, Häuptlinge und Hühnerflöhe

Der Schauspieler Charles M. Huber las auf Einladung des Kulturklubs im Bündheimer Schloss aus seiner Autobiografie

Was einem "Negerbaby" ohne Vater in einem katholischen Dorf in Niederbayern widerfährt, und wie ein junger Mann auf der Suche nach der eigenen Identität zwischen zwei Kulturen verharrt, war aus erster Quelle im Bündheimer Schloss zu erfahren - der dunkelhäutige Schauspieler Charles M. Huber war zu Gast beim Kulturklub.

Groß, lächelnd, in rotem Hemd und grauer Jacke - so tritt Charles M. Huber auf die hell beleuchtete Bühne. Ohne Mikrofon begrüßt er seine gut 70 Zuhörer, wodurch sofort eine Nähe zum Publikum hergestellt ist. Bekannt aus der Krimiserie "Der Alte", in der er die Rolle des Inspektors Henry Johnson spielte, veröffentlichte Huber kürzlich seine Autobiografie "Ein Niederbayer im Senegal - Mein Leben zwischen zwei Welten", die es vorzustellen galt.

So beginnt er mit der "spektakulären Ankunft des Negerbabys" Karl-Heinz Huber im Niederbayern der fünfziger Jahre. Das "braune Ding", wie er sich selbst bezeichnet, entwickelt sich allmählich zu einem wissensdurstigen Individuum. Trotz der unübersehbaren Unterschiede seines Äußeren und der dies bezüglichen Frotzeleien der Provinzler, sieht er sich selbst "ohne wenn und aber" als Niederbayer.

Seine Entdeckerlust führt den jungen Farbigen, der bei seiner Großmutter in einfachen Verhältnissen aufwächst, zu Bäcker, Schmied und Bauer, denen er bei der Arbeit zusieht. Auch die Gefilde des Dorfmetzgers, "der seinen armen Opfern ähnelte", bleiben Karl nicht unbekannt. Einmal lockt ihn die Metzgerfrau unter Vorwand zum Eier Einsammeln in den von Hühnerflöhen beherrschten Stall. Doch anstatt dem Unbedarften wie abgemacht seinen Anteil auszuhändigen, faucht sie: "Schleich di, sonst kriegst a Latschen!"

Die rauchig warme Stimme Hubers, die das Publikum von Beginn an in ihren Bann zieht, vermag glaubhaft und bildlich darzustellen, was der Prominente von seiner Jugend preisgibt. Insbesondere eine Mimik, die zeitweise wirkt, als säße nicht der erfahrene Schauspieler Charles Huber an dem mit weißem Tuch umhängten Tisch auf der Bühne, sondern als spräche der kleine Karl-Heinz vom Lande, macht das Erzählte lebendig wie authentisch. Fast scheint Huber, der souverän durch den Abend führt, zum Teil selbst in die Vergangenheit zurückversetzt zu sein.

Äußerst amüsant ahmt er "den ersten Kulturschock seines Lebens" nach: Als er, bei seiner in München lebenden Mutter angekommen, zum ersten Mal in gutem Hause zu Abend isst, bangt der Landbursche um seine Speisen - wie ein Boxer, der in jedem Tischnachbarn einen potenziellen Gegner wähnt. Tischmanieren? Fehlanzeige!

In der Großstadt weitestgehend unbekannt, sichert sich der Junge die allgemeine Aufmerksamkeit, indem er Geschichten aus dem Busch erfindet: Gegen Löwen und Schlangen habe er früher in Afrika um sein Leben gekämpft. Seinem Vater, in Wahrheit ein senegalesischer Diplomat, den Huber zu dieser Zeit nur aus einer Zeitschrift kennt, dichtet er die Identität eines Stammeshäuptlings an.

Als 25-Jähriger reist Huber schließlich in den Senegal, wo er auf der Suche nach seinem Vater zunächst auf das Büro seiner Tante im Präsidentenpalast stößt. Was den Sohn zweier Kontinente, der zwischen vollkommen unterschiedlichen Kulturkreisen seine eigene Identität finden möchte, hinter jener Tür im Palast erwartet, bleibt an diesem Abend dem Publikum vorenthalten - und Huber schürt damit um so stärker die Spannung auf sein Buch, das nach seiner Vorstellung im Bündheimer Schloss noch einige Abnehmer findet.

Charles M. Huber; Foto: Anke Schauer

Nach seiner Lesung fand Charles M. Huber Zeit für eine Autogrammstunde und manch kleinen Plausch mit dem Publikum.


Foto: Anke Schauer, Goslarsche Zeitung Artikel: Anke Schauer
GZ von Di., 07.09.2004
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