Der Beweis:

(Liebe + Trauer) x Genie = Wahnsinn?

"Bühne Bad Harzburg" legte mit dem Schauspiel "Der Beweis" einen gelungenen Start in die Spielzeit hin

Mathematik! Der Durchschnittsbürger hat von ihr nur noch rudimentäre Kenntnisse, aber die reichen in der Regel, um durchs Leben zu kommen. Der Rest ist unbekannt, vergessen, verdrängt. Und dann geht man ins Theater, um sich ein Schauspiel anzuschauen, in dem drei Viertel der Handelnden Mathematiker sind? Wird man da als Zuschauer irgendwann inhaltlich aufstecken müssen?

Man musste nicht. "Der Beweis" von David Auburn, mit dem die "Bühne Bad Harzburg" ihre Saison eröffnete, war ein fesselndes Stück Menschlichkeit, erst still, dann packend erzählt und herzerweichend gespielt. Und die Mathematik diente "nur" als Katalysator, um zu zeigen, dass sich das Leben nicht logisch leben lässt.

Catherine (Susanne Uhlen) hat Angst, wahnsinnig zu werden. Nicht unbegründet. Ihr Vater Robert (Gerhard Friedrich) wurde es. Schon vor Jahren ging "die Maschine", wie der Mathematikprofessor seinen begnadeten Intellekt nannte, kaputt. Totalschaden. Zuletzt rechnete er nur nur aus, dass bei vier Monaten Kälte und vier Monaten Hitze vier Monate unbestimmter Temperatur bleiben und "x = der Monat der vollen Buchläden" ist.

Catherine pflegte ihn in diesem Zustand jahrelang, gab dafür ihre eigene Karriere als Mathematikerin auf. Nun ist Vater tot und Catherine am Rande des Wahnsinns. Jedenfalls hält sie ihren Zustand dafür. Aber ist es nicht vielmehr einfach nur Verwirrung? Verunsicherung, weil die Welt aus den Fugen geraten ist? Immerhin wurde Liebe von Trauer abgelöst und da hat rationales, logisches Denken vorerst keinen Platz. Ihre Schwester Claire (Ruth Elisabeth Spichtig) ist in dieser Situation keine große Hilfe. Sie kommt aus New York zu Catherine nach Chicago, um Vater zu beerdigen, dabei alte Freunde wiederzutreffen und die Schwester mitzunehmen. In ein hübsches Appartement oder - da es ja womöglich ratsam ist - zu einem guten Arzt. Sie meint es ja nur gut.

Catherines Welt, die nach Vaters Siechtum und Tod ohnehin in Scherben liegt, ist endgültig zerstört. Einziger Halt: Gespräche mit dem Verstorbenen und Rückblenden in eine Zeit, die von Harmonie, Liebe und Humor selbst während der keimenden Krankheit geprägt war - alles meisterhaft ins Theaterstück integriert.

Dann auch noch Hal (Ralph Martin), ein ehemaliger Student und Verehrer des Vaters (allerdings auch der Tochter): Er sichtet den Nachlass, was Catherine misstrauisch werden lässt. Besonders, als er einen sensationellen mathematischen Beweis findet, den er Robert zuschreibt - dessen Urheberschaft jedoch Catherine für sich beansprucht. Ist sie jetzt endgültig durchgedreht? Will sich der junge Wissenschaftler, dem bisher der große Erfolg missgönnt war, am geistigen Erbe Roberts (oder Catherines) gesund stoßen? Will er nicht. Das merken Zuschauer und Catherine aber erst sehr spät. Fast zu spät, denn die junge Mathematikerin hatte die Grenze zwischen Genie und Wahnsinn schon fast wirklich überschritten.

Eine Geschichte über den Geist, die zu Herzen ging, ohne kitschig zu werden - trotz einer eingeflochtenen Liebesgeschichte zwischen Hal und Catherine. Aber auch eine Geschichte, die trotz ihres Tiefgangs für sich genommen nicht automatisch einen gelungenen Theaterabend garantiert. Doch das Schauspieler-Quartett gab dem "Beweis" und seinen Figuren Leben und Authentizität. Unaufdringlich und ohne unangenehmes Pathos.

Der Beweis (v.l.n.r.): R. Martin, R. E. Spichtig, G. Friedrich, S. Uhlen ; Foto: Holger Schlegel

Susanne Uhlen (Catherine, rechts), Ruth Elisabeth Spichtig (Claire), Gerhard Friedrich (Robert, rechts) und Ralph Martin (Hal) bescherten mit "Der Beweis" von David Auburn dem Bad Harzburger Theater einen sehr gelungenen Saisonauftakt.
Foto: Holger Schlegel, Goslarsche Zeitung Artikel: Holger Schlegel
GZ von Mo., 15.11.2004
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